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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-08 · Heft 23 (8.6.1900) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
Seite 266 (sequence 4)
Language
German
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266 Ans diesem Vortrage sowie aus dem vorliegenden Jahresbericht der Alliance können die Gegner dieser Vereinigung am besten ersehen, wo eigentlich der Schwerpunkt der Leistungen dieses Weltbundes liegt. Sie hat das Licht nach dem Orient getragen, das ist ihr Hauptverdienst. Im Jahre 1874 hat sie dort ihr Erziehnngswerk begonnen, jetzt hat sie 95 Hauptschulen. 59 Knaben- und 36 Mädchenschulen, in denen 24000 Kinder unterrichtet werden. Wir nennen nur einige Städtenamen, um dieses Werk zu illustriren: Aidin, Aleppo, Adrianopel, Bagdad, Beirut, Botoschani, Brussa, Kairo, Chios, Konstantinopel, Fez, Jaffa, Jerusalem, Mogador, Monastir, Salonichi, Smyrna, Tanger, Teheran, Tripolis, Tunis u. s. w. Nun kommt aber die Hauptsache, nämlich der Bericht über die Einnahmell und Allsgaben, der mit voller Offenheit vorgelegt wird. Die Einnahinen betragen 984,370 Francs, die Allsgaben 1182256Frarlcs. Es bleibtalsoeinDefizitvon197886Francs. Wenll die Herren Antisemitell biefen Bericht durchzulesen geneigt sind, so werden sie sehen, wo die Millionen hinkommen, voll denen sie in ihren Blättern faseln. Es ist gut bei jeder Gelegenheit, so oft voll der Alliance gesprochen wird, auf ihreil Ursprung hinznweisen. Im Jahre 1860 haben die Muhamedaner in Damaskus, namentlich aber die Drilsen im Libanon uild einem großen Theile Syriens, entsetzliche Metzeleien uilter der dortigen christlichen Bevölkerung verübt. Die Noth war eine große. Da war es der Jude Adolf Crenneux, der einen kräftigen, zündenden Aufruf zu Gunsten der unglücklichen Christel: veröffentlichte, der in ganz Frankreich lebhafte!: Widerhall fand. Aus diesen: Komitee, welches die Spendensammlungen zur Linderung der Noth dieser christlichen Bevölkerullg in einem Winkel des Orients veranstaltete, ist die Alliance israelite universelle entstanden. Nicht so umfangreich ist der Wirkungskreis der Israelitischen Allianz in Wien, die soebell ihre:: 27. Jahresbericht veröffentlicht. Aber auch sie hat in ihrem Kreise Tüchtiges geleistet. Sie hat die Hilfsaktion für die unglücklichen Bergarbeiter zu Boryslaw ulld Wolanka eingeleitet, sie hat die Sammlungen veranstaltet für die dllrch die Verhetzungen des Pöbels geschädigten Inden in Mähren, sie hat sich aller Bedrällgten llnd Verfolgten angenomnlen, die durch die Blutlüge von Pollia unl ihre Existenz gebracht waren. Außerdem hat sie Sllbventionen all österreichische ulld rllNlällische Schulen für Erzellgllisse der jüdischen Litteratur llnd der Wissenschaft bewilligt. Delmoch muß sie über die merkwürdige Gleichgiltigkeit unserer Glaubensgenosse:: gegenüber ihren den: Wohl des Jndenthums geweihten Bestrebungen Klage führen. Die Lektüre dieses Berichts dürfte alle ehrliche:: Gegner, wenn es überhaupt solche giebt, eines Besseren belehren. Die Gesau:mteinnahu:en der Wiener- Allianz betragen 44899 Gulden, die Ausgaben 44818 Gulden, der Rest si::d 81 Gulden 76 Kreuzer. Bor diesen nüchterr:en Zahlen Zerfließen alle antisemitischen Hirngespinnste in leeres Nichts. Aildererseits geben :vir uns mit dem Vorstand der Allianz, an dessen Spitze der ln:ermüdliche David Ritter von Gutmann steht, der Hoffllllllg hin, daß der Appell, den sie aus diesen: Anlaß an die israelitischen Gemeinden richtet, bei unseren Glallbensgenosse::, denen die Noth und das Elend ihrer Brüder nahe geht, sich als wirksam erlveisen wird. „Die Gefühle der Menschenliebe", sagt