Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 255 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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255 theilung eines gleichfalls nicht philosemitischen Blattes, daß die Behörden durch etwa 400 anonyme Denunziationen, durch massenhafte Vernehmungen und viele (etwa 80) Haussuchungen eine kaum zu bewältigende Schreibarbeit gehabt haben: „Außerdem mußten allerhand Vorkehrungen zur Unterdrückung von Struhenunruhen getroffen werden. Das Publikum erschwerte die Ermittelungen nach Kräften. Das beweist die Schwierigkeit der Ermittelung der Postkarte, die durch Schriftvergleichung erst nach vierzehntägiger Arbeit gelang; ferner die Ermittelung der Eigeuthümerin des Taschentuches. Wenn der Bürgermeister nicht einen glücklichen Griff gemacht hätte, dann säße heute wegen des Taschentuches eine ganz Unschuldige leine Jüdin), deren Vorname auch mit A anfängt, in Untersuchungshaft. Es sind Dutzende von Anzeigen gegen dieses Mädchen eingegangen, in welchen ihre Verhaftung gefordert wurde. Es ist soweit gekommen, daß von Behörden auf bloße Gerüchte hin Verhaftungen vieler Personen gefordert werden, natürlich anonym. Wenn nun diesen Wünschen llicht innerhalb einer bestinlmten Frist entsprochen worden ist, dann wurde telegraphisch beim Justizminister Beschwerde und in der Presse Vorwürfe gegen alle betheiligten Beamten erhoben, daß hier den Leuten, die das lesen, schaudert. Unsere bessere Bürgerschaft hat sich jetzt. Gott sei Dank, auf sich selbst wieder besonnen und bringt dem Treiben der zahlreichen Berichterstatter und Privatdetektives, die die hohe Belohnung anlockt, unverhohlenen Widerwillen entgegen." Die „Danziger Zeitung" schreibt noch hierzu: „Die zum Theil sehr auffälligen Widersprüche in den bisher in der Mordaffäre abgegebenen eidlichen Zeugenaussagen werden für einzelne Zeugen, wie aus bester Quelle verlautet, sehr ernste Folgen haben." Inzwischen hat am Sonntag die Beerdigung der Körpertheile des ermordeten Winter ohne die erhofften und befürchteten antisemitischen Demonstrationen — bis auf das Einwerfen einer Fensterscheibe — stattgefundeu. * Die staatsrechtliche Kommission des württembergischen Abgeordnetenhauses hat eine Eingabe jüdischer Bürger aus Ulm, um Revision der Bestimmungen über die kirchlichen i Rechtsverhältnisse der württembergischen Israeliten berathen > und beschlossen, dem Landtage die Uebergabe der Bittschrift | an die Regierung zur Erwägung zu empfehlen. Die An-! gelegenheit dürfte nächstens in der Kammer zur Verhandlung gelangen. Bei dieser Gelegenheit dürften die mannigfachen Wünsche und die Beschwerden, die schon seit Jahren gegen die geltenden Bestimmungen erhoben werden, zur Sprache kommen. * Die Zustände in O e st er reich werden immer trüber. Auch der Sieg der Antisemiten bei den Wiener Gemeindewahlen, den diese der von dem Ministerium Koerber sanktionirten Wahlreform verdanken, lvird eine schlimme Rückwirkung ausüben. Es sind dies ja dieselben Antisemiten, welche in einer der letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses eine Interpellation an den Justizminifter gerichtet haben, die an Schamlosigkeit so ziemlich alles überbietet, was Antisemiten je gewagt haben. Sie beschuldigten nämlich den Justizminister, den Cassationshof, die Prager medizinische Fakultät, den Untersuchungsrichter, kurz Alle, die in der Polnaer Affäre irgend lvelche amtliche Funktionen zu erfüllen hatten, der Parteilichkeit, der Ungesetzlichkeit, der Willkür, ja der Fälschung! Der Justizmiuister wird gefragt, ob es wahr sei, daß er die Unabhängigkeit der Rechtspflege verletzt, daß er und nicht der Cassationshof die Ueberprüfung des Sachverständigen-Gutachtens durch die Prager medizinische Fakultät veranlaßt habe. Die Prager medizinische Fakultät wird verdächtigt, daß sie sich in ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung durch Professor Masarhk habe beeinflussen lassen, dessen angeblich „bester Freund" der betreffenden Kommission präsidirt habe. Endlich wird noch gefragt, ob