Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- Seite 268 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Freiherr von Gemmingen, der „nebenbei" Präsident des evangelischen Konsistoriums ist. Die Kommission ist nun mit Recht entgegenkommend; sie empfiehlt die Eingabe der Regierung zur Erwägung. Das Werk der Revision wird sich in der Richtlinie der Anerkennung einer vermehrten Autonomie zu bewegen haben. Man wird dabei namentlich die wirksame Vertretung der Einzelnen bei der Verwaltung der Gemeinden, die freiere, selbständigere Stellung der Lokalgemeinden gegenüber der Oberkirchenbehörde und dieser gegenüber dem Ministerium des Kirchen- und Schulwesens ins Auge fassen müssen. Hand in Hand damit dürfte eine veränderte Zusammensetzung der Oberlirchenbehörde gehen.. Das Gesetz von 1828 ist noch ganz in den Anschauungen jener Zeit gehalten. Obgleich den Juden seit Anfang des Jahrhunderts die gleichen Pstichten und Leistungen wie den übrigen Staatsbürger!: oblagen, so hatte man sie doch an Rechten nicht gleichgestellt (in dem Gesetz ist noch von „der religiösen und moralischen Verwahrlosung" und von den „mannigfachen Gebrechen in den Sitten" die Rede!). Bürgerlich holten dies dann die Gesetze von 1861 und 1864 herein; kirchlich soll nun endlich die berechtigte Revision erfolgen. An der Zustimmung vor: Kammer und Regierung ist nicht zu zweifeln. * In Marokko hat die „Alliance isra&ite universelle“ die Gründung vor: Schulen begonnen. In diesem Lande ist die Lage der Israeliten besonders traurig und mißlich. Ihr Leben und ihre Güter sind de:: Gewaltthätigkeiten des Volkes und den Ausschreitungen der Beamten ausgesetzt. Diese soziale Roth hat bei ihnen einen geistigen und moralischen tiefen Stand hervorgerufen, welcher Abhilfe verlangt. Die Schulen der Alliance sind das Werkzeug der Regeneration der israelitischen Bevölkerung Marokkos geworden. In Tanger, Tetuan, Casablanca, Mogador, Fez haben die Schulen die Gemeinden wieder erweckt, aber es existiren noch in Marokko große Eerneinden, die aus verschiedene:: Grü::den nicht mit Schulen haben versehen :verden können. Nu:: scheint der Augenblick gekommen, um diesem Umstand abzuhelfen. Zwei große Centre« der Bevölkerung richteten vor allem das Augenmerk auf sich: Marrakesch und Mequinez. Der Leiter der Schule von Tanger, Herr Ribbi, wurde beauftragt, sich nach der erste:: Stadt zu begeben, um die Mittel zur baldigen Eröffnung einer Schule ausfindig zu machen. Die Schule von Marrakesch ist dazu berufen, große Dienste zu thun. Es giebt wenig Städte — mit Ausnahme die von Persien — wo die emanzipatorische Mission der Alliance sich mit solcher Nothweudigkeit aufdrängt. Wenn man ' die materielle und moralische Lage der Juden von Marokko sich ansieht, so glaubt man nicht im Jahre 1900, sondern im Mittelalter zu leben. Die Schulen von Marrakesch werden Anfangs Oktober eröffnet werden. Bis dahin wird die Alliance versuchen, Schritte bei der Marokkanischen Regierung zu thun, um die erniedrigenden Gebräuche abzuschaffen, welche schon lange in den Städten an der Küste und in denen, wo Allianceschulen sich befinden, beseitigt worden sind. Iur Frauenfrage. Berlin, 6. Juni. ir erhalten zu diesem wichtigen und allgemein interessirenden Thema noch die beiden folgenden Schreiben: Die beiden Zuschriften, welche in Nr. 21 unter dem Titel „Unsere Frauenfrage" veröffentlicht wurden, haben mich nicht nur lebhaft interessirt, sondern auch mit hoher Genugthuung erfüllt, daß infolge meines Artikels in Nr. 1 dieses Blattes eine so rege Diskussion entfacht wurde. Zunächst erfülle ich die angenehme Pflicht der Verfasserin, der ersten Zuschrift meinen Dank für die mir in so schmeichelhafter Weise gezollte Anerkennung auszusprechen. Ich muß jedoch auch noch einige Punkte aus