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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-08 · Heft 23 (8.6.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 23. d^£tU?tttd tft?* Berlin, 8. 3unt 1900. Weifage zur „Affqerneinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 5. Juni. Unsere Gemeinde Hai einen großen Verlust erlitten. Am 3. d. M. ist Frau Rabbiner Emilie Maybaum. die Gattin unseres beliebten Predigers, im 51. Lebensjahre nach langjähriger Krankheit in Folge einer schmerzhaften Operation gestorben. Die Verblichene war eine edle, kluge und geistreiche Frau. An allen Wohlfahrtsbestrelnmgen unserer Gemeinde nahm sie den regsten Antheil. Das israelitische Kinderheim hat sie selbst begründet und zur Blüthe gebracbt, ebenso hat sie in dein Komitee für Chanukabescheerung und in vielen anderen jüdischen und allgemeinen Wohlthätigkeitsvereinen eine wahrhaft hingebende Thätigkeit entfaltet. Sie war eine treue und ausopfernde Gattin, die Theilnehmerin der Sorgen und Arbeiten ihres Mannes, die Freude, der Stolz seilles Lebens und die Krone ihres Hauses. Sie hat die Liebe und Achtung Aller erworben, die ihre weiblichen Tugenden gekannt und erfahren habell, wie sie Zedeil in ihrer Unrgebung nrit gleicher Güte behandelt uild an dem Geschick jedes Einzelnen herzlichen Antheil genommen. Ihr Leben marin diesem Sinne ein vorbildliches, und ihr Andenken ehren, heißt ihr frommes Beispiel nachahmen, ihr gottgefälliges Leben fortsetzen, die von ihr begonnenen guten Werke weiterführen. Wie sie selbst den ersten Theil jener großen Prophetenrede des Versöhnuugstages treu während ihres Lebens erfüllt hat, so wird sich auch die Schlußverheißung derselben an ihr erfüllen. Denn also verkündet der Prophet im Namen des Herrn: „Brich dem Hungrigen dein Brod. unglücklich Verfolgte bringe in dein Haus, so du einen Dürftigen siehst, bekleide ihn luld entziehe dich nicht dem, der deines Fleisches ist. Dann wird anbrechen gleich dem Morgenroth dein Licht und dein Heil wird schneller blühen, dann wird deine Slugenb vor dir einhergehen und die Herrlichkeit Gottes dich liebreich aufnehmen." — Eill Zeugniß für die Liebe und Verehrung, welche die Dahingeschiedelle in den weitesten Kreisen genoß, war das Leichenbegängniß. welches am Mittwoch unter sehr zahlreicher Betheiligung stattfand. Die Wohnräume, welche für die Aufbahrung hergerichtet waren, erwiesen sich, wie vorauszusehen war, als viel zu klein, um die große Schaar Derer zu fassen, welche der Verklärteil die letzte Ehre zu erweisen herbeigeeilt waren. Außer mehreren Mitgliedern des Gemeindevorstandes und des Repräsentailtenkollegiums waren sämmtliche Korporationen und Vereille, denell die Verstorbene nahe gestanden, durch Abordnungen vertreten, welche kostbare Kränze und prächtige, mit Widmung versehene Palmenarrangements am Sarge niederlegten. Die Feierlichkeit im Hanse wurde durch Gesang des Syuagogeuchors Lindeustraße („Li lau ssassauw nafschi“) unter Direktion von William Wolff eingeleitet. Dann ergriff der Freund des Hauses, Rabbiner Dr. Vogel stein-Stettin, das Wort. Im ersten Theile seiner Rede machte er sich zürn Organ des schnierzgeprüften Gatten, dessen sonst so beredte Lippen heute durch ben Gram um die Verklärte verschlossen waren, und feierte in schlichten, schmucklosen, aber illnigen und zu Herzen gehenden Worten das Andenken der Todten. Er rühmte ihr feilles Verständniß und eine erstaunliche Anpassuugsgabe nach, womit sie sich in die Herzen der Menschen einlebte, die ihr bald in Freundschaft ulld Liebe entgegenschlugen. Er erinnerte an die treue Hilfsbereitschaft, mit der sie ihrem Manne in seinem Berufe zur Seite stand, an die große Opferwilligkeit, die sie als Schwester und Tochter bewiesen, an beit Familiensinn, welchen die Verstorbene für alle Angehörigen zeigte, deren Lebensweg zn ebnen unausgesetzt ihren regen Geist beschäftigte. Er gedachte auch der großen Freude, welche die Ausübung der Mildthätigkeit, die Gründung und Förderung von Wohlfahrtseinrichtuugen ihr gewährten, der selbstlosen Hingabe, des milden Ernstes und der erzieherischen Geschicklichkeit, die Kindesseele an sich zu ziehen, wenngleich ihr selbst der Kindersegen versagt geblieben war. Aufrecht erhalten könne den Gatten nur die Erinuerung an die Verklärte