Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 262 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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362 erkennen, die dem Zuhörer sympathisch entgegentritt. Sie zeichnen sich fast durchweg durch eine blühende Phantasie, Melodienreichthum, Schärfe der Rythmik, vollkommene Beherrschung der Formen und vollendete Meisterschaft in der Kvmpositionstechnik ans. Alle, die ihn kennen, spenden nicht allein seinen künstlerischen, sondern auch seinen persönlichen Eigenschaften hohe Anerkennung, indem er schneidige Energie mit gewinnender Liebenswürdigkeit zu verbinden weiß. Selbst ein Hans von Büloiv, einer der stärksten Kritiker und musikalischten Spötter unseres Jahrhunderts, spendete wiederholt öffentlich sowohl dein Komponisten wie dem Menscheil Worte wärmster Anerkennung. (Fortsetzung folgt.) EUILLETON Me Tsch t r Kelsen braut. Eine Erzählung von I. He rz be rg - Bromberg. II. angsamen Schrittes ging Esther hierauf dem Ausgange zu, nahm aus den Händen Kaschas Schirm und Tasche entgegen und trat den Rückweg an. Und wenn sie ihr Heim erreicht, wenn die Hausthür sich hinter ihr geschlossen, dann verbarg sie sich wieder ein Jahr lang in ihrem alten Hause, — zuerst an der Erinnerung des letzten Ganges zehrend, dann an der Erwartung des nächsten Ganges sich erhebend. So vergingen die Jahre, in denen sich in dieser Weise Erinnerung und Erwartung abwechselten, bis dasjenige Jahr hereingebrochen war, in welchem die Bewohnerin des alten Hauses am Wilhelmsplatze nur noch an ihrer Erinnerung zehreli, in dem aber das nicht mehr eintreten sollte, was sie erwartet. Der Tod, der ihr die Geliebten des Herzens genommen, forderte Einlaß, und schon längst hatte sie ihn kommen sehen und — ihn freudig begrüßt. Doch nicht unvorbereitet wollte sie sich ihm ergeben. So ließ sie denn eines Tages den alten Schannnes der „Chewra kadischa", zu dem allein sie Vertrauen hegte, zu sich entbieten. Seit mehreren Tagen schon lag sie auf dem Krankenlager und alle Diejenigen, welche jetzt den Wilhelmsplatz überschritten, schauten sich zu ihrem größten Erstaunen wiederholt vergebens nach dem seltsamen Frauenantlitze hinter dem Erkerfenster des alten Hauses um. Als man aber wahrnahm, daß Esther den alten Schammes zu sich entboten hatte, da war die Verwunderung grenzenlos geworden. Die alte Esther, die allerdings mit einem schweren Leiden zu kämpfen hatte, war wie umgewandelt. Ihre bisherige Scheu und Zurückhaltung war gewichen, und aus ihrem Gesichte war jener herbe Zug gewichen, der ihrem Antlitze ein so charakteristisches Gepräge verliehen hatte. Aus den sonst so starren, glanzlosen Augen traf den alten Schammes bei seinem Herantreten an das Lager Esthers ein warmer, heller Blick. Und nun erzählte Esther, daß ihr Ende nahe sei und daß sie den Tod mit Freuden begrüße. Vor ihrem Scheiden aber habe sie noch so manche Wünsche zu äußern, und sie könne erst dann beruhigt scheiden von dieser Welt, wenn sie das Bewußtsein habe, daß ihre Wünsche treu und gewissenhaft erfüllt werden. „Schammes," fuhr sie dann fort, „ich habe volles Vertrauen zu Euch, denn ich kenne Euer frommes Gemüth und weiß, daß Ihr den letzten Willen einer dem Tode nahestehenden Mitschwester gewissenhaft erfüllen werdet." Nachdem der Schammes durch ein stummes Kopfnicken sein Versprechen kundgegeben, zog Esther unter ihren» Kops kissen einen Schlüssel hervor, den sie dem Manne mit zitternder Hand überreichte, ihn bittend, den ihrem Lager gegenüber befindlichen Wandschrank zu öffnen. Wie erstaunte er aber, als sich die Thüre in ihren Angeln drehte und er einen Blick iu das Innere des Schrankes werfen konnte. Wohl geordnet standen da gar mächtige Talmudsolianten und kleinere he bräische Schriften. „Seht, Schamines," sprach jetzt Esther, ihr feuchtschim merndes Auge wie verklärt auf den Angeredeten richtend, „das waren durch die Jahrzehnte meine treuesten Freunde Sie gewährten mir die schönste Unterhaltung, die Stunden während welchen ich mich in ihrem Inhalt vertiefte, waren die köstlichsten meines weltabgeschiedenen Daseins. Wenn ich diese S'sorim') aufschlng, entstieg ihnen der Geist meines seligen Vaters, und er umschwebte und ließ mich die Web rings um mich her vergessen. Vor wenigen Tagen durfte ich sie zum letzten Male ausschlagen, und da war es mir, als ob mir der Geist meines Vaters zuflüsterte: „Laß sie ruhen, diese Folianten, bald, bald wirst Du neben mir weilen in lichten Höhen, und dann werden wir Beide uns wieder, wie ehemals in glücklichen Tagen, in das heilige Gotteswort vertiefen, aber nicht umgeben von Menschenhaß und Menschenfeindschaft, sondern unter.dem hehren Schein des Allerhöchsten!" „Diese Folianten, lieber Schammes," fuhr Esther nach einer Weile fort, „sind mir daher doppelt heilig. Es ist nur mein Wunsch, daß sie nach meinem Tode nicht in unberufene Hände kommen. Darum wünsche ich, daß sie in die Klaus der Hauptstadt geschafft lverden." — Nach diesen Worten trat ein längeres Schweigen ein, das der gespannt aufhorchende Schammes nicht zu unterbrechen wagte. Seine Zusicherung, daß er für die gewissenhafte Erfüllung der Wünsche Esthers sorgen werde, brachte er nur durch ein wiederholtes, stummes Kopfnicken zum Ausdruck Endlich erhob sie ihre zitternde Rechte und zog unter ihren: Gewände einen Schlüssel hervor. „Schammes," stieß sie mühsam hervor, „nehmt diese»' Schlüssel und begebt Euch nach oben, öffnet das über diesen: Zimmer befindliche Gemach und schauet hinein. Betretet es aber nicht, ich beschwöre Euch! Den»» so lange ich lebe, dar' es kein Sterblicher außer mir betreten. Ihr seid der erste, den: überhaupt ein Blick in jenen Raum und auf das, was er birgt, gewährt wird!" — — Mit wachsendem Erstaunen hatte der Schammes den Schlüssel an sich genommen, und er beeilte sich, sich nach oben zu begeben und das von Esther bezeichnete Zimmer zu öffnen. — Und was erblickte er? In der Mitte des Zimmers, dessen Wände mit schwarzem Tuche ausgeschlagen waren, und in welches das Tageslicht nur wenige Strahleil durch die nicht ganz geschlosseneil Fensterläden zu werfen vermochte, standen stumm und starr zwei Menschengestalten, und zwar ein Mamr in der Uniform eines Tscherkeffen, und ein Weib, angethau mit einem langen, weißen ') d. h. heilige Bücher.