Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- Seite 273 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber den crsteren, welcher leider nicht mehr unter den Lebenden weilt, hat diese Zeitung so oft berichtet, daß wir uns nicht weiter über dessen Leistungen und Schöpfungen ergehen wollen und nur erwähnen, daß er volle 52 Jahre hiirdurch, und zwar von 1840 bis 1892, als Chorvirigent der Berliner großen Synagoge waltete, sowie als Bahnbrecher des religiösen Kultus in erster Linie genannt werden muß, da er der eigentliche Schöpfer des Synagogenchors in Deutschland war?) Seine musikalische Fruchtbarkeit >var eine außerordentliche. Er schrieb über 200 Piecen, und l>var geistliche Gesänge, Symphonien, Streichquartette, Trios Kompositionen für gemischten und Männerchor, Kinderlieder k. und bearbeitete mit großer Kenntniß und feinfühligem Veriländniß alte hebräische Gesänge für Chor- und Orgelbegleitung, die seinen beiden Hauptwerken, welche sämmtliche Gesänge für den jüdischen Sabbath- und Festgottesdienst enthalten, einver- Kibt sind. Diese Werke heißen bekanntlich „Kol Nina U'T-silla" und „Thodah MSimra". Was Emil Breslaur, den früheren Chordirigenten an der Berliner Resormgemeinde betrifft, so war er als Tonkünstler, «Kavierpädagoge und Schriftsteller einer der geschätztesten d harakterköpfe der Berliner Musikkreise. Es dürfte interessiren. ln erfahren, daß er sich ursprünglich der Theologie und der indischen Wissenschaft widmete, ja. daß er sogar zum Religivnslehrer und Prediger an der jüdischen Gemeinde seiner Vaterstadt Cottbus gewählt wurde; er sattelte jedoch um und widmete iich dann ausschließlich der Tonkunst. Neben seinen zahlreichen, »msikpädagogischen Werken, welche viele Auflagen erlebten und auch in fremde Sprachen übersetzt wurden, ist er auch als selbstständiger Komponist hervorgetreten und hat Erfolge erzielt; ex schrieb u. a. Klavierwerke, geistliche und weltliche Lieder und?höre und bearbeitete verschiedene Etüden und andere instruktive iiserkevon Czerny Lemaine, Diabelli und Mozart. Seit i s83 war er Chordirigent an der Berliner Resormgemeinde. Hier erwähnen wir auch den bekannteil Chvrdirigenten Professor S iegsried Ochs, der namentlich als eben so geschickter wie geschmackvoller Leiter von Chören sich einen Rainen gemacht hat, der jedoch auch als Komponist Beachtung verdient. Zuerst wurde er bekailict durch die parodistischen Variationen über Kommt ein Vogel geflogen", sodann aber durch iverthvvlle i iederkvmpositionen, Duette und Chöre, und die komische Oper Im Namen des Gesetzes", die zuerst hi Hamburg zur Aufnihrung gelaugte. Ferner muß auch William Wolf genannt werden, einer der ersten, welcher Musikvorträge durch klingende Beispiele am Klavier nützlicher und anregender zu machen suchte. Neben seinen zahlreichen Aufsätzen mnsikästhetischen Inhalts, seiner Leitung des nach ihm benannten Gesangvereins und als Chor- *) Bergt, mein Buch: „Dur- und Moll-Slf!ovbe", Berlin 1894 Seite 192 ff. dirigent an der israelitischen Gemeinde zu Berlin hat er auch manche geschätzte Kompositionen, namentlich Klavierstücke und Lieder, sowie in Gemeinschaft mit dem Kantor Marksohn eine Klavierbearbeitung althebräischer Gesänge veröffentlicht. Ein namhafter Komponist ist der in Wien am 25. August 1851 geborene Joseph Max Beer; noch blutjung, erhielt er für die Kantaten „Ariadne auf Naxos" und die „Auferweckung des Lazarus" und einige Lieder durch die Verwendung von Herbeck, Dessoff und Hanslick ein Staatsstipendium. Seine Kompositionen umfassen fast jedes Genre der Musik. Er veröffentlichte zahlreiche Lieder, Pianofortekompositionen, Melodramen, Liederspiele, Männerchöre, Opern und Operetten; auch schrieb er einen kleinen Beitrag zur Wagnerlitteratur: „Eva Pogner, ein deutsches Charakterfrauenbild." Ein geschmackvoller Komponist ist der am 2. November 1830 zu Marseille geborene Julius Cohen, der sich durch Opern, Romanzen, kirchliche Sachen, Duette, sowie durch die Musik zu Rauers „Athalia", „Esther" und „Psyche" bekannt gemacht hat. Seit 1870 ist er Lehrer des Ensemblegesanges am Pariser Konservatorium und erfreut sich auch als Gesangspädagoge der Werthschätzuug in den weitesten Kreisen. Am werthvollsten sind seine kirchlichen Kompositionen, was bei diesem Schüler Halevis den Beweis liefert, das; auch ihn das religiöse Moment in erster Linie fesselt und zu Schöpfungen anregt. Es giebt in der Musik einzelne Künstlerdynastien, deren Mitglieder gleichsam die Harmonie geerbt zu haben scheinen. Zu diesen gehört auch der Stamm der Holländer. Hier ist zuvörderst zu nennen Alexis Holländer, geboren am 25. Februar 1840 zu Ratibor, welcher ein- und mehrstimmige Gesänge, ein sechsstimmiges Requiem, Klavier- und Kammermusikwerke und verschiedene Gesangsübungen veröffentlichte; dann sein Bruder Gustav Holländer, geboren am 15. Februar 1855 in Leobschütz, der sich namentlich als Leiter des Kölner Konservatoriums durch Streichquartetts einen geachteten Namen erwarb und verschiedene Violinkompositionen publizirte, und ein dritter Bruder Victor Hugo Holländer, geboren am 20. April 1866, gleichfalls zu Leobschütz, welcher Operetten, Duette und Lieder komponirte. Sogar eine Schwester des künstlerischen Kleeblattes, Alma Holländer, geboren am 31. Januar 1847 zu Ratibor, hat sich als eine talentvolle Pianistin und Virtuosiu hervorgethau. Eine Künstlerdynastie kann auch diejenige der Familie Herz genannt werden. Jacques Herz, welcher am 27. Januar 1880 in Nizza starb, aber in Frankfurt a. M. geboren wurde und fast sein ganzes Leben hindurch in Paris verbrachte, war als Pianist, Klavierlehrer und Komponist sehr geschätzt. Von seinen musikalischen Schöpfungen nennen wir eine Horusonate und eine Violinsonate, ein Klavierqnintett und Soloklavierwerke. Sein Bruder Henri wurde am 6. Januar 1806 in Wien geboren und starb am 5. Januar 1888 in Paris; mehr als ein Jahrzehnt hindurch einer der gefeiertsten Komponisten und Klaviervirtuosen der Welt. Er schrieb eine große Anzahl meist brillanter Klavierstücke, die seiner Zeit viel gespielt wurden, aber ebenso auch Variationswerke, die nach seiner Ansicht dem Pariser Publikum die schmackhafteste Speise waren: Sonaten, Rondos, Violinsonaten, Nocturnas, Tänze, Märsche, Phantasien u. s. w. An Vielseitigkeit der musikalischen Begabung und der Mannigfaltigkeit der Kenntnisse gehörte der 1885 in Köln verstorbene Ferdinand Hill er zu den interessantesten Er-