Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 285 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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285 strebte. Hinreißend ist seine Apotheose dieses Apostels der Liebe und Demuth, welche zugleich eine Apotheose des Judenthums ist. Sie ist zuerst in diesem Blatte erschienen. Ein grelles Gegenstück des morgenländischen Weisen, welcher als den Grund und die Wurzel der ganzen Gotteslehre die Nächstenliebe und alles andere als Erklärung des Cardinalsatzes: „Was Dir nicht lieb ist, was Dir verhaßt, das thue auch nicht den anderen" bezeichnete, ist Torquemada, der Schrecken sprechende und Blut schreibende Großinquisitor Spaniens. In einem packenden, dramatisch bewegten Gedichte schildert Weiß sein grauses Ende. In einer von düsterem Kerzenschein erhellten Halle liegt der Massenmörder mit eingesunkenen Augen und leichenfahlem Antlitz auf einem Purpurbette sterbenskrank darnieder. Die dürren Hände umklammern fest ein Kreuz, das er manchmal ungeduldig an die Lippen preßt. Plötzlich hebt er sich krampfhaft von dem Lager empor und gebeut den Dominicanermönchen, noch einmal die Flammeri für die Ketzer zu schüren, damit er noch sterbend für die Kirche Zeugniß ablege, im Angesichte einer in majorem Dei gloriam rauchenden Menschenhekatombe himmelwärts entschwebe. Und da er sich rühmt, das Land wohl bestellt zu haben, da war es ihm, als rief es: „Ja, wie ein Leichenfeld!" „Nein, nein! — Gleich wie ein Garten" — der Kranke schreit es laut — „Besetzt mit rotheu Rosen — Nein, nein! mit Blut bethaut — „Weh' mir! — Dort, dort! — Die Todten, vom ew'gen Schlaf erwacht — So helfe Gott mir, Amen! —Still, still! — Es ist vollbracht!" So packt ihn das Gewissen zuletzt noch fürchterlich, Der Richter — Inquisitor hat selbst gerichtet sich. Entstellt, verstört die Mienen, fährt keuchend auf der Greis, Ein wilder Krampf. daun Stille. Die Priester murmeln leis. Die Majestät des Gewissens findet auch in dem „Tod Abels" eine schaurig-schöne Illustration. Es ist ein hochpoetischer Gedanke, daß die ganze Natur durch den frevelhaften Brudermord, welcher der erste seit der Schöpfung vorgekommene Menschenmord war, in Aufruhr gerieth, und er ist malerisch ausgeführt. Der „Satan" ist Geist vom Geiste der jüdischen Moralphilosophie, für welche der Dualismus zwischen dem guten und bösen Prinzip, zwischen Gott und dem Teufel ein überwundener Standpunkt ist. Wir können unsere Blüthenlese aus Weiß^ Gedichten nicht schöner abschließen, als wenn wir seiner kongenialen Nachenipfindung und Nachdichtung des 137. Psalms „An den Wassern Babels" gedenken. Die moderne Gewandung thut der Ursprünglichkeit des prachtvollen Psalms nicht im mindesten Eintrag. Mit Vergnügen konstatiren wir, daß unser Dulder auch ein jüdischer Dichter war. Er hing mit Begeisterung an feinem angestammten Glauben, welcher ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Manche seiner Gedichte athmen, wie wir gesehen, den frischen und erfrischenden Erdgeruch des Judenthums, das er mit ganzem Herzen nud ganzer Seele liebte. Tief erschüttert nehmen wir von dem Dichterphilosophen Abschied, der sich trotz seines kurzen Erdenwallens durch sein Singen und Sagen ein dauerndes Denkmal errichtet hat. Wir wünschen den Gedichten eine weite Verbreitung und eine baldige zweite Auflage, zumal noch eine stattliche Anzahl von Gedichten, die