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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-15 · Heft 24 (15.6.1900) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
Seite 280 (sequence 6)
Language
German
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280 Bedürsniß. dieselbe abzuändern, denn Mißstände seien nirgends hervorgetreten, auch die Petenten hätten keine vorgebracht. Ueberdies hätte die Israelitische Oberkirchenbehörde die bestehenden Gesetze stets in liberaler Weise ausgelegt und wäre immer bestrebt gewesen, den Wünschen der Gemeinden in jeder Weise auf das Wohlwollendste entgegenzukommen. So würden die Gemeinden gehört, ob sie einen Rabbiner als Vorsänger wollten und dergleichen. Auch sei die Zahl der Petenten (ca. 170) gegenüber der gesammten israelitischen Bevölkerung des Landes (12—13 Tausend) eine verschwindend kleine, und nur Ulm, Göppingen und Tübingen hätten Unterschriften geliefert. Redner erklärte sich aber gern bereit, in eine Erwägung der Angelegenheit einzutreten und mit den zuständigen Stellen sich ins Benehmen sehen zu wollen. Die Erwägungen würden hauptsächlich dahin zielen müssen, daß in ökonomischen Dingen eine größere Autonomie der Gemeinden anzustreben sei. Ganz besonders betonte der Minister, daß an diese Dinge der Staat nur mit großer Vorsicht gehen dürfe und daß vor allem die Wünsche der betreffenden Glaubensgenossen zu berücksichtigen seien. Darauf nahm er die angegriffenen Mitglieder der Oberkirchenbehörde in Schutz und hob hervor, wie dieselben die Geschäfte ihres Ehrenamtes mit anerkennenswerthem Eifer und Interesse verwalteten und zwar vollständig unentgeltlich." Die Petition wurde nach einstündiger Debatte einstimmig der königlichen Regierung zur Erwägung überwiesen. Der Ton, der in der Kammer herrschte und in den Reden der Abgeordneten zum Ausdruck kam, milßte Jeden angenehm berühren. Aus allen Reden klang ein Wohlwollen für die Juden heraus, die Anerkennung der Thatsache, daß sich diese in jedweder Weise ihrer Emanzipation und staatsbürgerlichen Rechte würdig gezeigt hätten, die Geneigtheit, auf ihre Wünsche einzugehen und nichts zu beschließen, was denselben entgegenstände. Ganz besonders war die Haltung des Kultusministers eine liberale und entgegenkommende. Endlich hören wir etwas von einem Hilfswerk für unsere unglücklichen Brüder in Südrußland, in Rumänien und Galizien. In London und in Paris hat mau dasselbe zu gleicher Zeit energisch in Angriff genommen. Berlin wird sicher nicht Zurückbleiben. Wir erhalten heute den folgenden Aufruf der Alliance Israelite Universelle: Paris, 15. Mai 1900. Theure Glaubensbrüder! Seitdem die Alliance Israelite gegründet ist, hat die israelitische Barncherzigkeit uns gestattet, bei jeder Katastrophe, welche über unsere Glaubensgenossen hereinbrach, ihnen Hilfe zu bringen. Die grausame Lage der Israeliten in einem Theile von Rußland, in Rumänien und Galizien legt uns heute die Pflicht aus, einen neuen und dringenden Ausruf an die israelitische Welt ergehen zu lassen. Man kennt die große Noth der Juden Rußlands. In einem begrenzten Bezirk, welchen zu überschreiten das Gesetz ihnen nicht erlaubt, sind ihrer au fünf Millionen, welche leiden und kämpfen, die schreckliche Konkurrenz, welche ihre Anhäufung selbst Hervorrust, setzt die Löhne in ungewöhnlicher Weise herab. Zu dieser fortwährenden Quelle des Elends ist dieses Jahr der Hunger mit seinen schecklichen Folgen hinzugekommen. Die christlichen Bauern erhalten staatliche Unterstützungen, die Israeliten können nur auf die Hilfe ihrer Glaubensgenossen zählen. In dreißig Städten haben Tausende von Familien kein Stück Brot. Die Alliance hat ihnen schon bedeutende Hilfe zugesandt; in Rußland selbst hat man Sammlungen veranstaltet; aber das Unglück ist so ausgedehnt, daß mehr als sechsmal hunderttausend Francs nöthig sind, um beu Hungrigen bis zur nächsten Ernte ein einfaches Stück Brod zu liefern. Man kann sich kaum eine Idee der Lage von diesen an allem Mangel leidenden Unglücklichen machen, die in Krankheiten verfallen, welche die gewöhnlichen Folgen dieses schrecklichen Elendes sind. In Rumänien ist die Stellung der Israeliten noch trauriger als in Rußland. Seit langen Jahren hat die Alliance für