beiden Zuschriften herausgreifen, in denen ich theilweise einen anderen Standpunkt einnehme, und die auch noch als Erläuterung zu meinem ersten Aufsatze dienen sollen. Ich hatte verschieden fach lebhaft betont, daß jüdische Eltern aufopfernd streben, um jeden Preis ihre Töchter durch die Ehe zu versorgen; dieses Streben ist nun keineswegs geschwunden, und wird auch niemals schwinden, aber alle Anzeichen weisen darauf hin, daß die jüdischen Eltern, und namentlich der besseren Stände, doch das Heil ihrer Töchter nicht nur einzig in der allein selig machenden Ebe sehen, sondern diese auch für einen Beruf erziehen. Das eine schließt ja das andere nicht aus; das für einen Beruf erzogene Mädchen kann und wird auch eine gute Gattin, Mutter und Hausfrau werden. Goethe nennt die Ehe den Gipfel aller Kultur, und fraglos ist sie es auch; aber wer mit offe::en Augen um sich blickt, der ist oft verletzt und empört über die Frivolität, den Leichtsinn, mit welchen Ehen geschlossen, und oft auch wieder gelöst werden! Für ein fein eun pfindendes Frauengemüth haben Heirathsgesuche, Empfehlungen von Heirathsvermittlern etwas Abstoßendes; ich selbst muß immer an Heirathsmarkt und Versteigerungen dabei denken, besonders wenn unsere akademisch gebildeten Herren meistbietend angeboten werden; bei den Mädchen bedingt die Mitgift die Qualität des Gatten. Tie reichen Mädchen haben den Vorzug, nach Wahl heiratheu zu können! An beu oft unerhörten Ansprüchen der jungen Männer und der Töchter scheitert oft das Eheglück; „sie haben nicht für einander gepaßt". heißt es, wenn die Ehe bald gelöst wird, um so mehr, wenn die junge Frau im Elternhause eine sorgenfreie Zufluchtsstätte besitzt! Wie lvenig streben die jungen Gatten jetzt, sich einander anzupassen, sich in einander einzuleben! Es ist dies eine unglückselige Folge jener Art von Eheschließungen, gegen die Dr. S. in seinem Briese an die geschätzte süddeutsche Dame zu Fulda gezogen zu sein scheint; und ich bin ganz seiner Ansicht. Immer mehr tritt daher an die jüdischen Eltern die Forderung gebieterisch heran, ihren Töchtern eine berufliche Ausbildung zu gebenworauf ich zu wiederholten Malen in diesem Blatte hingewiesen habe, und nie erlahmen werde hinzuweisen. Die Zahl der Berufszweige ist nicht so gar klein, wie die junge Dame aus Ostpreußen annimmt, wenngleich manche Jüdinnen nicht zugänglich sind! In betreff der Frauenfrage hatte sich Frau E. G. s. Zt. nicht speziell als Vertreterin süddeutscher Eindrücke, Ansichten und Erfahrungen bekannt. Allerdings mögen daher die ihrigen und die meinigen weit auseinandergehen. Ich kann nur wiederholt betonen, daß in den weitesten Franenkreifi n Norddeutschlands, mit denen mich seit Jahren liebevoll gepflogene Beziehungen verknüpfen, nicht nur zuweilen. sondern sehr häufig jüdische Frauen keineswegs nur zahlende Mitglieder der Vereine, nein, geradezu hervorragend thätige Mitglieder sind; und daß der mich eigenthümlich berührende Gedanke der Dame „wie es sich christelt. so jüdelt es sich" — hier durchaus keine Anwendung findet. Auch in Süddeutschland giebt es jüdische Frauen, die an leitender Stelle der Frauenbewegung stehen; so habe ich oft Gelegenheit, in Frauenzeitungen Frau Alice Be ns he im er in Mannheim als die Seele der Bestrebungen des dortigen Frauenvereins erwähnt zu finden; und. wie mir bekannt ist, war Frau Rabbiner Dr. Werner in Danzig eine der Führerinnen des dortigen Vereins „Frauenwohl" und dürste wohl in München in ihren edlen Bestrebungen nicht erlahmt sein. Ebenso ist Frau Henriette Fürth in Frankfurt a. M. zu nennen, die in diesem Winter sogar im jüdischen Litteraturverein in Bochum einen Vortrag über die Frauenfrage gehalten hat. Ich kann eS daher nur als höchst bedauerlich bezeichnen, wenn in Süddeutschland jüdische