Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 281 (sequence 7)
- Language
- German
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281 ben verzehren ihre Lorräthe, die früher schwach Bemittelten sind gänzlich dem Elend verfallen. Auch jüdische Kolonisten, die seit drei Generationen sich mit Ackerbau beschäftigen, leiden furchtbar unter der herrschenden Hungersnoth. 5. Bei uns in Rußland wird gesammelt wo und wie es nur möglich ist. Die Gemeinden, die Redaktionen jüdischer Zeitungen haben nach meiner Schätzung bis jeht ungefähr 100 090 Rubel gesammelt. Allein diese Summe ist im Verhältniß zu den Bedürftigen wie ein Tropfen im Meer: Hilfe von Auswärts ist dringend und s ch l e u n i g st n o t h w e u d i g. 6. Seitens der Regierung ist auf keine Unterstützung zu rechnen. Die christlichen Bauern erhielten 200 000 Rubel, die Juden hingegen keine Kopeke. Näheres über diesen Punkt läßt sich schriftlich nicht mittheilen. Genug, daß von einer Staatsaktion zu Gunsten der Juden keine Rede sein kann. — Ich habe die Absicht, nächstens eine Reise nach der von der Hungersnoth heimgesuchten Gegend zu unternehmen und werde mir erlauben, Ihnen alsdann Näheres zu berichten. & Die Zahl der Juden, welche Rumänien verlassen, nimmt täglich zu und beginnt selbst bei den dortigen Antisemiten eine gewisse Besorgniß hervorzurufen. Wie man uns von vertrauenswürdigster Seite mittheilt, hat sich unter den trügerischen Vorspiegelungen des Zionismus ein wahres Wanderfieber, gleich den Kinderkreuzzügen im Mittelalter, der dortigen Juden benlächtigt. Sie sind gar nicht mehr zu Hallen. Viele verlangen ihre Einzahlungen in die Kolonialbank zurück, erhalten aber keine Antwort. Und so überschwemmen sie in Wanderzügen die österreichische Grenze, so daß die Wiener Allianz absolut keinen Ausweg mehr weiß, wenn das Hilfswerk für diese Unglücklichen nicht rasch organistrt wird. Der rumänischen Regierung ist das Aufsehen, welches diese Massenwanderung hervorzurufen beginnt, in dem Augenblicke, in dem sie mit einer Anleihe an die europäischen Börsen herantreten will, nichts weniger als angenehm. Sie hat einen Ueberwachungsdienst eingerichtet und auf die Führer sucht sie einen Druck auszuüben, um diese zu der Erklärung zu veranlassen, die rumänischen Juden seien nicht vor den Verfolgungen, denen sie ausgesetzt, auf der Flucht, sondern verließen ausschließlich der ökonomischen Krisis wegen das Land. Unter dieser Bedingung gab der Kultusminister sogar das Versprechen, für Rumänien — ein Rabbinerseminar einzurichten. Die rumänischen Juden aber brauchen kein Rabbinerseminar, sondern Brod, und haben auf diesen Köder nicht angebissen. Me jüdische Frauenfrage. bekannter Jurist schreibt uns hierzu: 1. Die ökonomische Entwickelung hat die Frau, die im Hause thätig war, als wirthschaftlichen Faktor ausgeschaltet und überflüssig gemacht. — Früher wurde im Hause gebacken, geschneidert, gewaschen. Diese Arbeiten werden mehr und mehr außer dem Hause verrichtet, weil sie rnaschinell billiger und besser zu leisten sind. 2. In Arbeiterkreisen und den Kreisen des kleinen Bürgerthums hat die Frau eine Beschäftigung. Theils ist sie in jenen gleich dem Manne werbend thätig, theils verrichtet sie die Dienste des Dienstmädchens; daher liegt etwas Richtiges in dem Ausspruch der Sozialisten, daß es nur eine Damenfrage und keine Frauenfrage giebt. 3. Diese „Damenfrage" spielt im Verhältniß eine größere Rolle in jüdischen Kreisen als in der Bevölkerung überhaupt, weil von der jüdischen Bevölkerung ein größerer Theil zu den ökonomisch höheren Schichten gehört. 4. Dagegen spielt es kaum eine Rolle, daß Jüdinnen schwer eine Stelle im Staatsdienst finden. Derartige Stellen sind an Zahl so gering, daß selbst die Anstellung einer mehr als entsprechenden Anzahl von Jüdinnen so gut wie nichts ausmachen würde. 