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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-15 · Heft 24 (15.6.1900) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
Seite 284 (sequence 10)
Language
German
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284 innigen und regen Verkehr unterhielt. So erschloß sie ihm ihre Seele, sie lächelte ihm der Schöpfung herrlichste Gedanken zu, die leisesten Flüstertöne des Daseins wurden ihm vernehmlich, alles was sich in ihm und um ihn her regte, hatte für ihn eine vertraute Sprache, und er spann zarte und feine Fäden zwischen Natur Mld Leben. Das im gewöhnlichen Lichte flach und alltäglich erscheinende Ding stand, von innen erhellt, als Symbol vor ihm. Diese Einheit des Dichtens und Denkens hielt ihn aufrecht in dem harten Kampfe um's Dasein, den er zu bestehen hatte. Am 19. Januar 1858 zu Hruschau in Oesterreichisch-Schlesien geboren, war er durch die kleinbürgerlichen Verhältnisse des Vaterhauses gezwungen, mit dem Studium ben Erwerb zu vereinen. Nachdem er aus der Wiener Universität, wo er sich vornehmlich der germanischen und vergleichenden Philologie gewidmet und der psychologischen Seite der Linguistik besonderes Interesse zugewendet hatte, als Doktor der Philosophie hervorgegangen war, begab er sich nach Czernowitz, in der Hoffnung, j sich dort an der Universität für vergleichende Sprachwissenschaft! habilitiren zu können. Sein Wunsch erfüllte sich indeß nicht.! Vergeblich strebte er auch die Stelle eines Amanuensis an der I dortigen Universitäts-Bibliothek all, so daß er sich bemüßigt sah, durch weitere vier Jahre fein Brod durch Lektiollen uild als Hofmeister zu erwerben. Niedergedrückt durch die steten Mißerfolge, verließ er 1889 die Hauptstadt der Bukowina und wurde Redakteur eines Provinzblattes in Mähren. Dieser Wirkungskreis konrite jedoch dem hochbegabten Manne keine Befriedigung gewähren. Er gab denn auch die Stelle bald auf und ging nach Wien zurück. Trotz aller zerronnenen Hoffnullgen und bitteren Euttüuschmlgen wurde er jedoch keine Beute des Pessimismus, denll fein Sinn war stolz und neigte sich llur vor dem ewig waltenden Geiste des Lebens, der ihn ernst und mild aus des Himmels unendlichem Rurrd anblickte. Indem er in dem Unendlichen lebte und webte, fühlte er sich eins mit dem Universum, genoß mit Behagen und ehrfurchtsvoll die heilige, schweigende Einsamkeit der Natur und rang sich sturmumbraust zu Bilderll unvergänglicher Schölcheit empor. So war er bei aller Zartheit ein Dichter des ewig Männlichen. Sein grausames Geschick ließ es nicht bei den harten Enttäuschungen bewenden. Es gönnte ihm wohl ein kurzes Glücksidyll. Er ging 1891 mit einer verständnißinnigen Frau, welcher er sein reiches Innenleben ganz erschließen konnte, eine Ehe ein, der ein reizendes Knäbleill entsproß. Allein am ersten Geburtstage seines Kindes, Ende März 1893, warf ihn eine heimtückische Influenza nieder, aus der sich ein schweres Lungenleiden entwickelte. Mehr als drei Jahre mußte er vom Bette in das Eisenbahncoupee und von diesem wieder in das Bett getragen und durch alle Klimata geschleppt werden, bis er bald nach dem ihn niederschmetternden Hinscheiden seines Lieblings im Alter von 37 Jahren, am 21. Juni 1896 in Gries seine Seele aushauchte. Die Veröffentlichung seiner Gedichte sollte er leider nicht mehr erleben. Sie erschienen erst im Frühling dieses