Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- Seite 272 (sequence 10)
- Language
- German
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2 72 als daß er den Gedankeninhalt des Gebetstückes immer tiefer zu erfassen und sich in denselben zu versenken suche. In der Forderung aber, daß mau in die altüberlieferten Gebete etwas hineinlegen müsse, ist das allerberedteste Geständniß enthalten, daß sie an sich zu wenig sagen, daß sie die Fähigkeit verloren haben, die Gemüther zu erbauen. Solches liegt implicite in den Worten unseres orthodoxen badischen Rabbiners. Es ist das die Vertheidigung eines Verzweifelten, gegen die inan unsere alten Gebete, zum großen Theil wenigstens, in Schuh nehmen muß. War es mir hiernach schon vonl Standpunkt des gesunden Menschenverstandes auffällig, daß die Gelehrten des Talmud so Ungereimtes gesagt haben sollten, so erinnerte ich mich überdies, daß in einem 1898 in der Religionslehrerversammlung des Bezirkes Freiburg gehaltenen und in Erfüllung eines von derselben sofort geäußerten Wunsches kürzlich im Verordnungsblatt des grobherzoglichen Oberrathes abgedruckten Vortrag des Bezirks- und Konferenzrabbiners Dr. Lewin „Der Werdegang unserer Gebete"^ die gleiche Talmudstelle in ganz ariderem Sinne angeführt worden ist. „Wir blicken zurück," so heißt es in den: Vortrage, „auf jene Zeiten, in denen man ansing, ben Gebetgottesdienst der jüdischen Gemeinde zu schaffen. Wie war die Zeit umstritten, in der gebetet werden sollte, bis R. Gamaliel es bestimmte und durchsetzte: der Mensch betet all jedem Tage! Wie lvurde gekämpft darüber, ob rnan sein Gebet zu einem festen machen dürfe — behauptete doch R. Josef, mall lnüsse an jedenl Tage etlvas neues inl Gebete haben!" Mit Bezug hierauf habe ich Herrn Dr. Lewiil ersucht, die taluludische Gelehrsamkeit des „badischen Rabbiners" etwas unter die Lupe zu liehmell. Darauf schreibt er mir, daß es ihll sehr belustigt habe, wie der fragliche Leitartikler mit Mischna lind Gemara umspringe. Im Einzelnen bemerkt er Folgendes: „Nach Mischna Berachoth 2xh fordert N. Gamaliel sestbestnumtes Gebet, N. Josua erklärt auch einen Auszug daraus für genügend, während N. Akiba dem, der die Gebetssormel beherrscht — mau mus; bedeukeu. daß es damals noch keine Gebetbücher gab — dieselbe zur Pflicht macht, den: aber, der sich mit ihr »licht zurechtfindet, auszugsweises Beten gestattet. N. Elieser geht über N. Josua noch hinaus, indem er das Gebet als freien usbrncf des Fühle ns gestaltet wissen loill. — Daß diese Auffassung der Mischuastelle die allein richtige ist, ergiebt sich aus der Gemara, insbesondere aus dem oben citirten Ansspruch von Nabba und Rab Joses: 12ttHPlb b)2' „Jeder, der darin nicht etlvas erneuen kann." Hierzu sagt R. Sera: „Ich kölmte darin etwas erneuen, halte mich aber zurück, denn vielleicht würde ich mich verwirren <Raschi: Vielleicht würde ich nlich Das spezifisch „gotteskämpferische" Mainzer „Genlralorgan für das orthodoxe Judenthnm" hat jüngst diesen Vortrag ebenso feinfühlig lvie wahr als vor» dem Oberrath all hoc „hefte Ute" Arbeit bezeichnet. Und das ist noch der mildeste der Ausdrucke, mit denen das genannte Organ jahraus jahrein die feiner besonderen Aufmerksamkeit sich erfreuende Thätigkeit des badischen Oberrathes begleitet Mit verblüffender Logik wurde derselbe neulich in dem gleichen Artikel als „fünftes Nad am Wage»»" und als „Vergewaltiger der Orthodoxie" vorgeführt. Natürlich antlvortet inall einem solchen Blatte nicht. Immerhin möchte ich aber öffentlich meinen Dank dafür zum Ausdruck bringen, das; ich in die Ehrenreihe der von dem Blatte verunglimpften