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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-06-01 · Heft 22 (1.6.1900) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 22 (1.6.1900)
Date
1900-06-01
Page
Seite 259 (sequence 9)
Language
German
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259 hämische Eifersüchtelei endlich aufgeben und uns zum Kampfe für unsere Zukunft rüsten wollen. Das Parteigezänke, der Neid, das sich gegenseitig nichts Gönnen wird uns zu Grunde richten, wenn nicht besonnene Männer, Männer der That, uns bei Zeiten darauf aufmerksam machen, daß wir noch etwas anderes zu thun haben, als jetzt über gewisse Formen des Gottesdienstes geistreich sein sollende Worte zu machen. Handelt es sich jetzt wirklich darum, ob eine veraltete Zeremonie aufrecht erhalten bleibt oder nicht? Wahrlich, der versteht das Judenthum nicht, und wenn er sich noch so weise dünkt und noch so gelehrt thut, der da meint, wir kämpfen um Formeu und Gebräuche, um Konsistorien und geistliche Vertretungen; der erkennt das Judenthum unserer Zeit nicht. Wir kämpfen allerdings um eure Organisation, aber nicht um Synhedrien und Synoden. Bei denen schaut wirklich nichts heraus. „Es bleibt ja doch immer beim Alten, ob Hinz oder Kunz eine schöne Rede gehalten." Mit seinem Gotte wird Jeder selbst fertig werden, mag er ihn nun deutsch, englisch oder hebräisch anrufen. Wir haben anderen Kummer. Wir sehen, wie jüdische Existenzen zu Grunde gehen, wie man den Juden „den Stab des Brodes" wegnimmt, wir sehen, wie eine rücksichtslose, in ihren Mitteln nicht wählerische Partei über die Köpfe armer, ruinirter Volksgenossen hinwegschreitet, und wissen uns nicht zu helfen, llnd wer sollte da helfen? Kein deutsch-nationaler Bauernfänger, kein menschheitsbeglückender Sozialdemokrat, aber auch kein Rabbiner mit seinen Talmudtraktätlein und kein Professor mit seiner philosophischen Weisheit oder seinen Rathschlägen. Da kann nur eine zielbewußte, den Blick immer auf das Ganze richtende politische Organisation helfen. Warum sollen wir Juden keine Vertreter in den verschiedenen Gemeindeausschüssen, Reichs- und Landtagen haben? War es so schwer, Männer der That durchznbringen, welche das Herz auf dem rechteil Flecke haben, welche Augen und Ohren haben für die Leiden ihrer Brüder. Ja, es lvar schwer, warum aber? Weil es uns an Einigkeit fehlt. Wir sehen feine Rettung, und doch spielen sich Viele als Retter des Judenthums auf. Da giebt es Streber, Ehrgeizlinge, welche auf den Schultern der Juden emporkommen wollen. Da giebt es politische ABC-Schützeu, die noch immer von Anlehnung und Assinlilation schwatzen. Andere wieder sind so naiv, zu meinen, für uns sei Rettung, wenn wir zum Schulklopfen, zur Mikweh nnd Kaboles Schabbos zurückkehren. So wenig haben wir gelernt, da wir noch immer in derartigen Mittelchen unser Heil erblicken. O, über die gescheidten Juden, die da meinen, mit einer geistreich sein sollenden Talmudauslegung habe man das Judenthum gerettet! Nein, Ihr Gelehrten und Halbgelehrten! Gebet endlich das sich gegenseitig Zerfleischen auf, lverdet eine organisirte Partei, unterwerfet euren Willen dem Ansehen Verständiger, die euer Wohl nur wünschen, tretet euren Gegnern mit Kraft entgegen, verlasset euch nur auf die Hilfsquellen, die in eurer Mitte, auf eurem Boden noch nicht versiegt sind, höret nicht auf die Lockrufe von hüben und drüben. Das ist's, was Dir unseren Juden zurufen, und wir glauben, wenn sie diesen Zuruf beherzigen und danach handeln, dann wird man über den Verfall des Judenthums nicht