Jahres in der deutschen Verlagsanstalt Konkordia in Berlin, nachdem der verdiente Wiener Schriftsteller- Heinrich Glücks manu durch Vorträge und Aufsätze ihre Auferstehung angebahnt hatte. Die Wittwe, welche sie herausgab, sagt in der in ihrer Schlichtheit ergreifenden Vorrede: „Er litt viel, aber körperliche Schmerzen vermochten nicht die schöne Harmonie seiner Seele zu trüben. So blieb er sich bis zu seinem letzter: Athemzuge treu: immer die gleiche heitere Ruhe, das liebe, sanfte, milde Wesen, die rührendste Bescheidenheit und edelste Selbstverleugnung. Zu unfreiwilliger Einsamkeit verurtheilt, entbehrte er die Welt nicht, weil er selbst eine schönere, bessere Welt in sich trug. Er spann sich ein in Poesie, und alles äußere und innere Leben wurde ihm Gedicht." Jawohl, sein Martyriuru war ein üppiges Blühen von Gedichten. Aus den Leiden erwuchsen gedankenwuchtige und seelentiefe Dichtungen, wie aus den Ackerfurchen gesegnete Aehren sprießen. Nicht Klagen und Stöhnen war das Dichten dieses Poeten, der sein Dasein in Poesie auflöste, weil er in der Poesie sein Leben fand, sondern Sonnenschimmer, Verklärung. innere Erhebung, eine Art dichterischer Himmelfahrt auf den Fittigen Spinozas. Der gewaltige Philosoph erhellte ihm die düstere Krankenstube, er goß über ihn ein Füllhorn von Friede und Seligkeit aus und begeisterte ihr: zu dem hochgestimmten, an feierliche Orgelklänge gemahnende und von der intellektuellen Liebe Gottes erfüllte Gedichte: „Die sanfte Lehre," in welchem es unter anderem heißt: So giebt es ein Lebendiges stets, das dich Umströmt und liebeub hält in seiner Hut, Wie dort die Rose thaubeperlt das Naß Am Morgen frisch im Kelche duftend hegt: Du bist in ihm, es ist in dir. und was Du thust und was du denkst, es kommt von ihm Und fließt, wenn es gescheh'n, zu ihn: zurück. Kein Hauch von dir. beit es nicht still verspürt, Kein Herzensschlag, den es mit dir nicht schlägt, Kein Seelenleid, das es mit dir nicht fühlt, Und keine Last, die es mit dir nicht theilt: Es ist ja selbst dein Hauch, dein Herz, dein Leid Und Deine Lust, wo immer du auch^ weilst -- Allüberall und stets ist es bei dir. Und weißt du das, und bist du so gestimmt, Und trittst du dann am Abend auf die Flur Hinaus ins Freie unteres Sternenzelt, Wo sich der Reigen der Gestirne dreht: So strahlt von dort entgegen dir durch's Blau Das eine unbeirrte Weltgesetz, Das ew'ge — eherne Nothwendigkeit! Dein Sinn erhebt sich; flüchtiges Erdenleid. Das kurz zuvor die Brust dir noch beengt. Es sinkt wie Schatten vor dem Sieg des Lichts, Und heil'ge Schauer weh'n dich mächtig an: Du ahnst, du fühlst, du denkst und glaubst jetzt — Gott. Ja Gott ist alles, Gott und Welt sind eins, Gott ist die Seele und die Welt ihr Leib. Die ganze Welt ist ein Lebendiges nur! Sein Athen: weht dich an aus lauer Luft, Sein Auge leuchtet dir vom Firmament, Und Sprache ist dir. was da klingt im All, Und was da lieb an deine Sinne rührt. An deine Seele .... Darum sind Wahres, Schönes, Gutes -- eins, Verschiedine Strahlen einer Sonne nur, In deren Licht ein ew'ger Himmel sich Dir heimlich aufthat tief in: Herzensgrund, Ein stiller Segen: Seligkeit und Ruh'! Ein anderer guter Genius, welcher den todtkranken Dichter umschwebte, war der die erhabene jüdische Ethik in sich verkörpernde Hillel, welchem er Zeit seines Lebens eifrig nach-

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