Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 257 (sequence 7)
- Language
- German
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257 ihm entgegen und versprach sich trotz seiner Blindheit ein besseres Loos unter seiner Herrschaft. Die Mutter empfing ihren heißgeliebten Sohn mit inniger Freude, und obgleich seine Augen sie nicht sehen konnten, fühlte er ihre Nähe und den Schlag ihres Herzens, das in unendlicher Liebe über ihn wachte. Die Nacht stieg herauf. Alle hatten sich nach den Freuden des Tages zur Ruhe begeben, nur die Königin blieb wach! Sie betete und weinte. Wohl hatte sie ihren Sohn wieder, doch er war blind und war ihr fremd geworden. Bitterniß und Zweifel erfüllten Herz und Sinn. Er wollte den Thron nicht besteigen. Wie sollte ein blinder König herrschen? Endlich schloß der Schlaf ihr die müden Augen — sie träumte! Eine hohe Männergestalt mit weißem Haar nnb Bart, in einen langen Mantel gehüllt, näherte sich ihr; ein edles Antlitz beugte sich zu ihr hernieder und sagte: „Deine heißen Gebete sind emporgestiegen zu Gott — das Maaß der Thränen ist voll! Die Prüfungen hast Du in Demuth und Geduld ertragen — jetzt soll Dir Deill Lohn werden!" Da lächelte die edle Dulderin und sagte: „Lohn, edler Greis! All meine Gebete und Thränen gipfeln in dem einen Wunsch: mache mein Kind wieder sehend!" „Es sei, doch eine Bedingung knüpfe ich daran: Du mußt sterben!" „Ich bin bereit, wenn mein Sohn das Augenlicht erhält!" „Dem Lebensfaden sollte noch 20 Jahre dauern!" „Ich gebe sie freudig t)iu um diesen Preis!" „Doch diese 20 Jahre mußt Du in Nacht und Finsterniß verleben, denn dadurch wird Dein Sohn nicht nur sehend, sondern auch in seinem Innern wird ein strahlendes Licht ausgehen, das des Glaubens und der Liebe!" „Alles, alles für mein Kind!" hauchte die Mutter. Es wurde Licht im Gemache. Eine Hand legte sich segnend auf ihre Stirn, und aus der Ferne erklangen wundersüße Töne - Aeolsharfen eutlodt, — und weiße Tauben umflatterten sie. Dann flogen sie auf zum sternbesüeten Himmelszelt — ein mächtiger Adler schoß aus den Höhen hernieder--finster wurde es um sie und ein gewaltiger Donner erdröhnte! Ein Frösteln überkam sie und mit einem Schrei erwachte die Schlafende. Sie stand auf und ließ sich ankleiden, verrichtete ihre Morgenandacht und rief den König. Er küßte ehrfurchtsvoll ihre Hände, und sie erzählte ihm ihren Traum. „Ich bin bereit, zu gehen — ich fühle, es wird gar bald sein." Der König rief entsetzt: „Mutter, Mutter — Du willst fort - jetzt?" Voll Angst und Sorge uahin er sie liebend in seine Arme und heiße Thränen entströmten den lichtlosen Augen und netzten das Antlitz der Mutter. Da ließ ein Schauer ihn erbeben, ein heißes Brennen stieg in seine Augen. Plötzlich rief er: „Mutter, bist Du es, ich kenne Dich nicht! So sähest Du ja nie aus!" „Du siehst mich, mein Sohn?!" „Ja," rief er, „ich sehe Dich, sehe Deine weiße Gestalt, Dein Gesicht luertu auch ganz anders als in früheren Jahren." „Jetzt, jetzt, mein Sohn, erkenne Gottes Allmacht und Güte!" „Jetzt aus diesem Gemache geh' heraus und versannnle das Volk an meicker Bahre — sei ein König, ein Vater Deines Volker- — und lehre es glauben und vertrauen!" Sie schaute ihn an mit einem Blick unendlicher Liebe: „Küsse mich, mein Sohn," hauchte sie. „mein Ende naht!" Und während seine heißen, brennenden Lippen