Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 258 (sequence 8)
- Language
- German
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258 Was eine sorgend zärtliche Mutter dem Kinde ist, das ist die Mutter Religion der Menschheit! Ihr Wirken und Walten! hört nicht auf, und wer auf ihre Stimme hört, der findet den rechten Weg in den Jrrgängen des Lebens, den führt sie durch Nacht und Dunkel mit ihrer siegenden Liebe in die Höhen des Lichtes. Sie läßt uns nicht alt werden! Sie läßt unsere Kraft nicht schwinden! Sie treibt immer neue Blüthen und reiht sie dem Straus; des Lebens ein. Sie umgiebt uns mit ihrem Duft und mit ihrer Weihe. Sie läßt unsere Augen wie Kinderaugen, klar und hell, in innigem Berständnis; und in tiefer Liebe schauen. Leitet sie uns mit ihrer zärtlichen Mutterhand, daun sind wir geschützt, und das Leben, das harte, ergreift uns nicht so rauh in seiner ganzen Schwere und Unvollkommenheit. Wir sehen durch ihre Auge», die ewiges Licht strahlen, wie Kinder, die in dem Mutterauge ihre reine unschuldige Seele wiederfiuden. Naht nun iu den sonnigen Frühlingstagen das schöne Fest, das wir der Mutter Religion zu Ehre» feiern, so möge der Glaube an ihre Macht, an ihren Segen in uns vor; neuem lebendig werden! Möge sie uns grüßen, ivie ein lieb verklärtes Mutterauge, möge sie iu ihrer nie endenden Opferfreudigkeit, die nur der einer Mutter gleicht, uns blinde Menschenkinder sehend machen, möge das ewige Licht, das sie ansstrahlt, uns Herz und Seele erhellen und uns zri glücklichen, heiß ersehnten Zielen führen! Brief aus Oesterreich. Ende Mai 1900. jpine Preisaufgabe: „Welches sind die Beziehungen des b) Judenthums zur tschechischen Obstruktion im östery reichischeu Abgeordnetenhaus?" Vielleicht verdient sich irgend ein christlich-sozialer Denker — es wird doch auch solche geben — einen Preis, indem er oben gestellte Allfrageu beantwortet. Gleichsam der Held dieser Preisarbeit müßte der Dr. Stransky sein, der Jud' unter den Tschechen. Sie sagen aber, der Stransky ist ja gar kein Jutch er ist ja getauft. Macht nichts. Seine Ahnen, welche aus Tschechien stammen, haben einmal, so wie wir, am Passah Mazzot, und am Schabuothfeste „Doppeldolken" gegessen. Und darum ist und bleibt Stransky ein Jud', wenn auch seine Kinder in die tschechischen Schulen gehen und hier den römisch-katholischen Katechisnlus lernen. Unsere Christlich - Sozialen werden es übrigens demnächst herausbekommen, daß überhaupt an allen Schlechtigkeiten, all denen leider die Weltgeschichte so reich ist, nur Juden die Schuld tragen. Der trojanische Krieg, die Bartholomäusnacht, die Wiener Gasfrage, der spanischamerikanische Krieg, der Verrath Wallensteins, das alles sind Judenlverke. Unb gäbe es eine spanische Inquisition oder einen Burenkrieg ohne Juden? Wer weiß es nicht, daß die Eilgländer nur für die Inden käulpfell und die Sozialdemokraten nur für die Macht des internationalen Judenthums streiten? Wer es nicht weiß, der gehe eben zum Abgeordlleten Bielohlawek und lasse sich darüber belehren. Sie wissen nicht, wer Bielohlawek ist? Ich lvilt Ihnen seine Adresse geben. Bielohlawek, Retter des christlichen Gewerbestandes, ist vor allem Anti-Darwinianer, Vertreter jener Wissenschaft, welche sich dagegerl sträubt, den Mellschen vom Assen abstammen zu lassen. Es wäre eine schwere Beleidigung, wenn jemand sagte, die Barrierestöcke oder die „politischen Grenadiere" Luegers