sie die ihnen durch deu Berliner Traktat zugesicherte Gleichheit der bürgerlichen und politischen Rechte verlangt. Die rumänische Regierung hat die gegen die Mächte eingegangeneu Verpflichtungen verletzt. Heute noch betrachtet sie die Israeliten als „Fremde" und behandelt sie als solche, obgleich sie seit mehreren Jahrhunderten im Lande wohnen und allen Pflichten der übrigen Bürger, namentlich dem Militärdienste, unterworfen sind. Wir haben gesehen, wie mörderische Gesetze ihnen ihr bescheidenes Stück Brod wegnehmen, ihnen gewisse Geschäfte verbieten, ihnen den Aufenthalt auf dem Lande und in den Dörfern, sowie den Besitz von Ländereien versagen; endlich, um das Maß voll zu machen, schließt ein neues Gesetz die israelitischen Kinder aus von den öffentlichen Schulen aller Grade. Die rumänischen Israeliten haben, alle Ungleichheiten, alle Demüthigungen ertragen, aber der Schmerz, ihre Kinder zur Unwissenheit verdammt zu sehen, hat sie zur Verzweiflung gebracht. Zudem hat die sehr scharfe wirthschaftliche Krise, die gegenwärtig auf Rumänien lastet, ihr Elend auf einen unglaublichen Grad gesteigert. Die ganze Moldau, welche fast 200000 Juden zählt, ist durch die Hungersnoth verwüstet, und hier irren auch Tausende unglücklicher Israeliten umher, um Arbeit oder ein Stück Brot zu suchen. In Galizien endlich, wo man ungefähr 600000 Israeliten zählt, hat das hundertjährige Elend, welches die jüdische Bevölkerung drückt, durch antisemitische Hetzereien hervorgerusen, gewaltig zugenommen; Tausende von Arbeitern seien aus Mangel an Arbeit, Hunderte von Bergleuten, welche ihr Brod in industriellen Werken verdienten, sehen sich infolge gewisser wirthschaftlicher Umwandlungen auf die Straße gesetzt, ohne Hilfsquellen und ohne Hoffnung, anderswo Arbeit zu finden. Eine große Pflicht erwächst hier für die abendländischen Israeliten; sie können sich ihrer nicht entziehen, ohne das Judenthum zu entehren. Sie sehen, theure Glaubensgenossen, die Ausgabe, welche sich uns darbietet, ist unermeßlich, aber der israelitische Wohlthätigkeitssinn wird uns die Kraft und Mittel gewähren, sie zu lösen. Das abendländische Judenthum, trotz seiner eigenen Sorgen und Lasten, schuldet es sich selbst, alle möglichen Opfer zu bringen, um unheilbaren! Unglück vorzubeugen. Wir haben bedeutende Unterstützungen nöthig, um Tausende von leidenden menschlichen Wesen mit Arbeit zu versehen, um Brod den Frauen und Kindern und das Nöthige den Kranken zu reichen. In ernsten Verhältnissen hat das Judenthum innner seine Pflicht erfüllt; wir haben die Ueberzeugung, daß es den großen Traditionen seiner Vergangenheit nicht untreu werden wird. Hochachtungsvoll Für das Central-Komitee: N. Leven. Präsident. Der Ehrenpräsident: Zadoc Kahn, Oberrabbiner. Wir haben dem vorstehenden, tief erschütternden Aufruf nichts weiter hinzuzufügen als die innige Bitte, das Hilfswerk zur Linderung der schrecklichen Nothlage von Millionen unserer unglücklichen Glaubensbrüder auch in Deutschland schleunigst aufzunehmen. * Heber die Lage der hungerleidenden jüdischen Bevölkerung in Süd-Rußland erhalten wir von gut unterrichteter Seite nachstehende Details: 1. Die Hungersnoth erstreckt sich auf zwei Gouvernements: Beßarabien und Cherson. Die Zahl der Hungerleidenden beträgt mindestens 50 000. Diese Zahl ist nicht stationär, sondern vielmehr im Wachsen begriffen. 2. Die größte Noth herrscht in den Kreisen: Soroki, Bjeltzi, Orgiejew; im eigentlichen Cherson'schen Bezirke beginnt jetzt das Elend sich fühlbar zu machen. Auch vom Ackermann'scheu Kreise kommen jetzt sehr schlechte Nachrichten. 3. Die Lage wird sich, wie man hofft, nach der Ernte bessern- Vorläufig aber ist es Aufgabe der Philanthropie, dem armen Volke das Unentbehrlichste: Brod für die nächsten 2—3 Monate zu verschaffen- 4. Dem Berufe nach besteht die Masse der Hungerleidenden ans Handwerkern und Handeltreibenden. Die einzige Eruährungsquelle dieser Leute ist der Absatz ihrer Erzeugnisse und ihrer Maaren an den Landmann. Da Letzterer durch die vorjährige totale Mißernte gänzlich ruinirt worden ist, so mußte daraus folgen, daß die jüdische Masse momentan den Boden unter den Füßen verloren hat. Die Wohlhaben-

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