Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- Seite 270 (sequence 8)
- Language
- German
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Und Ps. 128, 2 lautet fitr beide Geschlechter: Ernährst du dich voll deiner Hände Werk. Heil ltiib Wohl dir. Wenn ich auch nicht verkeilneil will, daß beim Unterricht der Kllabell diese Anlehiumg üblich ist, — die Mädchen werden nach dieser Richtung hin stiefmütterlich hehalldelt. Hier aber ist der Hebel allzusetzen. Die Schule, derell Einfluß ein weittragender ist. muß beginnen, und sie wird's vollbringen helfeil. Welin dann den Mädchen unter jahrelanger, sicherer Führllllg des sein Ziel unentwegt verfolgenden Lehrers zum Bewußtsein konilnt, wie Arbeit, vorilehmlich die öffentliche. adelt, baint lverden sie, die bei den Eltern so vieles andere durchzusetzell wissen, auch durchsetzen, daß man sie etwas ordentliches lernen läßt. Dann werden sie ihre Ellern vor dein „falschen Stolz", der „falschen Scham" bewahrell, in der Arbeit Lebenszweck ulld Lebeilslust enlpfinden. sich und den Elteril das Leben erträglicher gestaltell. den Volkswohlstand erhöhen und. Inst not tonst, wieder Nlehr weibliche Charaktere reifen lassen, an bellen es ulls so sehr mailgelt. Ein Charakter bildet sich doch nur im Strom der Welt. Waisenhaus-Direktor Katz-Rhbnik. Bitte um etwas mehr Wahrheit und Klarheit. Voll Geh. Regieruilgsrath Dr. Mäher, Karlsruhe. lüäßlich einer mittelst Fragebogen verallstalteten Euguete „über das Verständuiß, das die Erwachsenen den hebräischen Bestandtheilen des Gottesdienstes entgegenbringen/' ist in Nr. 20 der „Jüdischen Presse" ein gegen beit Oberrath der Israeliten Badens gerichteter Artikel „von einem badischen Rabbiner" erschienen. Da die Wirksamkeit des großherzoglichen Oberraths sich nur ans Baden erstreckt und hier Personen und Verhältnisse bekannt sind, so hat die Behörde nicht nöthig, sich gegen derartige Angriffe zu vertheidigen. Dagegen lege ich als Mitglied des großherzoglichen Oberraths Werth daraus, daß derselbe auch weiteren Kreisen nicht in einem Zerrbilde erscheine. Darum nlöchte ich hiervor der breitesten Oeffentlichkeit feststellen, daß der Verfasser des Artikels, soweit nach diesem zu urtheilen gestattet ist, entweder des Berstündnisses auch der klarsten Dinge ermangelt, oder von demselben ein eit schlechten Gebrauch macht. Ich bin sonst kein Freund so starker Ausdrücke, aber gegen Berfälschitng der öffentlichen Meinung, zumal in Religionssachen, Nluß uran entschieden auftreten. In der „Vorbemerkung" zu den Fragebogen heißt es wörtlich: „Man betrachtet es als höchst lvahrseheilllich, daß es unl dieses Verständlliß (für die hebräischen Bestandtheile des Gottesdienstes) scholl lvenige Jahre nach Beendigung des hebräischell Unterrichtes llicht gllt bestellt ist. Es ist jedoch von großer Wichtigkeit, dies dllrch eine auf Personen jedes Alters mld Standes sich erstreckeilde Ellgnete darzuthlm.Wenn in der That, wie es ben Anschein hat, das Verställdlliß der Erlvachseneil für das Hebräische im Gottesdiellst ziemlich allgemeill ein geringes ist, so nlllß dies denl großherzoglichen Oberrath vernlehrteil Alllaß bieteil, durch V erb es seru ll g der Methode für ben Unterricht im Hebräischen, sowie durch Maßnahlnen, die auf Ermöglichung eilles besseren Verständnisses der h ebräisch eil L i tnrg ieil i m Gottesdienste feib ft abzielen, Abhilfe zu schaffen." Also durch die Erhebung soll sestgestellt werden, ob die Auffassung des Oberraths, daß der Unterricht im Hebräischen lvesentlicher Verbesserung bedürfe und daß auch in: Gottesdienst selbst für ein besseres Berställdniß der hebräischen Liturgien etlvas geschehet! müsse, in den