jüdischeil Männer ausgenommen worden bin. Bemerkenswerth ist, das; die Redaktion in Mainz, die den fraglichen Artikel von Mannheim datirt hatte, infolge Protestes ans dortigen orthodoxell Kreisen sich bereits zu dem Eingestündniß genöthigt gesehell hat, das; der Artikel nicht voll Mannheim, sondern „Aus Badeil" hätte datirt werden sollen. irren ulld nicht an die Stelle zurückzukvmmeu wissen, an der ich aufgehört habe)." Dazu beachte inall noch Raschi. der zu „etwas erneuen" bemerkt: „Das ist die Bedeutung des Ausdruckes J)2p: inte heute, s o gestern, so morgen." Also nicht von einem Hiueinlegen neuer Gedanken in eilt dent Wortlaut nach unveränderliches Gebet ist die Rede, sondern der Talmud fordert in dem angeführten Satze, das; der Betende sich »licht strikt an den Wortlaut einer Gebetsormel halte, vielmehr seinem jeweiligen Empfinden gemäf; in i n d este n s das ei n e od e r a n dere Neue der gegebenen Formel hinzu füge." Von anderer unterrichteter Seite bin ich darauf aufmerksam geniacht worden, daß der „badische Rabbiner" die fragliche Stelle der Gemara nicht nur falsch interpretirt, sondern ihr auch, worüber man sich bei einem Orthodoxen doppelt wundern müsse, fälschlich die Bedeutung einer religionsgesetzlichen Norm (Halacha) beigemessen habe, obgleich sie von den maßgebenden Dezisoren vollständig ignorirt werde: „Man vergleiche Alsasi und Ascheri z. St., ferner Maimonides, Jad hachas. Hilch. Thefill. 4, 16 und den Comment. Lech. Mischue, wo der Ausspruch des R. Sera '121 &OK als Grund für die Nichtberücksichtigung des '121 ttHPlb PB' WtiW p2 bezeichnet wird, ferner Tur O. Chajitll 98, Schulch. Arnch das. 98. 5. Neberall werden nur die beiden ersten Auslegungen des JJ2p zur halachischeu Norm erhoben, die dritte aber '121 ttf*7nb biy bj völlig ignorirt. Das; übrigens die voll Naschi und den genannten Dezisoren sestgehaltene Auffassung des oben zitirteu Satzes die allein richtige ist, geht allfs deutlichste auch aus dem Jerusalemischeu Talmud hervor, woselbst es Berach. IV. S. 3 ed. Krotosch. heißt: 2V2 1N2X '121 V2P in^en ntrirn "issix 01 dzo xnx '"i .(‘mjxa jaij?2 xn' xbtr “12^21 ‘1 bbsnz mn bsirrns -21' ^22 ->21 r«2 “puc ’dv ‘~i .(-cv ^22 mirnn mban was N. Sera ähnlich wie im babplouischeu Talmud aus eigener Erfahrung als uuthunlich zurückweist unter gleichzeitiger Zustimmung zu der Meinung des R. Abahu: rrn im\* '*i .er V22 nwnn rftan bSania N'.i -vvb^ 'n '121 (•'iDV S22 NV1N n2"l2 "p2ö Also es handelt sich um lvirktiche neue Hiuzufügmlgen entweder in der Forni einer oder nach N. Abahu in Form einer ganzen ,^2*12' keineswegs aber lediglich um neue Gedanken, gegossen in die alten Gebetfornien. Hieran denkt Keiner." Sonach ist ungefähr das Gegentheil von dem richtig, was der „badische Rabbiner" aus dem Talmud heransgelesen hat, und es zeigt sich die interessante Thatsache, daß die talmudunkundige Dame A des Fragebogens in ihrem natürlichen Empfinden dem freien Geiste des Talmud näher gekommen ist, als ihr gelehrt thnender, in Wirklichkeit aber alles durch die Brille seiner vorgefaßten Meinung betrachtender Kritiker. Der „Jüdischen Presse" aber, die sonst ein so anständiges Blatt ist, möchte ich empfehlen, solche Mitarbeiter, wie der „badische Rabbiner" einer ist, sich vom Leibe zu halten. Denn dllrch derartige Vorkämpfer wird die Orthodoxie diskreditirt, was ich gar nicht wünsche, da ich sie, sofern sie nicht die Alleinherrschaft beansprucht, für einen ganz berechtigten Faktor in unserem religiösen Leben halte. 1) d. h. andachtslos. 2) d. h. eine für jede der drei des Tages (Kommentar Z d. h. eine neue Benediktion, eingestreut unter die 18.