Krokodilsthränen zu weinen brauchen. Organisation, thut auch jetzt den Wiener Inden noth. Am 31. dieses geht es an die Wiener Gemeinderathswahlen. Wir sind keine Optimisten. Wir wissen, sie bedeuten trotz Wolf und Adler — denken Sie nur an keine Menagerie — der Sieg Luegers auf allen Linien. Aber vielleicht werden die Juden doch den einen oder anderen Vertreter auch ihrer Zwecke durchsetzen. Es wäre nicht zu schwer — wenn uns nur eines nicht fehlte, die kräftigende, starke und stärkende Einigkeit. Iwri, Nie Vivisektion unk die jüdischen Aerzte. Von Dr. med. Simon Sch erbet in Lissa. J^s wird vielfach die Behauptung ausgestellt und zugleich c die Verwunderung darüber ausgesprochen, daß die " Vivisektion von jüdischer Seite so viele Vertheidiger findet svergl. auch die Zuschrift des Predigers Herrn W. Becker in Friedenau in Nr. 20 d. Bl.). Sollte dies der Fall sein (obwohl uns bekannt ist, daß der Kampf für die Vivisektion bisher mehr von christlichen Gelehrten, und zwar solchen ersten Ranges, geführt worden ist, z. B. Heidenhain, Helinholtz, Virchow, Dubois-Reymond nnd vielen Anderen), so würde das nur beweisen, daß die jüdischen Aerzte, trotz der dem Judenthume innewohnenden tiefen Humanität, von der grundlegenden Wichtigkeit, ja von der Nothwendigkeit der Vivisektion für die Wissenschaft überzeugt sind. Gerade der Umstand, daß die jüdischen Aerzte, welche seit jeher in der Geschichte der Medizin eilte ehrenvolle Stellung eingenommen haben, sich nicht den Vekämpsern der Vivisektion anschließen, sollte zu denken geben. Frei nach dem bekannten Worte: Amicus Plato, sed magis amica verilas wird der jüdische Gelehrte sicherlich sagen: „Lieb ist mir das Thier, aber die Wahrheit und die Wissenschaft sind mir noch lieber!" — Daß die Vivisektion aber für die medizinische Wissenschaft eine absolute Nothwendigkeit gewesen ist nnd noch ist, das ist eine Thatsache, die von den ersten Größen in der Medizin zur Genüge bewiesen worden und durch alle Proteste von gegnerischer Seite nicht hinwegzustreiten ist. Als gegen Ende der siebziger Jahre im vorigen (d. h. im 19.) Jahrhundert der bekannte große Ansturm gegen dis Vivisektion in mehreren ßditbent Europas, namentlich in Deutschland und England, sich erhob, da war es der damalige Kultusminister v. Goßler, der im Parlamente in würdiger Weise, die zugleich den Forderungen der wissenschaftlichen Forschung und den Grundsätzen der Humanität gerecht umrde, die Vivisektion vertheidigte und sie als ein unentbehrliches Erforderniß für eine fruchtbringende Arbeit der Physiologen hinstellte. Jeder billig Denkende ist weit davon entfernt, dieser Agitation gegen die Experimente am lebenden Thiere irgend welche unedlen Beweggründe unterzuschieben oder die Motive dafür in anderen als rein Humanitären Gesichtspunkten zu suchen. Es liegt ihr ja gewiß die natürliche und edel menschliche Mitempfindung zu Grunde mit dem Schmerze, welchen der physiologische Versuch dem Thiere anferlegt. Ihr gegenüber steht jedoch die unerschütterliche Ueberzeugung aller Derjenigen, welche die Fortentwickelung der medizinischen Wissenschaft zur Aufgabe ihres Strebensgemacht haben, daß für diese Fortentwickelung der Thierversuch eine nicht zu entbehrende Bedingung ist, und zu ihnen gehören nicht als die letzten die jüdischen Aerzte. Es beweist eine Unkenntniß von dem Gange der medizinrschen Forschung, wenn man der Vivisektion die hohe Bedeutung für den Fortschritt in der Wissenschaft absprechen will, wenn man sie für unnöthig und überflüssig erklärt, wemt

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