sich auf dre erkaltenden der Mutter legten, hauchte sie mit ihrem letzten Athemzuge: „Es giebt einen Gott!" So erzählte einst die Mutter den lauschenden Kindern. Sie schauten sie an mit ihren Hellen Augen, in denen sich die Sonnenstrahlen spiegelten. Frühling war's draußen — die ganze Welt war in Blüthenduft und Sonnenschein getaucht. Ueberall ein Knospen und Keimen — ein Werden und Sichentfalten, ein Blühen und Jauchzell, voll Lebensfreudigkeit und Hofsmlng! Seit jener frommen Audachtsstunde in frischer Frühlingspracht sind Jahre vergangen. Die Kinder lauschen nicht mehr den Märchen der Mutter, ihre Augen blicken nicht mehr so freudig und klar. Sie sind getrübt während der mühseligen Wanderung durch die heiße Sommersonnengluth des Lebens. Tastend, gleich Blinden, führt sie das Schicksal rauhe, dunkle Pfade. Ahnungslos stehen sie plötzlich am Abgrund - blind gehen sie an ihrem Glück vorüber — blind werfen sie sich dem Unglück in die Arme. Sie wissen nicht, was der nächste Augenblick ihnen. bringt. Dunkel liegt der zurückgelegte Weg hinter ihnen, dunkel in nebelhafter Ferne lvinkt ihnen die Zukunft. Wie arnr sind die Menschenkinder, wie freudlos! Doch in das Dunkel ihres Erdenwallens hat ein gütig Geschick ihnen ein Licht auf den Lebensweg initgegeben — Augen, die für sie sehen, die die ihren mit Licht und Glanz erfüllen. In ihrer sonnigen, ungetrübten Kindheit blicken sie in Sterile, die in unendlicher, opferfreudiger Liebe sie umfassen. Sie sehen in die Mlltteraugen; sie fühlen die weiche, liebkosende Berührung sanfter Mutterhande. Sie hören eine theure Stimme, die wundersain ihr Ohr berührt, die sich unvergessen in ihr Herz, in ihre Seele einprägt. Diese treuen Mlltteraugen — sie lehren die blinden Menschenkinder sehen — sie lehren sie glauben ulld vertrauen — sie erziehen sie mit sorgender Liebe — sie beten für sie lllit ihrem Herzblut —sie jubeln ulld lachen mit ihnen -- sie weinen und klagen — sie tuöften und richten am! Der Blick des Mutterallges, das Wort aus ihrem Munde — es sind die Leitsterne, die die blinderl Menschenkillder führen. Sie hören sie zll allen Zeiten, an allen Orten, mahllend, tröstend, ermuthigend und belebend! Nicht allen Menschenkindern ist das Glück beschieden, von treu sorgender Mntterhand geleitet zu werden Doch ihrNermächtlliß gehört allen. Es ist die Religioll, der Glaube an eine gütige Vorsehung, das kindliche Vertrauen, das illls durch sie in's Herz gepflanzt. Was lins der theure Mund in frühester Kindheit offenbart, das leuchtet als strahlendes Licht in ullserem Herzeil auf, das macht uns sehend, wenn Nacht und Dunkel uns umgeben, wenn Unglück und Mißgeschick ullsere Kraft zu brechen droht. Der Glaube an Gottes nie endende Liebe, das Vertrauen auf seilre Hilfe, das Festhalten an seinen Geboten, die Bethätignng im Leben dessen, was er geheißen, das tiefe religiöse Gefühl, was wir ererben vor: unserer Mutter — das ist das Licht, das uns die dunklen Pfade des Lebens erleuchtet — selbst wenn die sorgenden Mutteraugen sich schließen für immer, so schwebt doch ihr Geist und ihr Wort um uns! Wir sind nicht verwaist — nicht einsam — nicht trostlos und verlassen! Wir finden in uns den rechten Halt und die Kraft, rveiter zu schreiten im Leben, würdig zu dulden, unbegrenzt zu hoffen und dankbar zu empfangen, was aus der Hand des Schicksals uns kommt!