und das Bewußtsein, daß er ihren letzten Willen vollsühre, wenn er. ihrent Beispiel der edlen Selbstbeherrschung und Standhaftigkeit, der Entschlossenheit und Thatkrast folgend, iveiterhin rüstig arbeite in dem heiligen Dienste, dem er seine Krast und sein Leben geweiht habe. Im zweiten Theile seiner Rede sandte Dr. Vogelstein noch herzliche Scheidegrüße der treuen Freundin seines Hauses nach, die aufrichtigen und innigen Autheil an dem Geschick der Seinigen zeigte und deren Theilnahme in Leid und Freude wohlthueud gewirkt hatte. Nach abermaligem Chorgesange („Scliuwi nafschi“) setzte sich der große Trauerkondukt ltach dem Friedhose in Weißensee in Bewegung. In der Leichenhalle sprach nach einleitendem Gesänge, der von dem bereits genannteil Chore sehr wirkungsvoll ausgeführt ivnrde, zunächst Rabbiner Dr. Eschelbach er. In warmen Worten gedachte er des edlen Wirkens der Verstorbenen, ihres Herzens voll Verstäudniß für die Fragen des Lebeils und ihres scharfen Urtheils über die verschiedensten Verhältnisse des Lebens. Er rühnite ihr unausgesetztes Mühen, auch Andere zum Wohlthun zu erwecken, ihnen die Augen zu öffnen für die Noth des Lebens, ein Mühen, das nach dem Worte der Weisen größer und schöner ist, als selber wohlthätig zu sein. Er erinnerte, daß die Verklärte als Lohn für ihr Wirken ein reiches Maß des Glückes zugetheilt erhalten, daß sie die Leiden, von denen sie heimgesucht war, überwunden, weil die Liebe zum Wohlthun in ihr so kräftig gewesen ist. Ihr Andenken werde zum Segen wirken und Andere zum Nacheifern anregen. Einen sehr warm empfundenen Abschiedsgruß widmete alsdann im Namen der Jünger Maybaunis Rabbiner Dr. Bl u m en tha l-Danzig. Er pries die Verklärte als Vorbild dessen, wie einst die Schüler ihr Heim gründen sollen auf dem Boden gottgefälligen Strebens, entsprechend dem Heiine, das die Tobte durch ihre bescheidene Pflichterfüllung, durch ihre ilie versagende Hilfsbereitschaft zu einent Priesterheim in Israel gemacht hat. Für den Gatten erbat er den Segen Gottes, ihnt nette Kraft zu verleihen, daß er nicht müde werde an seinem Werke. Uilter ben ergreifenden Klängen des Chores ivurde alsdann die Todte hinausgetragen, um in der Ehrenreihe ihre letzte Ruhestatt zu sindeu. „Wer nach Tugend und Nächstenliebe strebt, findet Segen, Heil und Ehre," das war der letzte Gruß, den Rabbiner Dr. Vogel st ein der theuren Verblichenen, deren Andenken in unserer Gemeinde nicht so bald erlöschen wird, nachrief. ££2 Berlin, 6. Juni. Von den „Mittheilungen des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes" ist soeben Numnier 53 erschienen. Sie enthalten einen Nekrolog auf den sel. Justizrath Benfey. die Satzungen des Vereins „Jüdische Arbeiterkolonie nebst Asyl in Weißensee bei Berlin". Nachrichten über die Sitzutig der Kommission zur Bekämpfung des Wanderbettels, über die Staatshilfe für den Religionsunterricht, über Gemeindeverbände, Kantörenkurse, ferner den Rechnungsbericht, das Verzeichniß der Bnndesgemeinden. der Mitglieder und Beamten des Bundes. 8. Berlin, 5. Juni. Der 70. Geburstag, den Maurermeister Marcus Adler in körperlicher Frische und geistiger Regsamkeit am 3. d. M. begehen konnte, gab zahlreichen Vereinen sowie der großen Schaar von Freunden und Verehrern atls Nah und Fern Gelegenheit, dem vielfach verdienten Jubilar ehrende Kundgebungen zu bereiten. Der Jubilar ist gelernter Maurer; er wanderte als Lehrling nach München ans, erhielt unter Kaulbach daselbst seine Fortbildung und legte sein Examen als Maurermeister ab. In Baiern ist er vielfach am Bau der Eisenbahnen als Unternehmer und Ingenieur thätig gewesen. Später kaut Adler nach Berlin und legte auch hier, wie es seiner Zeit nothwendig war. seine Prüfung als Maurermeister ab. Einige Jahre darauf gründete er die Kochmaschinenfabrik, die. jetzt im Besitze seines Neffen, einen Weltruf sich erivorbeu hat. Seither ist stets die große fachmännische Kenutniß Adlers int Dienste der Stadt wie der jüdischen Gemeinde mit bestem Erfolge verwerthet worden, so in der Baukommission der jüdischen Gemeinde, als städtischer Service- Verordneter, als Mitglied der Gebändeabschätzungskommission u. s. w. Seine weitverzweigte Thätigkeit auf den verschiedensten Gebieten dürfte

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