in seinem Nachlasse gefunden wurden, der Veröffentlichung harrt. Urbilder moderner Frauencharaktere im alten Testament. Von Gertrud Gräfin B ü l o w von D e u u e w i tz. 1. (s jSn den nachfolgenden Betrachtungen, denen weder eine JiJ/ nationale noch religiöse Tendenz zu Grunde liegt, soll der Nachweis geliefert werden, daß es bereits in weit abliegender Vorzeit weibliche Charaktere gegeben hat, welche deutlich erkennbare Züge der modernen Frau tragen und deshalb für die Gegenwart voll hohein Interesse sind. Vor allem ist es nothlvendig, sich über die Bedeutung des Wortes „Emanzipation" zu verständigen. Leider wird noch immer von der Mehrzahl der gebildetell Menschen, ganz besonders aber in Deutschland, an dieses Wort die grundfalsche Vorstellung geknüpft, daß darunter eine willkürliche Lossagung von Sitte, Anstand und Moral zu verstehen sei, und Viele beurtheilen die Frauerlbewegung als eine Krankheitserscheinung, lvelche sich früher nur als Schrulle vereinzelter weiblicher Wesen zeigte, jetzt aber wie eine ausgebrochene Epidemie gefahrdrohend auf das öffentliche Leben einzuwirken beginnt. Die emanzipirte Frau ist nach der Meinung dieser Leute ein aus der Art geschlagenes Geschöpf, das eigenrvillig sowohl die Gesetze der Natur zu verleugneli, als auch die ihm von Staat und Gesellschaft wohlweislich angewiesenen Schranken zu durchbrechen trachtet, und, je nachdeur eine solche Frau ihre natürliche Bestimmung nicht erfüllen will oder nicht erfüllen kann, muß sie entweder eine Entgleiste im schlimmen Sinne oder eine Entwurzelte im beklagenswerthen Sinne werden. Dies sind die Ansichten, welche unablässig verkündigt und angenommen werden von allen denjenigen, welche die Bewegung mißverstehen und sich die Mühe ersparen wollen, sie auf ihre Berechtigung und Nothwendigkeit hin zu prüfen. Was ist nun Emalizipation im richtigen Sinne? Für das ganze weibliche Geschlecht bedeutet sie: Befreiung von veralteten, unbegründeten Vorurtheilen und Beseitigung von gesetzlichen Einschrällkungen, welche nicht länger haltbar sind, weil die Entwicklung der sozialen und wirthschaftlichen Verhältnisse gebieterisch eine Abänderung fordern. Für die Frau als Einzelwesen bedeutet sie: Das Erringen der Möglichkeit, ihr Leben nach individueller Neigung und Begabung auszugestalten. Die Emanzipation als ein aus die gesammte Frauenwelt Bezug nehmendes Streben und Ringen ist neu; es sind aber von den urältesten Zeiten an in der Geschichte aller Kulturvölker vereinzelt weibliche Erscheinungen aufgetreten, welche nicht allein aus der Mitte ihrer Geschlechtsgenossinnen, sondern aus der Masse der Menschen überhaupt hervorragten, deren gute und böse Thaten einflußreich genug waren, um von den Geschichtsschreibern ihrer Zeit oder den Dichtern ihres Volkes der Ueberlieferung auf spätere Geschlechter gewürdigt zu werden. Die verbreitetste Sammlung von derartigen Ueberlieferungen enthalten wohl die Bücher der Bibel. Man hat letztere zwar ein Volksbuch genannt, sie ist auch irr den Händen jedes Schulkindes, und wir werden mit der biblischen Geschichte groß gezogen; und dennoch — wie fremd ist den meisten Menschen das alte Testament, wie wenig erforschen selbst die Gebildetsten diese Fundgrube kulturhistorischer Schätze! Und nun gar die bcmu vorkommenden weiblichen Gestalten, wie unbeachtet sind gerade die beachtenswerthesten unter ihnen geblieben.