5. Es sind bei Privatleuten schon viele Jüdinnen werbend thätig, z. B. als type writer und Stenographen wohl nicht in geringerer Zahl als Christinnen. Es giebt in Deutschland rund 40000 erwerbsthätige jüdische Frauen gegen rund 165 000 werbende Männer (in der Gesammtbevölkerung Deutschlands fiitb rund 6,5 Millionen Frauen und 15,5 Millionen Männer thätig. In der Industrie sind die deutschen Jüdinnen irn Verhältniß in höherer Zahl thätig, als die deutschen Frauen insgesammt, die Jüdinnen machen in diesen! Berufskreis rund 10000 von 45 000 aus (—22 Prozent). die Frauen in Deutschland überhaupt 1,6 von 8,2 Millionen (— 18 Prozent). 6. Diejenigen, die ihr Brod verdienen müssen, haben also meist ihren Weg gefunden, es handelt sich mehr um diejenigen, die es nicht so nöthig haben. Nur solche können. Ausnahmen abgerechnet, an ein Studium denken, schon deshalb, weil man dabei erst sehr spät ans Erwerben kommt. 7. Den Frauen sind im Verhältniß nur wenig Stellungen verschlossen. In den sogenannten freien Bernsen (Beamte, Heer, Aerzte, Musiker, Lehrer rc.) sind, von gemeinen Soldaten, Kastellanen rc. abgesehen, in ganz Deutschland schon jetzt thätig: gegen a) 357,636 Männer 102,438 Frauen und Büreaupersonal gegen b) 181,441 Männer 14,624 Frauen. Das Mehr von Männern kommt theils ans Arniee und Geistliche (zusammen ca. 60000) also Berufe, welche die Frauen nicht cunbiren, theils auf Privatgelehrte, Schauspieler, Schriftsteller rc. (ebenfalls rund 60 000) also Berufe, welche die Frauen schon jetzt ergreifen können. Höhere Beamte und Anwälte giebt es in ganz Deutschland nur 39629. Wir Juden haben es an uns erfahren, daß man nicht emancipirt wird, sondern sich nur selbst emancipiren kann. — Die Stellen, die uns verschlossen sind, sind für die jüdische Allgemeinheit von Wichtigkeit nur als Symptom und Ausdruck des Mangels an Gleichberechtigung; diese Erfahrung sollten sich auch unsere Frauen zu nutze machen. Nicht der Berus macht den Menschen, sondern der Mensch den Berus. Genau so wie nicht die Religion den Menschen macht, sondern die Religion eines Menschen soviel werth ist. wie ihr Träger. Wie alle Frauen haben die jüdische Frauen zuviel Respekt vor dem Erfolg, und neigen so zu Vorurtheilen. Sie halten es gern mit der Majorität. Damit werden sie für unsere Religionsgemeinschaft eine Ursache der Schwäche, während allen anderen Religionsgemeiilschasten die Frau eine Stütze ist. Das ist die große jüdische Frauenfrage. Neben der großen Kulturfrage der eigenen geistigen Befreiung spielt, wie bemerkt, die ökonomische Frage eine unbedeutende Rolle. Diese Seite der Frage ist gelöst. Denn es giebt schon jetzt viele erwerbsthätige jüdische Frauen und ihre Zahl hat im Verhältniß stärker zugenommen als die der erwerbsthätigen Frauen überhaupt. Iurn 500. Geburtstage Johannes Gutenbergs. Von Dr. Ludwig Pick in Schöneberg. der Geschichte der Erfindungen ist das Andenken Tw Gutenbergs van Ruhmesglanz runflossen. Von schweren Gedanken bewegt, in tiefes Sinnen versunken, den Blick in die innerste Seele gekehrt, so stellen wir uns den Mann vor, dessen Genius ihm die große Erfindung eingegeben. Denn von dieser gilt als von einer der Gottesherrlichkeiten das Psalmwort: „Ueber die ganze Erde tönet ihre Saite und ihr Vortrag dringt bis ans Ende der Welt." Alle wahrhaft großen Gedanken, die aus das Allgemeine gerichtet sind und ihre Verwirklichung finden, erlösen die Menschen an ihrem Theile von dem schweren Verhängniß, das nach der Bibel die ganze Gattung schon in der Wiege betroffen. Die sinnreiche Erzählung derselben von der Sprachverwirrung und der Zerstreuung der Menschen über die ganze Erde, womit sie die traurige Thatsache der oft zu unauslöschlichem Haffe führenden