Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 264 (sequence 14)
- Language
- German
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264 einigen Jahren an die russische Grenze. Jndeß war meist Vater gestorben und auch alle Geschwister bis auf das jüngste Brüderchen. Meine Mutter ließ mir schreiben, sie sei in großer Noth. Ich schickte ihr alles, was ich erspart hatte, und von da an unterstützte ich sie bis zu ihrem Tode. — Da ich hörte, daß man in Berlin weit größeren Lohn erhalte, wunderte ich theils zu Fuß, theils mit der Post dahin. Damals, 1825, machte man aber einem jüdischen Mädchen, das hier Stellung suchen wollte, den Einzug sehr schwer. Ich mußte darben und warten, bis ich das Eiuzugsgeld beschaffen konnte. Nun aber fand ich gute und feine Herrschaften — bei Christen und Juden. Ich diente bei einem General, bei einem Konsul, bei einem Oberstabsarzt und blieb immer mehrere Jahre als Köchin in einem Dienst. „Wölfchens" Kochkunst wurde berühmt, da brauchten meine Herrschaften keinen Koch mehr zu Gesellschaften, und „Wölfchens" Braten konnte mir Niemand nachmachen." Nun plauderte die Alte von ihren Herrschaften, wie liebreich sie von den meisten behandelt worden sei. „So diente ich, bis ich 75 Jahre geworden. Da wollte aber das Kupferschenern nicht mehr so gehen, und ich fand keinen leichteren Dienst mehr. Nun miethete ich dies Stübchen und ging als Kochfrau. Da sah mich der Maler Gussow, der fragte, ob ich ihm Modell sitzen wolle, er zahle für die Sitzung 3 Mark. Meine Ersparnisse waren bald aufgezehrt. So nahm ich das Modellsitzen an. „Wissen möchte ich, was Sie an meinem häßlichen Gesicht zu malen finden," sagte ich. „Das kann ich ihnen nicht erklären," meinte Herr Gussow, „für mich ist es sehr interessant." Das Bild hat er später auf die Allsstellung gegeben. Als ich nun anfing, Noth zu leiden, gab mir die jüdische Gemeinde 25 Mark monatlich seit Jahren. Davon zahle ich 10 Mark Miethe auf mein Stübchen." „Wer räumt Ihnen dies auf, und wer kocht für Sie?" unterbrach ich die Alte. Da lachte sie auf, daß wir mitlachen mußten. „Wer? Ich räume mir alles auf, ich koche mir — freilich auf meine alten Tage ist es nicht viel. Ich habe oft die ganze Woche keinen Happen Fleisch." — „Wer putzt Ihr Küchengeschirr so blank?" — Ich putze es nicht, ich scheuere es nur, bis es blank ist. Ich habe auch durch Gottes Gnade noch die Kraft, meine ganze Wäsche allein zu waschen, und daun packe ich sie hx die Kiepe und trage sie auf dem Rücken nach bem Boden." Wir waren starr vor Erstaunen. „Wer holt aber für Sie ein, was Sie brauchen?" „Natürlich ich, sollst müßte ich doch Botellgeld geben, und das habe ich nicht! Ich hole mir auch jeden Monat mein Geld von der jüdischen Gemeinde in der Hamburgerstraße!" - „Das ist ja aber eine Reise, wie gelallgen Sie dahin?" „Ich geht- bis Potsdamer Brücke, dann fahre ich im Omnibus bis Hacke scheu Markt und von dort gehe ich bis ins Bureau!" „Warum haben Sie sich nicht in eine der jüdischen Alters versorgungsanstalten gemeldet?" — „Ich wollte in meinem Stübchen frei und selbständig sein, und jetzt habe ich je Moneten und brauche in feilte Anstalt. Freilich, ehe ich von den Herren zu meinem Geburtstag hörte, daß ich nun kein? Noth nlehr leiden sollte, da lvar der Herr Stadtverordnete Kalisch so gut, sich für mich bei der Altersversorgung zu ver wenden. Da wurde ich eines Tages hinbestellt. Der Herr Jllspektor wollte seinen Augen nicht trauell, das ich eine Hundertjährige sein sollte, weil ich so rüstig vor ihm stalld. Er rief seine Frau —und bald kamen aus allen Stuben die Weiblein — um mich als Schauthier anzusehen. Und ah ich fortgehen wollte und sie mir ihre Hilfe anboten, urn di- Treppe hillabzusteigen, ich aber dafür dankte und so schllett idi es vermochte, allein hinabging, da schrien und kreischten sie alle vor Vergnügen und Verwunderung. Ja, Gott hat miel besonders begnadigt!" Als Friederike Wolff so sprach, stand sie auf, faltete die Hände und blickte zum Himmel empor. Dabei waren alle ihre Bewegungen einfach und natürlich „Warum wandten Sie sich delln nie an die Stadt uni Unterstützung oder all den Gesiudebelohuungsfoud?" fragte ich „Da bin ich zu stolz, um zu betteln," sagte die Greisin, „das haben mich meine Eltern nicht gelehrt." „Um den Gesindebelohnmlgsfonds hätten Sie sich, ohne daß es Bettelei ist, bemühen sollen. Der ist ja dazu da, daß brave invalide gewordene Angestellte int Hausdienst nicht im Alter zu darben haben. Da sind ja Millionen angehäuft, das wäre Ihr gutes Recht." — „Davon wußte ich ja nichts. Jetzt bin ich zufrieden, ich fange von neuen: an und werde haben was ich brauche, so lange Gott mir lloch das Lebell läßt!" Als wir nun Abschied nahmen, kan: sie uns gewandt, wie eine junge Person, ein Stück die Treppe nach und rief: „Ich danke Ihnen, meilre Damen. Nicht wahr, Sie besuchen mich noch eiitntal wieder?" Wir hatten bei dem hundertjährigell Fräulein eine be lehrende und unterhaltende Stunde genossen. Wir lernten in dieser Greisin ein Unicum von LebenSkunst ulld Selbstgenügsamkeit feimeil, welche bei den: bescheidellsten Maß an Ansprüchen, beu Sinn nur gerichtet auf die nächsten Pflichten selbständig und frei durch Arbeitsamkeit, voll religiöser Empfindung, erfüllt war von Dallk gegen Gott, von dem sie da^ lange Leben — und jede ihr jetzt bereitete Freude als himmlische Gnade hinnahm. ' -— uldigung bem Menschensohne! Mehr alS Fürsten Herrlichkeit Strahlet seines Hauptes Krone, Hoev im Ban der Elvigkeit. Nicht heraus ans fiilsterm Schachte. Der, sie gruben ehedeni, — Von des Berges Gipfel brachte Thalwärts er sein Diadem. Moses. Von G u st a v S t e i n e r t. Fühle dich in dem Begehren Dessen, der den Berg erstieg. Ulld im Streite um die Lehren lieber Engel trag den Sieg. — Fühle dich der Gottheit näher. Sterblicher, unsterblich doch! — Ihr Geheinlniß ward dem Seher. Ulld denl Seher ward ihr Joch. Aus der Höhe feinem Ziele Naht der feurige Koloß, Theileild in Ullendlich viele Treffer. Zünder sein Geschoß. Ullter freifenbeu Planeten Girre Sonne, stehst bu da: Ein mal in die Welt getreten, Allen Erdbewohllern nah! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.