Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 256 (sequence 6)
- Language
- German
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256 richtshof nicht energisch genug derartige Polemiken verurtheilen! kann, deren Gefahren die Ereignisse, die im Borjahre Algerien mit Blut getränkt haben, nur allzu deutlich enthüllen." I. Coruely nennt es im „Figaro" eine „wichtige Neuerung, daß die erste Kammer des Pariser Livilgerichtes nicht nur den „Antijuif", welcher zweiundfünfzig israelitische Handelsleute und Gewerbetreibende mit Namen »mb Adressen an den Pranger gestellt hatte, sondern auch den Drucker Paul Dupont mit ihm solidarisch zu einem Schadenersätze von je fünfhundert Franken und in drei Fällen sogar von tausend Franken verurtheilt hat. Das werde, meint er, die Drucker lehren, ihre Pressen nicht für gewisse Niederträchtigkeiten herzugeben und selbst ein Säuberungswerk an den Phantasien ihrer Auftraggeber vorzunehmen. Ueber die augenblickliche Lage in Rumänien schreibt uns ein mit den dortigen Verhältnissen innig vertrauter nichtjüdischer Mitarbeiter Folgendes: „Dw Antisemitengesellschaft, welche das gntmüthige rumänische Volk aufhetzt, verfügt über eine weitverzweigte Presse, die sich die Aufreizung des Volkes gegen diese Unglücklichen, vorn Gesetze Verfolgten, von fast allen Zeitungen mit etwa zwei oder drei problematischen Ausnahmen ohnehin Angefeindeteu, zue Hauptaufgabe macht. Wenn inan auf den Bcryichöseu oft ein Hohugelächter wahrrümmt, das die armseligen Emigranten begleitet, wenn man sich erzählt, daß bei Verllnglüekung jüdischer Personen Freudensausrufe seitens der Nnmäuen zn hören sind, so liegt das keineswegs im Volkscharakter des eigentlichen Rumänen, sondern ist ein Produkt der radikal-antisemitischen Propaganda. Diese Judenfeinde von Berus agitiren auch für neue Fremdengesetze recte Judeugesetze. für bestimmte Einrichtungen, die geeignet sind, die Juden vollends wirthschaftlich zu vernichten. So wird z. B. ein Zunstgesetz geplant, nach welchem wohl nur Derjenige sein Handwerk wird ausüben dürfen, der einer bestimmten Zunft angehört. Zu diesen Zünften werden doch die Inden als Fremde sicherlich nicht zugelassen werden, und so könnten zahlreiche Israeliten unglücklich werden, da unter den rumänischen Juden sehr viele Handwerker, Schneider, Schuster, Maurer rc. re. sind. Es ist auch von einein Monopol des Alkohol die Rede, lvodurch wieder viele jüdische Schankrvirthe, die natürlich der Staat nicht beschäftigen wird, zu Grunde gehen müßten. Die in ihrer Existenz Bedrohten, in ihren» Rechtsgefühl Verletzten, von Roth und Elend heimgesuchten Juden greifen zürn Wanderstab, oft auch ohne die Mittel zur weiten Reise zu besitzen. Die verschiedenartigsten Kolonisationspläne tauchen auf. Amerika, Palästina, Armenien, Australien, Cypern. China, der Transvaal werden als Ansiedelungsgebiete in Vorschlag gebracht. Besonders ist es Kleinasien, das von Vieler» als das Land der Erlösung betrachtet wird. Viele gingen auch nach Paris, London, Manchester u. s. w. Aus Botaschani, Fokschaui, Jassy. Giorgiervo, Tnlrza rvanderten sehr Viele aus. In Bukarest, Craiolva. Buzeu, Ploiefti, Galatz. Braile. Verlad, Vaslui. Doroboi, Folticeni. Piatra u.s.w. sind große Gruppen zur Auswarrderung bereit. Viele Tausende haberr in den letzten Monaten bereits das Land verlassen und noch viel mehr würden ansrvandern, wem» sie über irgend lvelche Mittel verfügen sollten. Diese rumänischer» Juden, rvelche ihr Vaterland innig liebte»», welche sogar i 11 Amerika die, rumänische Sprache pflegen, ihre Vereine mit den Rainen rumänischer Dichter, sogar judenseindlicher, belegen. sehen in ihrer Verziveiflung kein anderes Rettungsmittel als die Emigration." All dies aber geschieht unter den Augen der Westmächte, die den Berliner Vertrag abgeschlossen »»nd denen Rumänien die Gleichberechtigung der Jude»» vor zwanzig Jahren garantiren mußte! Festgruß. Von I d a Oppenheim. s war einmal ein König und eine Königin, denen wurde nach langen Jahren ein Sohn geschenkt. Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern und des ganzen Volkes, das seine edlen Herrscher liebte und besonders die fromme, gute Königin verehrte. Alles wurde aufgeboten, um den Thronfolger so zu erziehen, daß er einst zum Heile das Volk führen sollte. Seine Mutter besonders strebte danach, sein Herz zu bilden irnd pflanzte ihm den Glauben an ein höheres Wesen, das alles Edle, Gute und Hohe in sich vereine, in seine junge Seele. Sie lebte vollständig dein Kinde, während der König seine ernsten Pflichten erfüllte. Der Knabe wuchs heran und keine Mühe wurde gescheut, um ihn für seinen schweren Beruf würdig vorzubereiten. Die weisesten Lehrer kamen von fernher, un» ihn zu bilden. Er wurde in die geheimsten Wissenschafteri eingeweiht; nichts sollte ihm dunkel und verschlossen bleiben. So erreichte der Prinz sein dreizehntes Jahr und wurde Nim zun» Nachfolger seines Vaters ausgerufen, wie es von Alters her Sitte war. I»» all dem Glück und all dem Jubel der das ganze Reich an diesem Tage erfüllte, lag zitternd und bebend die Königin auf den Knieen. Ihr Herz jauchzte und betete für ihren Liebling. „Hilf Du mir, Du unendliches, unsichtbares Wesen, das; ich nur ahne und nicht erkenne, das ich nur fühle und nicht begreife, das allein die Liebe ist und alles in sich vereinigt was edel, groß und gut ist, auf dessen Wort „erstehe" sich aus dem starre»» Winterfrost alles zu neuern Blühen und Leben ans Licht drängt und das nach dem nrächtigen Worte „vergehe!" Tod und Stille über das ganze Weltreich breitet!" Der König mußte in den Krieg und karn nach lairger Zeit »vohl siegreich heim, aber die Anstrengungen des Feldzuges hatten seine Kraft gebrochen. Er starb nach kurzer Krankheit. Noch waren die Klagen r»nd die Trauer nicht verhallt, da erkrankte der junge Königsohn. Die Königin- Wittroe, die trostlose Mutter, stand an seinen» Lager, aufgelöst int Schmerz und betete für de»» heißgeliebten Sohn. Er genas, aber ein Schleier trübte die schönen Augen — er »var erblindet! Wer kann ganz die furchtbare Bedeutung dieses Wortes ermesseu! Dunkel — ewiges Dunkel im Son»»enschei»», in» Licht „Wäre es nicht besser, wen»» er gestorben rväre!" so schrie es in de»»» gramgemarterten Herzen der Mutter. Voll bitterer Berzlveiflung rief ihr der Sohn entgegen: „Bete zu Deinem Gott, daß er »»»ich sehend »»lacht!" Die so Hartgeprüfte rief ih»n immer wieder zu: „Ertrage die Prüfung, »»rein Sohn, und hoffe auf Ihn wie ich! Er, der der Sonne gebietet zu leuchten. Er, der den Wassern des Meeres, dem Monde, den Sternen ihre einigen Bahnen vorzeichnet. Er weiß allein, waru»n Du leidest — und Er allein kann Dich erlösen!" Die Jahre vergingen. Der junge König »nachte große Reisen unb lernte die Welt und die Menschen kenne»», rvährend die Königin daheim für ihn regierte. Doch das Volk »varunzufrieden unter der Herrschaft der Frau. Sie verlangten einen männlichen Gebieter, und so kehrte der König zurück. Groß, stark und schön kam der Jüngling heim. Man jubelte