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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-25 · Heft 21 (25.5.1900) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
Seite 252 (sequence 14)
Language
German
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252 dieses Gesicht hatten die Jahre schon gar zahlreiche, tiefe Furchen eingegraben, die feinen bevbeit Zügen ein strenges Gepräge verliehen. Unter der den Kopf bedeckenden schwarzen Hanbe schallte silberweißes Haar hervor. Wie lange dieses seltsame Wesen nun schon täglich hinter jenem Erkerfenster sitzt? Nnr wenige sind im Stande, darüber etwas zu verkünden, und was sie über das Wesen selbst zu erzählen wissen, ist so herzzerreißend, daß man mit Granen ihren Wortell lauscht. — Seit Menschengedenken haust Esther Bornheim in jenem alten Hallse, und doch kennen sie nur Wenige unter diesem Namen, itub diese Wenigen sind es auch allein, die darüber wohl eingeweiht sind, warum sie nur „die Tscherkessenbraut" genannt lvird. Sind ihnen doch alle jene schrecklichen Thatsachen ans einer fernen Bergangenheit bekannt, die die Mitlvelt verantaßte, sie also zu liennell. — Die Bewohner Berenbergs blickten mit einer gewissen Scheu . zu der Alten hinter dem Erkerfenster empor, und sie hielten es scholl für selbstverständlich, ihrenl Allgesichte beim Vorübergehen zrr begegnen. Aber nicht Esthers Gesicht allein erblicktell sie da. Neben demselben stand auf denl Fellsterbrette inlmerfort ein gelbes Hülldchen, dessen Blick ebenso starr auf den Wilhelmsplatz gerichtet war. lvie der seiner Herrin. Ehemals hatte dieser thierische Gesellschafter Esthers gelebt. Eines Tages aber war zllm größten Erstalluen der Vorübergehenden das Thier vom Fenster verschlvllllden, 1111b man liest den sollst flüchtigell Blick lällger ans bem Erkerfeilster haften, beim es fehlte etwas in dem altgewohnten Bilde. Nach wenigen Tagen aber bemerkte man an der bisherigen Stelle die ivohlbekannte Thiergestalt, und das Bild war wieder vervollständigt. Esther hatte den Balg des an Altersschwäche verendeten Hundes ausstopfen lassen. Seitdem stand der ausgestopfte, leblose Balg neben dem ebenso leblosen Antlitze Esthers am Erkerfenster des alten Hauses. — — Nur selten gestattete Esther irgend einem Menschen den Eintritt in die Nünme, in welchem sie ihr Wesen trieb. Ihre einzige menschliche Mitbewohnerin lvar die alte Kascha, die schon seit vordenklichen Zeiten in ihrer Umgebung zu fillden lvar.' Kascha lvar ihrer Herrin treu ergeben und vermittelte den Verkehr derselben mit der Mitlvelt. Sie schaltete und lvaltete in den Räumen des alten Hauses. Aber einen einzigen Raum gab es hier noch, den auch sie nie betreten durfte, und voll dem die Sage ging, dast er bisher unergründete Geheimnisse barg. Es war dies dasjenige Erkerzimmer, das über dem von Esther bewohnten sich befand und zu welchem diese keinem Sterblichen den Zutritt gestattete. Nur ein einziges Mal im Jahre Pflegte Esther Bornheim ganz allein dieses Erkerzimmer zu betreten, und zlvar an einem Tage, der in ihr süste, aber ach, auch gar traurige Erinnerungen weckte. Dieser Tag war aber auch der einzige im Jahre, an welchem sie ihr Hans auf wenige Stunden verließ und sich in ihrem Festkleide der Mitwelt zeigte, und es lvar im gewissen Sinne für die Bewohner des Wilhelmsplatzes ein Ereignist, lvenn die Kunde von Mund zu Mund ging: „Die Tscherkessenbraut verläßt ihr Haus!" Voll Spannung schauten dann alle auf den Eingang des alten Hauses, dessen Thür sich um die Mittagstnnde zu öffnen pflegte. Was sich da ihren Blicken darbot, war überraschend und erheiternd zugleich. Mit gemessenen Schritten belvegte sich eine sonderbar gekleidete Franengestalt aus dem Hause. Auf ihrem Kopfe prangte ein hoher Pompadour mit vielen Bändern und Blumen in den schreiendsten Farben. Ihr Oberkörper war in ein weites, buntes Wolltuch gehüllt. