Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 283 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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28S seiner vortrefflichen Abhandlung: „Ueber den Einfluß des ersten hebräischen Buchdrucks auf den Kultus und die Kultur der Juden" Dr. A. Berliner behauptet, gerade darin, daß der Gottesname sofort auf die unmittelbar vorangegaugene Weihe entstehen konnte, als vielmehr in dem folgenden Umstande: Die Ptsthagoräer, deren Zahlenshmbolik unter den Talmudlehrern bekannt und beliebt gewesen, hatten die Anschauung die später Schelling nach einer andern Methode ausgeführt/ daß Gott sich erst in der Welt entwickele, „denn die Zehnzahl ist die vollkommenste und — das Schönste und Beste ist nicht von Anfang gewesen"; um nun diese Anschauung abzuweisen, hat der Kalligraph Bar Kamza die vier Buchstaben des Gottesnamens ohne ein Nacheinander und ohne die geringste Unterbrechung auf einmal abgedruckt, um so die jüdische Idee von der absoluten einheitlichen Vollkommenheit Gottes zu dokumentiren. Wir sehen daher in der jüdischen Volksseele einen bestimmten Trieb und Drang nach einem Mittel, um die Religionsgedanken in ungetrübter Klarheit zu fixiren und ihnen so die möglichste Verbreitung zu verschaffen. Die Geschichte der Typographie zählt schon in der ersten Phase der Entwickelung des Druckes eine stattliche Reihe jüdischer Druckereien in verschiedenen Städten Deutschlands, Italiens, der Türkei, Hollailds, Portugals, Böhmens und Polens. Im Jahre 1475 erschien in der Druckerei des Abraham b. Garton in Reggio di Calabria der Kommentar Raschis zum Pentateuch. Die jüdische Bibliographie ist reich an Daten über die vielen bedeutenden hebräischen Werke, die schon im ersten Jahrhundert nach der Erfindung herausgegeben wurden, über die jüdischen Drucker, die diese Kunst nach verschiedenen Gegenden verpflanzt haben, wobei es interessant ist, zu erfahren, daß auch jüdische Frauen in diesem Gewerbe thätig waren. Als erste in der Reihe dieser Frauen wird Estellina, Gattin des Gelehrten Abraham Conat genannt, in deren Offizin das Werk: „Betrachtung der Welt" in Mantua erschien. Wir müssen es uns versagen, hier auch nur einen Theil der Namen derjenigen Juden und Jüdinnen, darunter auch die mehrerer berühmter Druckerfamilien, aufzuzählen, die schon im ersten Jahrhundert der Erfindung Bedeutendes geleistet und sich um die Buchdruckerknnst verdient gemacht. Wir wollen nur nicht unerwähnt lassen, daß die erste hebräische Bibel im Jahre 1482 bei deni berühmten jüdischen Drucker Abraham Benjamin Chajim und die (Biblia liebraica rabbinica) mit 34 Kommentaren — eine reiche Fundgrube hebräischer Wissenschaft — im Jahre 1517 in der Offizin des Daniel Bömberg, eines gelehrten christlichen Buchdruckers, in Venedig erschienen ist. Die Buchdrnckerkunst trägt mehr wie jede andere Kunst einen int besten Sinne des Wortes demokratischen Charakter an sich. Ihre Tendenz und Seele ist Oeffentlichkeit und Verbreitung unter den Massen. Vor Gedrucktem hat man gewöhnlich mehr Respekt als vor Geschriebenem; man legt dem gedruckten Worte mehr Glaubwürdigkeit bei als dem geschriebenen. „Schwarz auf Weiß gedruckt" ist im Volksmunde eine der stärksten Redensarten zur Bewahrheitung eines Sachverhalts. Goethe läßt Eötz von Berlichingen im IV. Akte dem Schreiber auf dessen Frage: „Soll ich das Alles protokolliren?" antworten: „Meinetwegen dürft Jhr's drucken lassen." Das