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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-08 · Heft 23 (8.6.1900) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
Seite 276 (sequence 14)
Language
German
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276 Gemeinde alt und grau geworden; er hatte sein Amt schlecht und recht geführt und, trotzdem er im Grunde genommen dem Fortschritt aus vollster lleberzeugung und ohne Hehl gehuldigt hatte, war ihm merkwürdigerweise die allgemeine Anerkennung, große Beliebtheit und verdiente Ehrung zu Theil geworden. Aber der gute Mann war gestorben . . . und die Gemeinde suchte einen neuen Rabbiner. Ehe man „auf die Suche" ging, gabs schon Meinungsverschiedenheiten. Die einen wollten wörtlich „aus die Suche" gehen und sie glaubten, in dem Rabbiner unserer Gemeinde bereits den richtigen Mann gefunden zu haben. Die anderen, denen unser Herr Rabbiner auch recht gewesen wäre, verlangten, daß die Stelle nach berühmten Mustern ausgeschrieben werde. Schließlich wurde die Stelle auch — fettgedruckt — in allen jüdischen Blättern zur Bewerbung ausgeboten. Unser Herr Rabbiner war unter der Hand zur Meldung aufgefordert worden, und man machte ihm von maßgebender Seite begründete Aussicht, daß er die Stelle erhalten würde. Er hat aber die Stelle nicht erhalten. Und das kam daher, daß unsere Gemeinde, die ihren Rabbiner nicht verlieren wollte, denselben nicht etwa unter entsprechender Anerkennung seiner Leistungen und angemessener Gehaltserhöhung festhielt, sondern sie suchte durch die bekannte Art der Empfehlung, die man „Kaljes" nennt, der Nachbargemeinde die Lust an unserem Rabbi zu verleiden. Die Zahl der Meldungen war nicht klein, die Auswahl gediegener Probeprediger war schwierig. Die „Alten" wollten natürlich einen „Alten", die „Neuen" pochten auf ihre Majorität und die fortschrittlichen Traditionen der Gemeinde beanspruchten einen „Neuen". Um so mehr betonten die „Alten", daß gerade deshalb, weil die Gemeinde in ihrer Mehrheit so neu sei, der Rabbiner einer voll den „Alten" sein müsse. Die Norddeutschen ivollten einen Ausländer, die Süddeutschen einen Norddeutschen, ein Eingeborener sollte es unter keinen Umständen sein, vermuthlich weil die Eingeborenen, welche die Verhältnisse von Kindheit an kennen, in dieselben sich am besten zu schicken wissen. Dazil kam noch die Privat- Agitation, die sich bereits für bestimmte Bewerber entschieden hatte. Einer hatte einen Schwiegersohn irgendwo wohnen, dessen Neffe mit der Tante eines Rabbiners verheirathet war; flugs war es Ehrensache der „Familie", für diesen Kandidaten mit allen Mitteln einzutreten. In einer anderen Familie wurden wieder andere „Beziehungen" zu einem Rabbiner entdeckt, und diese Familie betrieb die Wahl ihres Schützlings mit nicht geringerer Krastanstrengung. Ein regelrechter Kampf entstand. Die sonst so friedliche Gemeinde glich (wenigstens bildlich) einem Schlachtfeld«. Man hätte gar zu gern die Besetzung des vielumstrittenen Rabbinatssitzes vertagt, aber man sah ein, daß damit der Streit in der Gemeinde in Permanenz erklärt würde. Die Stelle mußte unter allen Umständen besetzt werden: vor einem fait acconipli würden sich auch die hartnäckigsten Streiter beugell. Bei der Auswahhd er Prediger wurden alle Parteiungen in der Gemeinde gebührend berücksichtigt. Fast ein halbes Jahr lang hatte die Gemeinde so den Genuß, allsabbathlich einen anderen Prediger zu hören. Ganz zuletzt trat ein Herr auf, den der Verein für Verwendung des Acetylengases als Fahrradbeleuchtung ans seine Kosten der Gemeinde vorgeführt hatte, einzig und allein deshalb, iveil er einer der Seinigen war. Gewöhnliche Sterbliche mögen nun wohl der Ansicht sein, daß es eigentlich nicht zu den Aufgaben eines Vereins für Verwendung des Acetylengases als Fahrradbeleuchtung gehöre, sich um Rabbinatsbesorgungen zu kümmern. Aber Thatsache ist: der Acetylen- Gas-Vereins-Kandidat trug den Sieg davon. Und merkwürdigerweise ist die ganze Gemeinde vorläufig zufrieden. Der Rabbiner hat nämlich seine Stelle noch nicht angetreten.- Ich konnte Ihnen den Verlauf der Angelegenheit nur ganz oberflächlich schildern. Ich hoffe, daß Sie und Ihre w. Leser Phantasie genug besitzen, um sich den Verlauf in den blühendsten Farben auszumalen. Was sie aber bei aller Phantasie nicht sich werden denken können, das ist, daß unser Parneß unserem vielgeliebten Chasan eine Gehaltserhöhung garantirt hat, weil er sich nicht in die Nachbargemeinde als Rabbiner gemeldet hate. Das hätte doch gewiß Ihnen nicht vorenthalten dürfen Ihr Löb Korach. »d tausend Blüthen springb" wieder Hell schimmernd aus am Schlehendor», Und jubelnd wiegen Lerchenlieder Sich über'm jungen Nest im Korn. Mit Siegerkraft durch starre Mauern Ein grünes Zweigleiu leuchtend bricht, Und durch die Welt mit Wonneschanern Erklingt der Ruf: Es werde Licht! K l u t. Von I. Loewenberg. Und wieder steigt im Nebelbrodem Ein grausiges Gespenst empor Und schleicht mit eklem, gift'gem Odem Von Haus zu Haus, von Thor zu Thor. Erzeugt vom Wahn in finstern Zeiten Geht's ein Jahrtausend lang schon um. Läßt Haß und Thorheit für sich streiten Und macht die Wahrheit zag und stumm. So zieht es lauernd durch die Gassen. Glotzt uns mit frechem Ange an. Will ich die Hand des Freundes fassen. Legt's schwer sich auf mich wie ein Bann. In Deines Spieles frohem Sprunge Was hältst Du Plötzlich schaudernd ein?! Du blickst so trüb, mein armer Junge,! Hörst Du es „Blut" und „Mörder" schrei'n? Gewiß, wir haben Blut getrunken, Knietief sind wir gewatet drin, Die liebend uns aus Herz gesunken. Die Frauen opferten wir hin. Wir schächteteu — vernehnit's mit Grauen — Die Kinder, die in unfm Hut Doch waren's unsre eigne»» Frauen, Doch war es unser eignes Blut! Warum? O fragt nicht, sei begraben In Nacht, was aus der Nacht einst kam. Wir brauchen keine Scham zu haben. Wär's nicht um's Meuschenthum die Scham. Streut, Brüder, Asche auf die Scheitel, Jndeß der Lenz sich Kränze flicht. Herrgott, das Schöpsungswerk ist eitel. Wann heißt es endlich: Es ward Licht? Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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