Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 278 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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278 auf die Namensänderungen bei Judentaufen erstrecken soll, und es ist nur zu wünschen, daß hier mit derselben Strenge verfahren werde wie bei den Juden, die ihren Namen ändern wollen ohne überzutreten. Es ist natürlich, daß bei allen Debatten die Frage auftaucht, welches silld denn eigentlich spezifisch jüdische Namen? Und es kann uns nur wenig beruhigen, memi die gegnerischen Blätter versichern, daß das „antisemitische Jahrbuch für 1901" diese Frage ganz genau beantworten werde. Die Gelehrsamkeit des antisemitischen Jahrbuchs kann uns nach den bekannten Proben nicht imponiren, da dieser die wichtigste Voraussetzung aller wissenschaftlichen Forschung, die Objektivität, ganz und gar fehlt. Das Thema ist ein sehr weit verzweigtes, und es wäre ein großes Verdienst, wenn ein objektiver Forscher, bei* mit dem Material wohl vertraut ist, nach dem Beispiel von 3unz, dessen klassische Abhandlung ja auch bei einem ähnlichen Anlaß entstanden ist, nunmehr auch die jüdischen Familiennamen zum Gegenstand einer eingehenden wissenschaftlichen Untersuchung machen würde. Vielleicht käme dieser Forscher dann zu dem überraschenden Resultat, daß es gar keine spezifisch jüdischen Rainen giebt. Diese Behauptung erscheint Manchen: sicher gewagt. Zunz hat schon in seiner oben erwähnten Schrift nachgewiesen, daß in jeden: Jahrhundert neue Namen von den Inden angenommen wurden. Er bezeichnet es als charakteristisch, daß Juden europäische Namen führen, daß sie altbiblische Namen iux Stich lassen und persische, griechische, römische, arabische, slavische, englische, französische, italienische, iusbesonders aber deutsche Namen annehmen, daß sie Namen ändern, übertragen und einführen. Aus dem Zeitalter von 1000-1492 führte er 150 männliche und 56 weibliche deutsche Namen an, die von Juden geführt werden. Auch später wäre:: die verschiedensten der Landessitte entlehnten Nanren bei Juden in Gebrauch. Nor etlva drei bis vierhundert Jahren sind die Familien- oder Schreibnamen bei uns in Deutschland aufgekommen; seit etwa hundert Jahren hat die Gesetzgebung in den verschiedenen Ländern die Jude:: gezwungen, bestimmte Ncunen zu führen. Es geschah dies in der Zeit zwischen 1787 und 1834. Die Folge dieser Bestimmung aber war, daß den Inden eine große Anzahl von Namen zudiktirt wurde und heute noch von vielen getragen werden, die zu Spott und Hohn Veranlassung geben. Viele Juden wollten oder konnten die schwere Wahl des Namens rächt ansüben und so wurde ihnen der Familienname von den Behörden einfach zuertheilt. Justizrath Breslauer hat dieses Frage in einem gerade jetzt wieder sehr lesenswerthen Aufsatz in unserem Blatte 1895 (Nr. 29, 30, 31) ausführlich behandelt. Nicht nur der Name Schmul, der eine jüdisch-deutsche Bezeichnung für Samuel ist, sondern auch vrele andere Namen kommen bei Juden und Christen gleichmäßig vor. Ein altchristliches Geschlecht vvn Rhedern in Stralsund führt den Name» Israel, auch christliche Prediger dieses Namens giebt es'mehrere. Der größte deutsche Tondichter des 13. Jahrhunderts hieß Heinrich Jsaae, ein bekannter schweizerischer Reformator des 16. Jahrhunderts hieß Lev Jud, war aber ein Christ und stammte von svlchen ab; den Name» Jacob führen viele christlichen Familien. Der Fürstbischof von Olmütz heißt Kohl», und der Fürstbischof von Cilly führt den Namen sKahn. Andererseits aber giebt es viele echt deutsche