es wahr sei, daß die Kleider der Agnes Hruza, die bei der ersten Verhandlung nur wenige Blutflecken aufgewiesen hätten, der Fakultät in verändertem Zustande, völlig durchtrünkt mit Blut, vorgelegt worden seien? Es ist das eine Beschuldigung, die sich gegen den gesammten Richterstand Oesterreichs, vorn Präsidenten des Obersten Gerichtshofes bis zum letzten Referendar in Kuttenberg richtet, denn es lvird behauptet, daß die Richter selbst im j Stande seien, die wichtigsten Beweismittel in einem Straf-! Prozesse zu fälschen. Aber in Oesterreich dürfen sich Antisemiten eben alles erlaubell. £ I Auch die Affaire Araten harrt noch immer der Lösung. In! einem sehr scharfen Artikel geht selbst der „Pester Lloyd" deshalb i gegen die österreichische Regierung vor. Es heißt in diesen: Artikel:! „Unsere Leser wissen, daß wir keine prinzipiellen Gegner des! Ministeriums Koerber sind, daß wir vielmehr die vielen Vorzüge j desselben, namentlich seines hochbegabten Chefs, bei jeder sich dar-; bietenden Gelegenheit gern und aufrichtig anerkennen, aber iui Falle Araten stellt uns dieses Ministerium geradezu vor ein Räthsel, welches : wir llicht zu lösen vermögen. Daß eine Negierung, tvetdjer hundert und hundert Mittel aller Art zur Verfügung stehen, nicht im Stallde sein sollte, in einem Falle wie dem vorliegenden, sich selbst binnen , acht Tagen volle Kenntlich über den Stand der Dinge, nauientlich j über den Aufenthalt des armen Mädchens zu verschaffen, das lvird j man heute keinem Menschen mit fünf gesunden Sinneil einrebeu können. Wenn das Ministerium Koerber will, lvird es in kürzester Zeit wissen, — ja, es weiß dies vielleicht heute scholl —, wo sich die kleine Araten befindet. Das ist illlsere feste Ueberzengung, und das österreichische Ministerium selbst wird sich wohl hüten, das Gegeiltheil 31t behaupten, weit es sich dalnit eilt Zeuguiß der Imbezillität ausstellen würde, durch welches es vor aller Welt unsterblich lächerlich gemacht wäre. Wenn aber diese Regierung, oder, sagen wir es direkt heraus: Ministerpräsident Dr. Koerber weiß, wo sich das Mädchen befilldet, dann giebt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder er billigt, wenigstens im Stillen, die Tendenzen, welche auf die gewältthätige Convertirung llichtchristlicher Kinder gerichtet sind, und dann verdient er, so ausgezeichnete Eigenschastell er auch sonst besitzen möge, nicht eine Stunde länger an der Spitze eines Staatswesells zu bleiben, welches sieb, trotz der vielen Infamien, lvelche dort, mindestens unter stillschweigender Duldimg der Regierung, in jüngster Zeit vorgesallen sind, lvenigstells nominell noch immer zu den gebildeten zählt. Over er billigt diese Tendenzen nicht, daun kailn es ihm nur an Courage fehlen, mit eiserner Faust in die schmutzige Affäre hineinzngreifen. und dann gelangen wir doch wieder zu derselbell Conclusion, nämlich daß ein Mann, lvelcher nicht den Muth hat, denl ullgesetztichen Treiben von ein paar gewissenlosen Kaplänen und fanatischeil Betschwestern entgegenzutreten, nicht Ministerpräsident sein faun. So steht die Alternative. Ein Drittes giebt es nicht, oder Vach ja: wenn Herr Dr. Koerber die Tendenzen, lvelche in dein Falle Araten zum Durchbruche gelangten, nicht billigt und lvenn er den Muth besitzt, denselben entgegenzutreten, so lnöge er dies, wenngleich ziemlich verspätet, aber doch wenigstens nachträglich beweisen. Das ist es, lvas wir von ihm erwarten." * Der Prozeß, der in der vorigen Woche vor einem Pariser- Gerichte gegen Verleger und Herausgeber des „Antijuif" von 52 jüdischen Kaustellten geführt und gewonnen wurde, ist von allgemeillenl Interesse. Der Tenor des Urtheils lalltet nämlich folgendermaßen: „In Erwägung, daß die Auszüge gellügen, um den Charakter der von der: Verklagten geführten Kampagne zu zeigen, die all die verabschenungswürdigsten Gewaltthaten appelliren und der Feindseligkeit und der Leidenschaft der Volksmassell alle die zu bezeichnen suchen, deren Namell und Adressen sie in ihre Proskriptionslisten eintragen; daß der Ge-