stammen vom Affen ab; wie könnten sich dies die Pavialle und Mandrills auch gefallen lassen! Bielohlawek, ich setze feine Conterfeiung fort, ist ein Mensch, welcher sich gegen Goethes Mephistopheles auflehnt, ja, er „verachtet Vernunft und Wissenschaft." Wozu braucht man diese Artikel, wenn man Antisemit ist? Kann man es als solcher ohne Vernunft und Wissenschaft nicht weiter bringen? Weg also mit dem Ballaste, welcher die Köpfe beschwert und das Fortkommen behindert. Was ein rechter Antisemit von Luegers Gnaden ist, beschwert sich — aber nn Rathhauskeüer. Dort ist keine Spur von Juden zu finden, nur manchmal raufen sich dort Deutsch-Rationale — und das sind keine Juden — und Christlich-Soziale. Der Wein ist allerdings dort ungetanst, wird aber nur von Getauften ver kauft. Im Rathhauskeller kann man also seine antisemitisch fühlende Brust noch unter Judenreinen höher schlagen lassen. Wie sollte Bielohlawek Schiller Lügen strafen? Er kennt ihn zwar nicht den Schiller, — der Name klingt doch etwas jüdisch — aber besagter Schiller spricht irgendwo von Phäaken, welche den ganzen Tag den Spieß drehen, an welchem sie wahrscheinlich die Händel backen. Was den Namen Bielohlawek betrifft, so hat er mir schon oft Kopfzerbrechen verursacht. Denken Sie nur, dieser Name ist slavisch, Bielohlawek aber ist ein guter Germane, zwischen ihm und dem alten Germanen Hermann, der dem Varo die Legionen wegnahm, müssen einige slavische „Weißköpfe" liegen. Oder sollte, ich wage es nicht auszusprechen, Bielohlawek von irgend einem jüdischen „Weißkopf" abstammen? Die Juden! sind zu allem fähig, und, wenn sie den Burenkrieg erregen, können, warum sollte Bielohlawek nicht ihr Abstämmling sein: Doch dies nebenbei. Was aber Varo und seine Legionen betrifft, so möchte ich Ihnen ein Stückchen Lueger-Bielohlawekscher Weisheit und Wissenschaft nicht vorenthalten. Rach Lueger rief C. Julius Cäsar, derselbe, welcher im Jahre 44 ermordet wurde, aus: „Varo, gieb mir meine Legionen wieder." Wer die Bücherweisheit, das römische Recht und auch die Juden verachtet, hat auch ein Recht darauf, mit den Persollen der Weltgeschichte nach seinem Gutdünken nmzuspringen. Wenn man Magistratsräthe anschnauzt, jüdische Lehrern präterirt Gemeinderäthe wie Buben „ausschließt", und mit geistlichen Herreil sich den Rathhauskellerwein gut schmecken läßt, kann man auch aus einem Augustus eillen Julius Cäsar, aus einem Neffen einerr Oheim machell, und Knigge zum Verfasser eines Conversationslexicons avanciren lassen und doch ha: besagter Klligge nur darüber geschrieben, wie man mu Menschen umgeht. — Bon Bielohlawek zu Wolf, unserem Wolf, dem gewaltigen Germanen aus Reichenberg, ist ein mächtiger Sprung. Hören Sie, Wolf, gewesener Judenfresser, kratzt mtu, wie mall hi Wien sagt, die Juden „unsts Goderl." Das haben die bevorstehenden Wiener Gemeinderathswahlen gethan. Man braucht uns wieder, d. h. unsere Stimmen. Man reißt sich um uns. Und wir, wir reißen uns untereinander herunter. Darin sind wir Juden groß. Wir leben von Eifersüchteleien. Ob ein Paar jüdische Religiouslehrerstellen systemisirt werden, ist freilich für den Bestand des Judenthums sehr gleichgiltig, darin stimmen lvir mit den Weltgrößen beider Hemisphären vollkommen überein. Was aber für das Judenthum als nicht gleichgiltig bezeichnet werden kann, ist, ob wir die gegenseitige Befehdung und Herabsetzung, die Verkleinerungssucht und die