Namen, die jüdischen-Ursprungs sind, und unsere Antisemiten werden sich nicht wenig wundern, wenn wir ihnen sagen, daß das echt deutsche Hans oder Hänschen hebräischen Ursprungs ist. Johannes ist die lateinische Form des griechischen Joannes, das wiederum die graecisirte Form des hebräischen Jvchanan ist. Im Uebrigen haben die Juden schon im 16. und 17. Jahrhundert Familiennamen gehabt, namentlich die gelehrten und angesehene»! Familien. Die Verhältnisse in Betreff der Familiennamen waren bei den Deutschen in einzelnen Landestheilen genau dieselben wie bei den Juden, deren Familiennamen zu einer Zeit geprägt »vurden, da das Sprachgefühl längst erloschen >var. Kein Wunder, daß sie deshalb eine gewisse Vorliebe für schön klingende Namen, für Zusammensetzungen von Ländern, Städten und Orten, von Thieren, Pflanzen und Mineralien zeigte»». Selbst was die mit „sohn" zusammengesetzten jüdische»» Fainiliennamen betrifft, wie Abrahainsohn, Mendelsohn u. s. »v., so findet sich auch diese Bildungsweise in der Namensgebung aller Kulturvölker. Auch im Deutschen ivird ja „sen" statt „sohn" dem Vatersnamen angehängt z»»r Bildung von Geschlechtsnamen ivie in Pcrulsen, Petersen, Jaeobsen u. s. >v. ebenso im Neugriechischen und in den slavischen Sprachen. Eine genaue Untersuchung ivird den Nachweis erbringen, daß soivohl die jüdischen Vor- >vie Zunamen, die vvn den Gegnern verspottet werden, in derselben Weise gebildet »vurden »vie bei den nilhtsemitischen Völkern. Rudolf Jhering, der »vie kein anderer, den Einfluß des Rechts auf das tägliche Leben und umgekehrt alle Aeußerungen dieses Lebens auf das Recht zun» Gegenstand seiner Untersnchungen geinacht hat, sagt in einer Abhaiidlung über diese Frage: „Wenn Sch»»»idt den Rainen Meier oder Meier de»» Nan»en Schinidt annin»»i»t, so »vürden in» ersten Falle süinmtliche Meiers, in» letzteren sämmtliche Schmidts dagegen Einspruch erheben können. Zu »velchem Zweck? Ein Interesse steht gar nicht auf den» Spiel; den Trägern beider Rainen kann es ganz gleichgiltig sein, ob ihre Zahl sich um einen vermehrt; mit jeden» Gebnrtsfall in einer dieser Familien tritt ganz dasselbe ein." Aber diese Abhandlung erschien 1885. Seither hat sich vieles geändert und auch das neue Bürgerliche Gesetzbuch hat das Recht auf Führung eines bestiiiimten Familiennamens als ein Privatrecht anerkannt und gegen Tenjenigen, »velcher unbefugter Weise den gleichen Namen führt, eine Klage auf Unterlassung dieser Namensführnng, ja sogar eine Klage auf Schadenersatz zugelasfen. Be» der Diskussion über diese schivierige Frage ivird gemeinhin das Wort Goethes citirt: „Na»»»e ist Schall und Rauch." Jndeß ist dieses Wort »vohl Emmi anwendbar, denn der Name ist etivas, »vas »vir schon bei der Geburt für nnsercn Lebensiveg »niterhalten haben, »vas uns beinahe so anhüngt »vie die Haut, aus der »vir doch nun einmal nicht heraus können. Die Namen, die die Väter und Vorväter sihvn mit Ehren geführt haben, sind eine pietätvolle Erinnerung; aber es hat auch außerdem jede Familie in ihrem Name»» ein Stück ihrer Geschichte und derselbe kann Manchen, »venu er nur des Nameirs, den er führt, gerecht werden »vill, vor Uebermuth und Hochmuth, vor Kleinmuth und Mißmuth beivahren. Manchem zur Demuth, Manchem zur Zufriedenheit, Manchen» zur Ermuthigung helfen. Wir schließen mit dem schönen Worte eines deutschen Namenfvrschers: „Hat Einer den rechten Sinn des Standes aus den» er sta»i»»nt, so Ivird auch ihn Gott der Herr, der ihm den Namen mit auf den Weg des Lebens gegeben hat, nicht verderben lassen."