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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-08 · Heft 23 (8.6.1900) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
Seite 275 (sequence 13)
Language
German
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275 gab, durch die Vortheile, die dieser ihm wiederum gewährte, geboten. Im Uebrigen aber war er unzuverlässig uud wenig vertrauenerweckend, uud wennseine rnaunigfachenLeidenschaften ihn ganz beherrschten, dann war der „pschakrew Zyd", der „verfluchte Jude" ein willkommenes Opfer seiner Rauf- und Raublust. Gar zu gern hätten die Juden Berenbergs in diesen schweren Zeiten den Preußen allein ihre volle Zuneigung überall offen bethätigt, doch hätten sie in diesem Falle ihre ganze Existenz aufs Spiel gesetzt, da sie nach dem landläufigen Ausdrucke „von den Polen leben mußten". Sie wählteil daher die goldene Mittelstraße und griffen geflissentlich nicht akliv ein, um sich so nach beiden Seiten vor Haß und Verfolgung zu schützen. — Diese Stellungnahme hatte ganz besonders der Schänker Aron Bornheinr, der beliebteste und angesehenste Jude Berenbergs, seinen Glaubensgenossen angerathen, und man war willig seinen: schützbaren Rathe gefolgt. Aron Bornheim wohnte in einem stattlichen Hause an der Ecke der Judengasse, und wenn die Bauern der umliegenden Dörfer nach der Stadt fuhren lind ansspannen wollten, so wählten sie mit Vorliebe den Kretscham Arons. Ein über der Hausthüre angebrachtes Schild mit der Bezeichnung „Oberza", d. h. „Gasthaus", worunter irr kleirrerer Schrift der Zrrsatz stand ..Wolny wjazd“, d. h. „freie Einfahrt", lud die immer durstiger: Polen und Polinner: zur Einkehr ein. Und sie kehrten gerrr ein, derrr: Aron hatte für alle ein freundliches Wort, sprach gelürrfig polnisch urrd verstarrd es, durch seirren derben Witz seine Gäste zrr unterhalten urrd zu fesseln. Zudem war sein „Wutkh", d. h. „Schnaps", scharf und kitzelte die abgestumpften Ganrnen der Polen, die es namentlich voll Arrerkerrnnng anssprachen, daß die Achtelfläschchen Arons bederrterrd großer seien als die all seiner Konkrrrrerrten. Bornheim rnußte dabei wohl mariche Schirnpfrederr auhören, doch setzte er sich darüber hinweg. Sie berührten ihn nicht weiter, denn er wußte die Quelle derselben geziemend zrr würdigen. Seit krrrzem war es anders geworden; das Geschäft war in: Niedergange begriffen. Die eirrkehrenden Gäste waren immer geringer an Zahl geworden, urrd es waren Tage vergangen, au welcher: sich kann: ein Gast hatte blicken lassen. Die Wirren der Zeiten hatten dieser: Geschüftsniedergang herbeigeführt. Bornheinr hatte schwer darunter zu leiden, rrrrd seir: Herz war vor: bangen Sorgen erfüllt. Wir finderr daher auch ihr: roährend der eingangs unserer Erzählung geschilderter: Herbstnacht in seinem, arr die Schankstr:be grenzender: Wvhngernache, obwohl die Mitternachtsstrrrrde lür:gst vorüber war, an dem Tische sitzerrd, das sorgenschwere Haupt auf die rechte Harrd gestützt. Unheimlich schluger: die zwar geschlossenen, aber lose in ihren rostigen Angeln hängenden Fensterläden gegen die Rahrnen. Bornheim gegenüber saß seine einzige Tochter Esther, die kumrnervoller: Blickes auf ihren in tiefes Sinnen versunkenen Vater schaute. Während Bornhein: etwa fünfzig Jahre zähle:: mochte, war seir: Töchterlein Esther kaum achtzehn Jahre alt. Wie liebte Bornheim dieses Kind, das ihm seir: vor vielen Jahren dähingerafftes Weib als einziges Zeichen gegenseitiger treuer Liebe