Gedruckte ist eben wegen seiner massenhaften Verbreitungsfähigkeit mit der Autorität der weitesten Oeffentlichkeit bekleidet. Oeffentlichkeit in Lehre und Leben ist seit je Her- Prinzip im Judenthum. Die Wissenschaft, die Rechtsprechung, die rituale und ceremoniale Religiousübung ist nach diesem Prinzip für die öffentliche, allgemeine Theilnahme des Volkes berechnet. In den Synagogen liegt das Allerheiligste an der Seite des Sonnenaufgangs, und die Betenden sind mit dem Antlitz nach derselben Seite gewendet, die Gebetbücher, hebräisch und deutsch, sind nicht geschrieben, sondern gedruckt — es geschieht hier alles frei und öffentlich, die Sonne kann's bescheinen, es ist hier nichts, das ihr Licht zu scheuen braucht, nichts Mysteriöses, das sich vor ihr verbergen müßte. Menschen, die etwas zu verheimlichen haben, eilen gerade nicht, wie Juden in größerer Anzahl es gethan und noch thnn, in die Druckereien, die die schärfsten, wachsamsten Augen der Oeffentlichkeit sind, um dieses Geiverbe zu lernen und eifrig zu betreiben. Durch die Kunst Gutenbergs wurde das menschliche Leben nach vielen Seiten reich ausgestattet, alles Erstrebensiverthe mächtig gefördert; ihr Lieblingskiud ist die Presse, der sie das Beste mit in die Wiege gegeben und durch die sie zur Großmacht geworden. Schon in der Wiege hat sie sich als ein Herkules erwiesen und schleichende, giftige Schlangen getödtet. Aber, „an sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu," wie Hamlet sagt; — die hehre reine Kunst des Mainzer Denkers wird oft mißbraucht, sie muß oft manche Verleumdung, manche ehrlose Schlechtigkeit drucken. Der bessere, edlere Theil der Presse, welcher der bei weitein größere ist, hat schon viele Verkappte entlarvt, viele feige Verleumder an den Pranger gestellt. Wo die edle Presse ihre Fackel schwingt, da fliehen die Unholde in ihre Höhlen und Schlupfwinkel, wo sie leuchtet, da strahlt Gutenbergs Ruhm durch alle Zeiten. S. S. Weiß. Von Dr. Bernhard Münz. «nsere Zeit ist mit Lyrikern überreich gesegnet. Aber wie Wenige giebt es unter ihnen, die ans sich selbst schöpfen, die eine eigene, charakteristische, festgeprägte Physiognomie besitzen! Der Wenigen Einer war Weist. Er war eine ausgesprochene, starke Individualität, kein Heerdeumensch. Er duckte sich nicht vor den Schrullen der Mode, welche schofles Messing frech zum Golde stempelt, er schloß sich keiner Schule an, sondern wandelte souverän seinen eigener: von ursprünglicher Kraft rrnd errrster Schönheit nrnsäumten Weg. Nie stand ihn: der Sinn nach der Volksgunst. Weit entfernt von jener die Kunst und die Natrrr auf den Kopf stellenden Kunstrichtung war er in dem Sinne modern, daß er nicht wie eine Kartoffel in feiner Zeit steckte, sondern sich wie ein Baum über sie erhob und mit den Wurzel:: für die Blüthe und Frucht Mark und Saft aus ihr sog. Er war ganz ur:d gar Zeitgenosse im künstlerischen Sinne der Antike und der Renaissance und aller bedeutenden Gestalten der Kunstwelt; er war ein Poet, welcher der heiligen Aufgabe des Dichters vollauf gerecht wurde, über Art und Wesen, Fühlen und Sinnen, Streben und Gehaben des Zeitgeistes von: selbsterrungenen hohen Standpunkte klare Unffchau hielt und ihn: den Pfad zu den Höhen der Menschheit zeigte. Er faßte als ganz und als lebendig, was die Natur ihn: lebendig vor das Auge hinstellte. Er schuf nicht nach der äußeren, sondern aus der geistigen Anschauung der Natur, mit welcher er einen!!'!!i! |i!■ i! j