Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- Seite 274 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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274 scheinuuge» unserer Zeit. Großen Einfluß auf seine künstlerische Entwickelung hatte Felix Meudelssohu-Barthvlöy. In Leipzig, unter Leitung dieses Meisters, beendete er u. a. das Oratorium „Die Zerstörung Jerusalems", um seinem religiösen Drang künstlerischen Ausdruck zu geben; dasselbe wurde 18-10 zum ersten Male im Leipziger Gewaudhaus zur Aufführung gebracht. Er war ein ausgezeichneter Pianist, Dirigent, Lehrer und formgewandter, fruchtbarer und feinsinniger Komponist, als U'elch letzterer er in der Gruppe Schumann-Mendelssohn gehörte. Er hat etiva 200 Werke geschrieben; darunter befinden sich 6 Opern, 2 Oratorien, Psalmen, Motetten, Quartette für Mäilnerchvr, gemischten Chor und Frauenchor, viele Klaviernud Kannnermusikwerke n. s. >v. Aber auch als Schriftsteller muß er genannt iverdeu. Er hat zahlreiche Aufsätze, Briese und Bücher verfaßt, die sich durch eleganten Stil und geistvolle Gedanken auszeichuen. Bemerkensiverth sind namentlich die Bücher: „Die Musik und das Publikum", „Aus dem Tonlebeu unserer Zeit", „Felix Meudelssohn-Bartholdh", „Künstlerleben" und „Wie hören nur Musik?" Seinen großen Schüler Felix Mendelssohn-Bartholdy überlebte der am 30. Mai 1794 zu Prag geborene und am 10. Mürz 1870 in Leipzig gestorbene Ignaz Moscheles um viele Jahrzehnte. Auf Anlaß Ntendelssvhus war dieser vorzügliche Virtuos und Klavierlehrer im Jahre 1846 nach Leipzig als erster Lehrer des Klavierspiels am Kviiservatorium übergesiedelt. Doch war es ihm nur kurze Zeit vergönnt, sich des anregenden Umgangs seines Jüngers zu erfreuen. Unter seinen zahlreichen Koinpositioneu zeichnen sich die Klavierkonzerte 3 und 7 und die Etüden Opus 70 und 9ä ans. Er schrieb ferner ein Trio, ein Klaviersextett, ein Duo für 2 Klaviere re. Aach seinem Tode erschien seine Biographie »ach Briefen und Tagebüchern unter dem Titel: „Aus Moscheles Leben", womit ihm seine Gattin ein ehrendes Denkmal gesetzt hat. Seine Kompositionen sind von verschiedenem Werth. Manches hat nur als brillantes Birtnvseustnek und Salonsache Bedeutung; viele derselben haben aber durch ihre vriginelleFärlmng nndihreMelvdiensülle eine» bleibenden Werth. Charakteristisch ist bei ihm ein geivisses Pathos, ivelehes man aber nicht als ein affektirtes bezeichnen darf, svivie eine gewisse Grandezza, die er selten verleugnet. Seine Harmonik ist interessant und seine Rhythmik scharf urarkirt. Schlesien hat hervorragende Tonküustler gezeitigt; auch Salon, o n J adassohn ist ein Schlesier. Er wurde am 13. August 1831 geboren und gehört neben Professor Carl Neinecke zu der bedeutendsten Lehrkraft am Konservatorium zu Leipzig. Seine Kompositionen zeichnen sich durch frische, oft humoristische Gedanken und eine tadellose Faktur aus. Besonders bekannt sind seine in Kanvnfvrnl geschriebenen zahlreichen Werke. Man fühlt in denselben nirgends die Fesseln der Form, so daß dieser Tonküustler als Kanonkompvnist heute ivvhl einzig dasteht; aber auch seine Symphonien, Operetten, Orchesterscrenaden, Klavier-Trios, Präludien und Fugen für Klavier sonne seine Chöre mit und ohne Orchester sind ansehnliche und beachtensiverthe Werke. Ueberdies