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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-01 · Heft 22 (1.6.1900) · p. Seite 260

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 22 (1.6.1900)
Date
1900-06-01
Page
Seite 260 (sequence 10)
Language
German
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260 man behauptet, daß sie nicht im Verhältniß zu dem Nutzen stände, den sie der Wissenschaft und der Medizin verschafft. Hohe, edle Ziele sind es, um deremvegen der Forscher genöthigt ist, dem Thiere Schmerz aufzuerlegen; es handelt sich um die Erweiterung des Wissens, um den Kampf gegen Krankheit und Tod. Ein nicht irnerheblicher Theil der neueren Erfolge in der Erkennung und Behandlung voll Krankheiten beruht auf Versuchen am Thiere, wie sie namentlich Pasteur bei der Tollwuth, Koch, Behring u. A. bei der Tuberkulose, dein Milzbrände, der Diphteritis u. s. w. ansgeführt haben. Oder sollten das etwa weniger edle Zwecke sein, als wenn Krebse des besserer! Geschmackes wegen langsam bei lebendigem Leibe gesotten werden oder das Wild bei den Parforce-Jagden zu Tode gehetzt wird, vom Taubenfchießen und ähnlichen „Vergnügungen" nicht zu sprechen? In dem Konflikt zwischen dem Interesse des Menschen und dem Interesse des Thieres muß, wie so oftmals im Leben, (wir sehen das ja so oft gerade in Kriegszeiten), das geringere Interesse dem höheren weichen. Aber wo das Interesse des Menschen zugleich das Interesse der Menschheit überhaupt ist, wo es die edelsten und humansten Zwecke zu erreichen gilt, da sollten doch die Gegner der Vivisektion mit ihren Angriffen aufhören und zu den Aerzten im allgemeinen, den jüdischen Aerzten im besonderen das Zutrauen haben, daß sie, um in dem Körper des Thieres die Lebensgesetze zu ergründen und die Bedingungen für die Heilung von Krankheiten zu suchen, sich auch, so weit es irgend angeht, in den Grenzen der Humanität halten werden, soweit es möglich ist, die Experimente nur nach vorheriger Betäubung ausführen werden u. s. w. Was jedoch die Stellung des Judenthums an sich zu dem Thierschutz betrifft, so hat die Redaktion mit Recht bernerkt, daß das Judenthum seine Gebote, die Schonung und i den Schutz der Thiere betreffend, nicht erst zu verbreiten braucht.! Sie liegen in der Bibel offen zu Tage und sind durch das! spätere Schriftthnm noch vielfach erweitert worden.! Wenn aber die jüdischen Aerzte trotzdem nicht wollen, daß der Wissenschaft das genonnnen werde, was sie für ihren Fortschritt nicht entbehren zu können behauptet, so verdienten sie eher Anerkennung, als die Anfeindung, der sie leider heutzutage so vielfach ausgesetzt sind. Die jüdischen Aerzte werden sich über die Angriffe in diesem Punkte und in so vielen anderen Dingen mit den: Bewußtsein zu trösten wissen, I stets nur das Beste gewollt zu haben und werden auch fernerhin j nur eine Richtschnur ihres Verhaltens kennen: Die Sorge für j die fortschreitende Erkenntniß in der Wissenschaft und für das; Wohl der ganzen Menschheit. Nie Juden und der Schiffbau. Von Prof. Dr. Martin Philipp so in den Zahlreichen Zurücksetzungen, unter denen die Juden Deutschlands in der Vergangenheit zu leiden hatten, gehörte auch in den Seestädten ihre Ausschließung vom Schiffbau, der früher in den kleineren Häfen eine viel bedeutendere Rolle spielte als in der Gegenwart. Nur an wenigen Orten gestattete man ihnen die Betheiligung, und da schlug diese freisinnige Maßnahme lediglich zum Vortheil der i i