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Schirm von gelvaltiger Dimension, und während an ihrem linken Arme eine große, graue Tasche hing, erfaßte ihre linke Hand krampfhaft ein lveißes, sorgsam geglättetes Taschentuch von ungewöhnlicher Größe. In diesem Aufzuge erschien Esther Vornheim schon seit Menschengedenken; der Fortschritt der Mode schien ihr ganz unbekannt geblieben zu sein. Hinter ihr her trippelte die alte Kascha, in ein echt polnisches Nationalkostüm gekleidet, auf ihren Armen das gelbe Hündchen tragend, das auch dann nicht fehlen durfte, als das lebende Thier durch einen ansgestopften Balg ersetzt werden mußte. Und lvenn die beiden hintereinander schreitenden Franengestalten durch die Straßen Berenbergs sich bewegten, lenkten sie die Aufmerksamkeit Aller auf sich. Doch vermochte nichts das Interesse der Dahimvandelnden zu erregen, nichts ihr Augenmerk ans sich zu ziehen. Sie blickten weder nach rechts noch nach links, und scheu wichen ihnen Alle ans, die ihnen begegneten. Das Ziel der Wanderung Esthers aber lvar der jüdische Friedhof, der unmittelbar vor der Stadt liegt. Hat der Ort, wo die Dahingeschiedenen zur ewigen Ruhe gebettet werden, schon an sich etwas Schauriges, so ist der jüdische Friedhof Berenbergs ganz besonders dazu angethan, in Demjenigen, der ihn betritt, ein beängstigendes Gefühl zu wecken. Hier sucht man vergebens die ordnende und pflegende Hand. Die Gräber mit ihren größtentheils verloitterten Leichensteinen bilden eilt wirres Durcheinander und liegen zum Theil auf einer nnplanirten Anhöhe, zum Theil an einem Abhange unter lvirrem Gestrüpp versteckt. Wenn Esther am Eingänge dieses Gottesackers angelangt war, pflegte sie der alten Kascha den Schirm und die Tasche zu überreichen. Daun betrat sie den „guten Ort". Trotz dem wirren Durcheinander aber lvnßte sie sich zurecht zu finden, denn mit sicheren Schritten ging sie auf zwei nebeneinander befindliche Grabeshügel zu, auf welchen je ein schlichter Denkstein sich erhob. Hier weilte nun Esther, Derjenigen gedenkend, die hier unten tief nun schon viele Jahrzehnte ruhen und deren Angedenken immer gleich schmerzliche Erinnerungen in ihr wachriefen, als ob sie erst gestern geschieden wären. Hier ruhten sie, die ihrem Herzen dereinst so theuer gewesen, als noch Jugendschönheit sie schmückte: ihr treuer, guter Vater und auch Derjenige, dem ihr lieberglühtes Herz entgegen geschlagen. Ach, in einer einzigen Schreckensstunde hat sie Beide das harte Geschick von ihrem liebenden Herzen gerissen und ihren eben noch so lichten Lebenshimmel jäh verfinstert für alle Zeiten! — Welch schmerzlich-süße Gefühle erweckten ihr die Erinnernngen an das so kurze Liebesglück, von denen sie sich kaum loszureißen vermochte! Ulld wenn sie im Geiste all die Glückesstnnden von ehedem noch einmal durchlebt, aber auch all jene Schreckensbilder längst vergangener Tage wieder vor ihrer Seele hatte vorbeiziehen lassen, — dann schied sie von der geweihten Stätte, einen letzten innigen Scheidegruß den verklärten Geliebten bietend. Aber keine Zähre rann dabei über ihre welken Wangen. Wie ihr Gesicht, so schien auch ihr Herz erstarrt und der Thränenquell versiegt zu sein. — (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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