Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 282 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228390--56542-3292851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
282 tiefgehenden Unterschiede der Völker in Nationalität, Sprache, Religion und Sitte unter dem Bilde des Thurmbaues zu Babel zu erklären versucht, zieht diese Verhältnisse der Menschen als ein schweres Mißgeschick, hervorgernfen durch eigene Schuld, ernstlich in Betracht. Wie um diese klaffende Wunde im Herzen des Menschenthums zu heilen, stellt sie das Ideal der Einheit des Menschengeschlechts wieder aus und verleiht ihm den edelsten Praktischen Ausdruck in der Gleichheit aller Menschen vor Gott und den: Gesetze. Aber die Menschen hatten ihr Mißgeschick noch mehr verschärft und die Kluft zwischen sich erweitert. Daß die Völker sich sprachlich gegenseitig nicht verstanden, war nur ein verschwindend geringes Unglück (wenn es überhaupt ein solches zu nennen ist) gegen dasjenige, daß sie einander geistig und moralisch nicht verstanden und in ewiger Fehde mit einander begriffen waren. Dieser Fluch fiel auf jedes einzelne Volk zurück, da sich jedes, in verschiedene, schroff sich gegenüberstehende Kasten, Klassen und Stünde gespalten, in sich selbst streng abgeschlossen hielt, ohne sich selber zu verstehen. Selbst das Wissen, das mehr als alles andere den Charakter des Allgemeinen an sich trägt und somit Gemeingut aller ist, war lange Zeit im Kreis der Wissenden als Mysterium behandelt, das von den Eingeweihten vor den: Volke streng geheim gehalten worden. So war es im Alterthum, wo das Wissen nur in Konventikeln in einem flehten Kreis von Auserwühlten gepflegt wurde, so war es int Mittelalter, wo die Wissenschaften nur bei den Mönchen hinter Klostermauern Pflege fatlden, während das Volk in tiefster Unwissetcheit lebte. Da nun mit der Erfindung der Buchdruckerknnst die Möglichkeit gegeben war, die schriftlichen Aufzeichnungen der Gelehrten in Massen zu vervielsältigett, so fandet: Bildung und Kultur um so schnellere Verbreitung, und damit wäret: unzählige Bahnet: geebnet, auf det:en die Völker, die Stünde und Klaffet: einattder allmälig geistig näher rücken und einander verstehen konnten. Der alte schwere Bann, der auf der Menschheit lag, war nun gebrochett. Vor dem Geiste dieser Erfinduttg fielen int Laufe der Zeitei: die ehernet: Scheidewät:de, die die Völker gegen einander anfgethürmt, brachen die Schranken zusammen, die das Vornrtheil und der Kastensinn zwischen den Angehörigen eines und desselben Staates gezogett. Jtt: Judettthutn war aber von jeher die allerweiteste Ausbreitnng des Wissens eine religiöse Pflicht. Die Lehrhättser wäret: Alle:: ohne Ausnahme zugät:glich, und die Gelehrten trugen das Wissen in alle Schichtet: und Kreise des Volkes. Darum waren es besonders die Juden, die die große Erfindung Gutenbergs mit inniger Wärme und Begeisterung begrüßten und mit allem Eifer zur Anwendung brachten. Mat: bezeichnete sie als ein himmlisches Werk, als eine heilige Arbeit. In eitlem hebräischen Gedichte läßt der Verfasser diese hohe Kunst von sich sprechen: „Die Krone bin ich aller Wissenschaft Geheimnißvoll, ein Wunder, räthselhast. Die Schrift errang ich ohne Stiel und Schaft, Die Zeilett reihe ich, daß keine klafft, Das Buch vollend' ich ohue Schreibers Kraft." Die Juden sahen mit der ihnen eigenen schnellen Auffassung von Situationen und Verhältnissett, mit der ihnen eigenen raschen Kombination der Erscheinungen des Lebens in der Buchdruckerkunst eine Darbietutlg von großer, unberechenbar vortheilhafter Tragweite, einen mächtigen Faktor des geistige:: Fortschritts