hinterlassen hatte! Urrd wie sehr rvar dieses Kind, das, ach so früh schon der nrütterlichen Liebe und Sorgfalt hatte entrathen müssen, von jeher seiner väterlichen Zuneigung Werth gewesen! Darun: hing er mit allen Fasern seines Herzens an diesem lieblichen Wesen, das unter seiner treuen Führung und Leitung zu einer blühenden Jungfrau herangereist war. In ihr war ihn: sein geliebtes Weib wieder erstanden, dessen Ebenbild sie war. Dieselben schwarzen, glnthvollen Augen, dasselbe rabenschwarze Haar und dieselben schelmischen Grübchen in: Ki:u: und Wangen hatten ihr: dereinst berückt und entzückt und ihn mit wahren Zanberbauden an die gefesselt, lvelche die Vorsehung ihn: zur Ehegattin bestimmt hatte. Voll Wehmuth gedachte Aron oft jener Tage des höchsten Glückes, die ihn: nur in geringer Zahl beschieden gewesen waren. In seiner unbegrenzten Liebe zu seinen: einzigen Kinde war Bornheim eifrig bemüht, ihr Herz und Gemüth zu bilden, ihren Verstand zu schürfen. (Fortsetzung folgt.) Die Nabbincrivalü. Sehr geehrter Herr Redakteur! >7t^iebt es denn gar keine Behörde, bei der :nan sich über Sie uud Ihre Berichterstatter beschweren fa:m? Schon eT wieder haben Sie ein wichtiges Ereigniß uüt Stillschweigen übergangen: Die Rabbinerwahl ii: unserer Nachbargemeinde. Ja, wen:: es sich um die Rabbiuerwahl in Berlin gehandelt hätte! Ueber die haben Sie so viel und so tauge geschrieben, daß nicht bloß die Berliner, sondern alle Ihre Leserglücklich waren, als endlich Berlin nicht bloß einen, sondern — Gott sei Dank! — gleich zwei und eine:: halben Rabbinergesunden hatte. Ein ganzes Kulturbild ist Ihnen entgangen dadurch, daß Sie sich nicht u:n die Rabbinerwahl in unserer Nachbargemeinde gekümmert haben. Ein Kulturbild nicht aus Halbasien, sondern aus Deutschlands gesegneten Gauen. Offen gestanden, Herr Redakteur, es konunt mir bald so vor, als ob ich alles das selbst in Ihre Zeitung schreiben müsse, was ich gern darin lesen möchte. Und ich bin doch kein Kultusbeancker. Man hat mir nämlich erzählt, daß es Knltnsbeamte gäbe, die n:it ihrer eigenen Hand ::nd uüt ihrer eigene:: Feder ihr höchsteigenes Lob, den Preis ihres herrlichen Gesanges und ihrer hinreißenden oder ergreifenden Rede den jüdischen Zeitungen anvertrauen. Ich kann das nicht glauben, und Sie, geehrter Herr Redakteur, werden es mir gewiß gern bestätigen, daß das nur böswillige Verlenindnug des ohnehin vielgeschmühten Standes der Kultusbeamte:: sei. Unsere Nachbargemeinde hätte freilich in ihrer berechtigten Freude darüber, daß die schreckliche, die rabbinerlose Zeit zu Ende gegangen, Ihnen wenigstens die Mittheilnng schicken können, daß ihre Rabbinerstelle besetzt sei. Dann hätten auch die vielen Bewerber, die sich noch inuner im Stillen Hoffnung machten, ihre Hoffnung :nit der geeignetste:: Leichenrede ihres vielgebrauchten Repertoires begraben könne!:. . . . Unsere Nachbargemeinde, die ausnahmsweise einmal nicht an der direkten Schnellzugslinie Wien-Paris, vielmehr überhaupt nicht an der Eisenbahn liegt, ist verhältnißmäßig nicht groß. Aber sie hat — und wo Habs das heutzutage nicht? — „Alte" und „Nene" und diese „Alten" und „Neuen" h: den verschiedensten Variationen. Durch der: Zuzug ans „aller Herren Länder" ist die Gemeinde derart „zusammengewürfelt", daß man ihre Mitglieder mit einen: gewissen Rechte in Nordur:d Süddeutsche scheiden kann. Etliche wenige Ausländer konnnen auch noch dazu. Der bisherige Rabbiner war in der

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