Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-08 · Heft 23 (8.6.1900) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228389--56516-3292824
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Berlin. S. Juni 1900. 64. Jahrgang. Ar. 23. eitung des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet Rabbiner Dr Ludwig Verlags-Expedition: Berlin, Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Rcdacteur: Gustav Karpeles. PHUippson-Konn. Jernsalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Nndolf Masse, Berlin. 3tti)(tlt» Leitartikel r Unsere Geheimbnnde. — Die Woche. — Zur Urauenfrage. — Bitte um etwas mehr Wahrheit und Klarheit. Von Geh. Regierungsrath Dr. Mayer. — Das.Iudenthum in der Musik im 19. Jahrhundert. IV. Bon Dr. Adolph Ko Hut. — Feuilleton: Die Tscherkessenbraut. III. Von I. Herzberg. — Die Nabbin erwähl. — Blut. Von Loewenberg. Der? Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten. Berlin, Posen, Schrimm, Breslau, Magdeburg, Hameln, Hamburg, Wien, Budapest, Odessa. — Bon Rav und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Unsere Geheimbünde. Berlin, 6. Juni. einer rührenden Pünktlichkeit veröffentlichen zwei der schlimmsten unserer „geheimen Gesellschaften" alljährlich ihre Rechenschaftsberichte, nämlich die viel geschmähte und viel gefürchtete Alliance israelite universelle and die Wiener Israelitische Allianz. Ein schlauer Antisemit wird freilich gerade aus diesen Veröffentlichungen herauslesen, daß diese Gesellschaften etwas zu verbergen haben ulld nur das veröffentlichen, was ihnen paßt. Sv mag ein Antisemit denken — einanständigerMensch dellkt anders und liest die Berichte der beiden Allianzen mit der Objektivität, welche solche humane Schöpfungen wohl in Anspruch zu nehmen berechtigt sind. Der Jahresbericht der Alliance israelite universelle für 1899 ist zugleich eine vollständige Darstellung der Ereignisse innerhalb dieses Jahres. Er begimlt, wie üblich, mit verschiedenen Mittheilungen über Propaganda, über Mitarbeiter und mit einer Nekrologie. Dann aber kommt die Hauptsache, nämlich die Schilderung der Unterdrückmlgen, Angriffe und Verfolgungen, welche die Juden in verschiedenen Ländern während dieses Jahres zu erdulden hatten. An der Spitze letzt wie gewöhnlich der Kulturstaat Rußland. Doch hier ßnd es nur kleine und kleinliche Vexationen, die den Juden das Leben erschweren sollen, irgend ein Willkürakt eines Gouvernementspaschas, irgend eine Ausweisung von so und so Zielen Juden, irgend eine ungünstige Resolution des Senats. Das traurigste ist jedoch die Noth in den jüdischen Kolonien, welche dringend Abhilfe heischt. Die Unruhen in Nikolajew bilden einen würdigen Abschluß des Kapitels über Rußland. Roch.viel schlimmer ist das Kapitel Rumänien. Seit etwa fünfzehn Jahren war die Lage der Juden in diesem Laude uicht so schlecht als heute. Eine finanzielle und landwirthichaftliche Krisis hat dort zu einer wahren Religionsverfolgung geführt, an der sich die Negierung, das Parlament, die Behörden, ja sogar die Universität mit einer Einmüthigkeit belheiligen, die sonst in Rumänien auf keinem Gebiete zu finden ist. Eine Katastrophe kann nicht ansbleiben. Wo ist da Hilfe und Rettung zu finden? Was in Rumänien landesüblich, das kann in Bulgarien nicht ansbleiben. Auch in diesem Lande, welches bisher von der Pest des Antisemitismus verschont geblieben ist, bereitet sich eine Krisis vor, welche für die Zukunft der Juden in jenem Lande verhängnisvoll werden kann, obwohl die Regierung, wie man anerkennen muß, bisher immer noch mit aller Entschiedenheit gegen die antisemitischen Ausschreitungen vorgegangen ist. Es ist nur schade, daß gerade in diesem Lande die Regierung nicht die Macht hat, mit der sie in anderen Ländern die antisemitischen Provokationen wohl unterdrücken könnte. Einen wahren Lichtblick in diesem traurigen Bilde gewährt die Lage der Juden in der Türkei. Hier kennt inan keinen Unterschied der Religion, und der Sultan nimmt jede Gelegenheit wahr, um seine jüdischen Unterthanen nuszuzeichuen. Hier weiß der Alliance-Bericht nichts von Verfolgungen und Unruhen zn erzählen; nur das Erdbeben in Anatolien wirft einen Schatten auf dieses Bild. Die Lage der Inden in Marokko ist, wie wir unseren Lesern schon wiederholt mitgetheilt haben, durch den Fanatismus der Bevölkerung eine überaus traurige. Fast jede Woche erhalt das Centralkomitee der Alliance von seinem Korrespondenten neue Mittheilnngen über Exzesse und Morde, die dort an Juden verübt werden und leider trotz der Interventionen der französischen und englischen Konsuln ungesühnt bleiben. Im Gegensatz hierzu hat sich die Lage der Juden in Persien einigermaßen verbessert. Auch dort sind es die oberen Regierungsbehörden, welche die Juden gegen den Fanatismus der Bevölkerung geschützt und ihnen mancherlei Erleichterungen gewährt haben. Das letzte Kapitel des Jahresberichts der Alliance führt die traurige Ueberschrift „Fausses Accusations‘\ Hier marschirt das glückliche Oesterreich au der Tete der Kulturländer, die die Blutlüge wieder aufgewärmt habeil. Auf eine ausführliche Darstellung der Ereignisse in Polna lind des Prozesses in Knttenberg folgen ähnliche Fälle ans der Türkei, Bulgarien, Rumänien und aus dem geliebten Rußland. Gern wendet sich der Blick von diesen traurigen Erscheinungen zn erfreulicheren Mittheilungen, die die Alliance über ihre große Erziehungsmission im Orient zu machen in der Lage ist. Der verdienstvolle Sekretär dieses fürchterlichen Geheimbundes Jacques Bigart hat vor einigen Monaten in Paris einen Vortrag über dieses Thema gehalten „U Alliance Israelite Universelle et son action educatrice“, dessen Lektüre wir allen Antisemiten dringend empfehlen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.