betreffenden Stadt aus. So in Glückstadt, das die dänischen Könige zum Nebenbuhler Hamburgs bestimmt hatten. Lag dort überhaupt der größte Theil des Handels in den Händen der Juden'), so verlieh Christian IV. im Jahre 1630 den portugiesischen Juden der Stadt auch noch das Privileg, daß sie dort „mögen Schiffe zimmern und aufbauen lassen, auch ferner Macht haben, die aufgebaueten Schiffe entweder selbsten zu befrachten oder ihres Gefallens zu alieniren und zu verkauffen." Dieselbe duldsame Gesinnung bewiesen die dänischen Monarchen auch in Altona; und der Bibliothekar der Hamburgischen Kommerzbibliothek, Dr. Ernst Baasch, dessen trefflichem, streng akteninäßigem Werke-) nur auch die folgenden Angaben entnehmen, bezeugt (S. 30), daß das Aufblühen der Altonaer Grönlandsfahrt während des 18. Jahrhunderts in hervorragendem Maße dem Autheile der hamburgischen Juden zu danken war, denen man den Seeschiffsbau in Hamburg selbst, zum großen Schaden der dortigen Rhederei, untersagte. Besonders merkwürdig ist ein Vorgang in Königsberg, dessen Handelsstand und Seerhederei sich in den vergangenen Jahrhunderten überhaupt durch Kleinlichkeit und Engherzigkeit recht unvortheilhast auszeichuete. Der Schntzjude AleranderMoses beabsichtigte dort im Jahre 1781 ein Seeschiff von ca. 130 preußischen Lasten, also ungefähr 260 Tonnen, zu erbauen. Erschien dieses Unterfangen den christlichen Rhedern bereits als ein Verbrechen, so wurde ihr Zorn noch durch die Thatsache erhöht, daß Moses seine Ar beiter besser und gerechter bezahlen wollte, als das sonst in Königsberg der Fall war. Sie beschwerten sich also bei Friedrich dem Großen am 28. November 1781, nahmen das Recht des Schiffbaues nur für Christen in Anspruch und baten um eine generelle Ausschließung der Juden von diesem Zweige der Thätigkeit, „damit wir nicht auch von dieser Branche des Erwerbs durch diese Nation verdrängt und unterdrückt werden mögen." Sie konnten also dem Moses keinerlei Vorwurf machen, und ihr ganzes Verfahren beruhte auf Brodneid und Habsucht. Das Königsberger Admiralitätskolleg sowie der Generalfiskal d^Anieres nahmen sich des Juden an. Letzterer erklärte am 7. Januar 1782 dem Monarchen, daß kein gesetzlicher Grund vorliege, den Juden den Schiffbau zu verbieten. „Freiheit und Konkurrenz," sagte dieser aufgeklärte und einsichtige Beamte, „sind überhaupt die Seele des Handels und aller Gattungen im Gewerbe; daß diejenigen, die eine Nahrung treiben, es nicht gern sehen, wenn andere sich auch damit abgeben wollen, ist ganz natürlich; ein jeder Mensch und eine jede Gattung von Menschen, die zusammen ein Fach bearbeiten, suchen aus Gewinnsucht und Faulheit Monopolia zu erschleichen; da aber Gewinnsucht und Faulheit die festesten Stützen des Staates nothwendig untergraben, so muß auch der Staat so wenig als möglich die Monopolia begünstigen." Zum Schluffe schrieb er den Königsberger Rhedern noch den Ausspruch ins Stammbuch: „Die größte Unordnung ist, so viel ich weiß, die ausschließende Tyrannei der Monopolisten." Es war alles vergebens. Der große König war nüt seinen veralteten ökonomischen Anschauungen gerade ein Freund staatlich geregelterMonoPole und anderseits bekanntlich dcnJuden keineswegs günstig gesinnt. Mittelst Reskript vom 17. Januar y Lucht, Glückstadt (Kiel 1854), S. 66 — 90. ') Beiträge zur Geschichte des deutschen Seeschiffbanes und der Schiffbaupolitik (Hamburg, Gräfe und Sillem, 1899).

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