verfaßte er zahlreiche Nnterrichtsbncher, welche auch in fremde Sprachen übersetzt ivurden, so z. B. „Harmonielehre", „Kontrapunkt", „Kanon und Fuge", „Freie Formen", „Instrumentation", „Erläuterung zu Bach'schen Fugen" re. (Fortsetzung folgt.) EUILLETON Me Tscherkessenbraut. Eine Erzählung von I. Herzberg-Bromberg. III. war in einer kalten, stürmischen Herbstnacht des Jahre- 18 . . . Dunkle Wolken hingen regendrohend am fin steren Firmameute. In den Straßen Berenbergs herrschte eine unheimliche Stille, obwohl durch die Fensterläden der meifteu fast durchgehende einstöckigen und spitzgiebeligeu Häusern ein Lichtschein ans dem Inneren drang und noch keiner der Bewohner der Ruhe pflegte. Man wagte es nicht, das Nach! lager anfzusuchen, denn stündlich erwartete man die drohend-. Gefahr, die die unruhige Zeit mit sich führte und schon so nie! Elend und -Leid in so manches Haus hatte kommen lassen Insbesondere waren es die Bewohner der Jndengasse, die mit Barrgen und Sorgen den kommenden Stunden entgegenharrten Denn vor wenigen Tagen war wieder in derr polnischen Lau deil ein Aufstand irr hellen Flaunneil anfgelodert, und Bereu berg war der Mittelpunkt der kriegerischen Operationen ge worden. Die preußischen und russischen Truppen hatten siet schon vereinigt, um die polnischen Jnsnrgeuteubanden aus einander zu sprengen. Der ganze Stolz imb die bis heut, noch llicht erloschene Freiheitsliebe der polnischen Nation iua< wieder anfgeflammt ob der auf dem Reichstage zu Grodin genehntigten unlfangreichen Gebietsabtretungeil an Preußen. In großeil Schaaren hatten sich die voll herrschsüchtigeu Agi tatorell irre geleiteten Bauern mit ihrell an Schäfte aufrech! geschuliedeten Sellsen um Mieroslawski, den Führer des Aus stalldes, versammelt. Allerorten herrschte Angst unb Schrecken ob des entsetzlichen Gemetzels, das in kürzester Frist beginnen sollte. Die jüdischeil Bewohner der polnischen Lande, liaincntlid aber die Bereubergs, waren in einer verzweifelten Lage. Ers: vor welligen Jahren hatte eine Allzahl bemittelter Judell dev umliegenden Dörfer von der Verwaltung Berenbergs die Erlaubnis; erlangt, sich im Stadtbezirke niederlassen zll dürfen Diese Erlaubnis; hatte durch schwere Opfer an Geld imb ©ul erkauft werden müssen. Es wurde den jüdischen Zuzügler!« eine bestimmte Gasse Angewiesen, in der allein sie sich ausässi machen durften. Die Polen, welche in der Stadtverwaltung das Uebergewicht hatten, hatten längst die Bortheile erkanm die durch den Zuzug der Juden dem ganz darniederliegend'?". Handel erwachsen konnten. War es da zu verwundern, da", die Juden Berenbergs bisher aus Gründen der Selbsterhaltunn die Zuneigung der Polen sich zu erhalten bemüht waren? Jetzt war es anders geworden, denn sie fühlten sich in erster Reihe als Deutsche, und als solche waren sie keinen Augen blick im Unklaren darüber, wem sie in diesen unruhigen Zeiten da Polen und Preußen mit unbesiegbarem Hasse einander gegenüber standen und darnach lechzten, sich gegenseitig zu zerfleischen, ihre Sympathien znwenden und bethätigen sollten. Der Pole war wohl derjenige, der ihnen die Möglichkeit gc" währte, die mannigfachsten Nahrungsquellen zu erschließen und der ihnen im geschäftlichen Leben wesentliche Vortheile bol. Doch war die Gunst, die er gelegentlich dem Inden zu erkennen