zunächst in: Jttteresse der weiteren Ausbreitung und Mehrung ihrer eigenen Litteratur, und in weiterer Folge auch für die gesammte Menschheit. Die Erfindung Gutenbergs fiel gerade h: eine Zeit, wo das Streben der größten Männer Italiens ttttb Deutschlands, sich vom Gängelbande der Kirche loszulösen m:d die weltlichenWissenschaften wieder zu erwecken, in voller Blüthe stat:d, und die Juden, das Volk der Prophetet:, ahnten mit ihrer angeborene:: Sehergabe bei diesem glückliche:: Zusamntentreffet: für ihre nähere oder fernere Zukunft etwas wie das Sprengen ihrer Kerkerpforten, wie das Niederreißen ihrer Ghettvmauern, wie das Abtrennei: der gelben Flecke vor: ihren Kleidern, ettvas wie das Schwinden aller Zeichet: nttd Male der schweren Schmach, die unduldsame, grausame Jahrhunderte ihnen angethan. Darum sehen wir gleich in der ersten Zeit Juden in den vordersten Reihen der Beförderer tu:d Verbreiter dieser Kn::st, als Pioniere derselben sie über alle Fährnisse der Finsterlinge und Nenerungsfeinde, die sie ein Werk der Hölle genanttt, hinüberleiten und das Gewerbe der Buchdruckerktlnst ergreifen. Die Einen suchtet! at:s Begeisterung für die Sache, die Anderen wieder un: ihre mancherlei rituellen Bedenket: zu beschwichtigen, in der Bibel und in: Talmud ::ach andeutettden Hinweisen auf diese wunderbare Kunst. Denn wie wäre es wohl möglich, daß solch eine weltbewegende Erscheinnttg das Licht der Welt erblicken sollte, ohtte daß sie in den: weiten Gesichtskreis der Bibel- und Talntudweisheit, wenn auch nur als schwache Ahnung vorgesehet: wäre. Fattd sich eit: solcher Hinweis in diesen alten Schriften, so war der Gebrauch der jüdischen Typographie auch für rituelle Zwecke sanktionirt. Und er fand sich auch in einer so attsgeprügten Form, daß eine leicht bewegliche Einbildungskraft zu der Annahute gelangen kotmte, daß die Buchdruckerkuttst schon in den Zeiten der Bibel gekanttt und in Gebrauch gewesen. Der Ausruf Hiobs, Kapitel 19, Vers 23 und 24 im gleichnamigen Buche: „O, würden doch meine Worte ausgeschrieben, würden sie doch in ein Buch gezeichttet, mit Eisengriffel in Blei, für immer in Fels gegraben!" — ist in dieser Beziehung verfänglich. Aber die Nüchternet:, die diese Worte nur als das nahmen, was sie sind. Plastische Ausdrücke eit:es lebhaft empfindenden Gefühles, haben doch immer die Zulässigkeit des Druckes für rituelle Zwecke schot: wegen der Korrektheit, Klarheit und Schärfe der Lettern, die der Druck vor dem Schreibet: voraus hat, für g::t erachtet. Denn die Sorge um die Genauigkeit besonders des Thoratextes, der durch die Unachtsanckeit der Schreiber leicht zu verhängnißvollen Jrrthümern führen konnte, beschäftigte die alten Weisen in hohen: Maße, und die Masivra ist ein statmenswerthes Denkmal rührender Liebe und Sorgfalt, die sie auf die unverfälschte Erhaltuttg des überlieferten Textes verwendet haben. Rabbi Meir, der ein Thoraschreiber gewesen, erzählt von sich, Rabbi Jsmael habe ihm einmal gesagt: „Mein Sohn, sei vorsichtig bei deiner Arbeit, denn sie ist eine Beschäftigung mit dem Heiligen, und wie leicht lüssest du einen Buchstaben weg oder petzest einen hinzu, wodurch schwere Mißverständnisse hervorgernfen werden könnten", worauf Rabbi Meir erwiderte: „Ich gieße Vitriol in d:e Tutte, wodurch die Buchstaben in scharfen Untrissen hervortreten, klar ttttb dauerhaft bleibe::." Von einem attderen Kalligraphen wird im Talmud erzählt, er habe de:: vierbuchftabigen Natnet: Gottes vermittelst einer besonderer: Federvorrichtnng gleichzeitig auf einmal uiederschreiben können. Das Bestrebet: des erwähnten Kalligraphen lag nicht, wie in