Jean Paul, „helfen nichts ohne Grundsätze lind Grundsätze wiederum nichts ohne Gefühle." Darm: sollen lvir immer dcmken, wenn uns die Mahnung zllgeht, den nothleidenden und bedrückten Glallbensbrüdern zu helfen! Die Woche. Berlin, 5. Juni. ie konservative Presse hat sich bisher, im Gegensätze z:: ihrem Verhalte;: in den achtziger und lleunziger Jahre::, bei der Erörterung der Könitz er Vorgä:: ge keiner agitatorischen Ausbeutung des Falles schuldig gemacht. Es scheint aber, daß Blätter, betreffs derer dies anerkannt werde:: durfte, „des trockene:: Tones nun satt" geworden, auf den mai: sich allerdings beschränken muß, wenn rnan nur das sagen will, was der Wahrheit geniäß nur gesagt werden kan::: daß die Mordthat, sowohl was den Beweggrund als was die Thäter betrifft, bis jetzt in vollständiges Dunkel gehüllt ist. Konservative Blätter, welche sich damit nicht weiter begnügen, aber, wie es scheint, auch nicht i:: das Treiben der antisemitischen Presse eilfftimmen wollen, für die ein „Ritualmord" oder mindestens die Schuld von Juden feststeht, greifen jetzt zu dein höchst bedenklichen Mittel, Zweifel an der sachgeuläßen Führung der Untersuchung hervorzurnfen; es wird angedeutet, daß, wenn eine solche stattfände, das über der Mordthat ruhende Dunkel schon erhellt sein müßte. Die liebe „Kreuzzeitullg" ruft diese Auffassung mehr durch Betrachtungen über frühere Mordthaten hervor; sie greift auf den Fall Bnschoff z::rück und sagt, es habe sich nach nnb nach ein Pessimismus ent wickelt, „der sich sagt, wo es sich u:n den Verdacht einejüdischen „Blntmordes" handele, „komnlt doch nie etwas heraus." Also weil es niemals gelungen ist, einen des „Blut Mordes" Verdächtigen z:: überführen, deshalb ist der Verdacht begründet! Aus dem bekannten Buche des Professors der evangelischen Theologie Dr. Strack kann die „Krenzzeitung" sich belehren, wie oft solcher Verdacht vollständig widerleg! worden ist. In den: Fall Bnschoff aber lag die Sache keineswegs so, daß „der Angeklagte seiner Schuld nicht überführt werden konnte"; sondern die Staatsanwaltschaft beantragte die Freisprechung, indem der Oberstaatsanwalt, jetzige Oberreichsanwalt Hanlm erklärte: „Es ist bewiesen, daß Buschoß die That nicht bega::ge:: habe:: kan::;" lind der Erste Staatsanwalt Baumgard fügte Hinz::: „Ich u:nß bemerken daß mir bei meiner lange:: kriminalistische:: Thätigkeit noch kein einziger Fall vorgekornmen, in dem ein so klarer zusamm e;:hän gender Beweis geführt worden ist, das. der Angeklagte die That nicht begangen Habel: kann wie in diesen: Falle." Das nennt die „Kreuzzeitung".- „Der Angeklagte konnte seiner Schuld nicht überführt werden!" Während die „Krenzzeitung" es schlau deu Lesern über läßt, aus einer derartigen Darstellung eines früheren Faller — die in Aussicht gestellte „Verfolgung des wirklichen Mörderr sei unterblieben"! -- die entsprechenden Folgerungen für die Gegenwart zu ziehen, geht die „Deutsche Tageszeitung" offener vor. Das Blatt richtet gegen die Justizbehörden die schwere Anklage, daß sie nicht alle zur Aufklärung des Mordes leitenden Spuren verfolgen. Von diesen: Standpunkt aus komnlt die „Deutsche Tageszeitung" zu der Anschuldigung der Justiz behörden, daß sie es unterlassen, „jede einen Inder: bezieh tigende Spur zu verfolgen, roie wenn es sich un: einen Christen handelte; denn es sei doch nicht anzunehmen, daß Inden nur zu Ritnalzwecken morden können und sonst über jeden Verdacht einer Gewaltthat erhaben sind." Das Blatt scheint sich in seinem antisemitischen Uebereifer gar nicht mehr bewllßt zu in, welche Beleidigung gegen die Justizbehörden in diesen

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