Thatsachen begründet sei. Was macht nmt aber der „badische Rabbiner" daraus? Nachdem er die hebräischen Gebete mit Recht sehr gerühmt hat, fragt er: „Und wodurch sollen diese überlieferten Gebete ersetzt werden? Jedenfalls durch Uebersetzungen." „Darauf/ sagt er an anderer Stelle, „deutet auch das gleichzeitig erlassene Preisausschreiben des Oberraths hin. Die Liturgie für Freitag Abend soll in schönem, volksthümlichem Deutsch wiedergegeben werden, und für die beste Arbeit ist ein Preis von 200 Mark, für die zweitbeste ein solcher von 100 Mark bestimmt." Dabei verschweigt aber der ehrenwerthe Mann den Eingang des Preisausschreibens, welcher lautet: „Berställdniß und Würdigung der hebräischen Gebete können wesentlich gefördert werden durch Beigabe einer deutschen Uebertragung, die den reichen Gedankellinhalt des Originals in ttloderner Gestalt zmn Ausdruck bringt." Weil zur Kerrnzeichnung des in weiblichen Kreisen vielfach anzutreffenden minimalen Verständnisses für hebräische Gebete und Thoravorlesnng die ungeschmnlkte Aeußerung einer Frau rnitgetheilt ist, folgert der mit seinem Urtheil schnell fertige badische Rabbiner: darnach müsse konsequenterlveise der Oberrath die nicht lnehr verstandenen hebräischen Gebete und die beanstandete Thoravorlesung abschaffen — statt sich gleich dem großherzoglichen Oberrath ernstlich zu fragen: was kann zur Beseitigung der Ursache dieses Uebelstandes, der auf dem Lande bei altherkömmlichem Gottesdienst genau so herrscht, wie in den Orgelshnagogen, geschehell, d. h. wie kann da^ fehlende Verstäudniß des Hebräischen hergestellt lverden? Cr hat freilich für alle Schäden ein Universalheilmittel zur Hand: man mache Rabbiner und Lehrer, Eltern und Schüler orthodor, so wird das Jndenthum gerettet sein. Aber Verehrtester! Das Judenthum war ja doch bis vor hundert Jahren fast durchweg noch orthodox! Alle, Alle, die heute als nichtorthodox gelten, sind doch aus der orthodoxen Wiege hervorgegangen. Und dahin meinen Sie, könne uns der großherzoglich badische Oberratb zurückführen? Da überschätzen Sie doch sehr dessen Macht. Er kann orthodoxe Rabbiner und Lehrer unterstützerl, da um die Gemeinden solche haben wollen — und dies thut er reichlich. Aber liberalen Gemeinden orthodoxe Funktionäre aufdrüngen, das kann er nicht. Doch hören wir näher, auf welche Art und Weise der Oberrath nach der Meinung des badischen Rabbiners seiner wahren Aufgabe gerecht werden soll! „Er muß vor Allem" — was er sonst noch thun soll, lvird niclu gesagt — „dafür sorgen, daß in dem obligatorischen Religionsunterricht der höheren Schulen nicht bloß ein wenig biblische Geschichte und etwas abgeblaßte Religionslehre unterrichtet lverde, sondern daß die Schüler an die Quellen geführt lverden. daß sie Hebräisch lernen; er muß dafür sorgen, daß dieser Unterricht von Männern ertheilt wird die von der Wahrheit des Gotteswortes durchdrungen und dazu befähigt sind, in den jugendlicheil Gemüthern Begeisterung für die Religion hervorzurufen. Dann loird die Lust an der Erlernung der heiligen Sprache von selbst komlnen, und dann wird auch das Verständuiß der Gebete ein derartiges sein, daß jede Reform des Gebetbuches überflüssig lvird." Nun müßte unser badischer Rabbiner wissen, daß in dem obligatorischen Religionsunterricht unserer höheren Schulen, mit Ausnahme von zwei Städten, in welchen besondere hebräische Unterrichtsanstalteu bestehen, schon jetzt auch Hebräisch unterrichtet wird, zum Theil von Lehrern seiner Richtung. Und wenn der Herr nicht absichtlich die Augen schließen wollte so könnte er gewahreil, daß nicht bloß eine große Zahl von Denen, die in den obligatorischen ein bis zwei Wochenstundeu