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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-25 · Heft 21 (25.5.1900) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
Seite 251 (sequence 13)
Language
German
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- 251 wurde, um \o in geistlichem Amt und Würden noch besser für sein frommes Liedeswerk thatig sein zu können, dieser durch und durch fromme und gläubige Christ und dabei auch sehr gelehrte Theologe war ein großer Freund der Juden und nahm trotz seiner Strenggläubigkeit eine durchaus freundliche Gesinnung den Juden gegenüber ein. Als er von einer seiner Missiousreisen im Jahre 1789 j aus Westindien nach Deutschland heimkehren wollte, und sich am 28. Februar in Sankt Eustachius nach Amsterdam einschifste, begleitet von einem jungen Neger, beu er losgekaust hatte und einem Dänen, der ihm wegen seines frommen Berufes werth lvar, meldete sich hu letzten Augenblick als dritter Gefährte ein portugiesischer Jude, Namens Nuruez Dacosta, der, lvie ein Biograph Zinzendorfs, Barnhagen von Ense, schreibt, bei vielen guten Eigenschaften des Geistes und Gemüths in seinen äußeren Umständen so bedrängt war, daß er die Heimkehr aus SGßeftiiibieii nach Holland nicht bestreiten konnte, und bat den Grafeil unter Thräuen, ihn und seine Frau nach Europa mitzunehmen. Dem Grafen gefiel Daeosta durch seine geistige Bildung und zog ihn noch besonders durch seinen Eifer an, mit dem er auf seinen jüdischen Glauben hielt. Zinzendorf bewilligte ihm nicht llur jene Bitte, sondern überließ sogar fein eigenes neben der allgemeinen Kajüte befilldliches Kabinet mit allen Bequemlichkeiten dem Ehepaare, indem er sich selbst in einem Verschlage behalf, welchen der Kapitän ihm dann als Nothbehelf macheil ließ. Sie hatten während der gemeinsamen Fahrt viele Gespräche mit einander lind erörterten oft bis tief in die Nacht hinein ihre abweichenden Religionsmeinnngen, ohne Widrigkeit, ohne falschen Eifer und ohne Versuch von Zinzendorfs Seite, den Juden zu seinem Glauben zu bekehren. Dacosta weinte oft gerührt über des Grafen liebevolle Frömuligkeit. Als Zinzendorf dann auf der Seefahrt durch seine angestrengten Arbeiten— er schrieb unablässig Briefe, Lieder und Reden nieder — krank lvurde, pflegte Dacosta ihll nt liebevoller Weise. So schieden die Beiden nach siebenwöchiger gemeinsamer Fahrt als liebe Freunde. Bezeichllend für Zinzelldorfs Stellung dem Judenthum gegellüber ist aber doch, daß er ill demselben Jahre am Tage des jüdischell Versöhnungsfestes ein Lied dichtete, in welchem er seinen Heiland in folgender Weise apostrophiert: „Wann, g'ro.ßer Jitde, wann komnit deine Stunde? Wann sieht das Volk hinein in beiite Wunde!- Wenn diese auserwäblte Stuilde käme Und ihre Schuppen von den Augen nähme, So hätten wir die erstgeborenen Brüder In unsers liebelt Vaters Hause wieder." Fast alle Biographen Zinzendorfs erwähnen seine besondere Vorliebe für die Juden und erzählen, daß er gern mit Ihnen umging und sie dem Gebet und dem freundlichen Wohlwollen der Brüder empfahl, indem er stets daran erinnerte, daß auch Jesus ein Jude gewesen sei. Die Erinnerung an einen solchen wahrhaft frommen Mann verdient in einer Zeit, lvo die Intoleranz sich wieder breit macht, wieder aufgefrischt zu werden. Graf Ludwig von Zinzendorf starb am 0. Mai 1760. U ILLETON Vre Tscherlrelsenbraut. Eine Erzählung von I. Herzberg-Bromberg.!. f er lebhafteste Punkt Berenbergs, einer mittelgroßen Stadt des deutschen Ostens, ist der Wilhelmsplatz mit seinem Friedrichsdenkmal, das die dankbaren Bewohner ihrem großen Könige gewidmet haben. Hier münden die Hauptstraßen der verkehrsreichen Stadt, die vor lvenig mehr als fünfzig Jahren dieselbe Physiognomie zeigte, welche alle übrigen ehemals polnischen Städte und Städtchen unserem Auge heute noch darbieten, und die ihre schnelle Entwicklung dem Umstande zu danken hat, daß die leitenden Kreise alles aufbieten, um durch die Begründung und Förderung mannigfacher In stitutionen dem Deutschthum ein Uebergewicht über das Polenthum zu verschaffen. Die schönsten Häuser mit gar prächtig ausgestatteten Kaufläden umrahmen diesen großen, viereckigen Platz. Nom frühesten Morgen bis spät in die Nacht hinein herrscht hier ein reges Leben, und täglich bietet *sich dem Auge all Derjenigen, deren Weg über diesen Platz führt, ein stetig wechselndes Bild dar. Unter all den Häusern, welche die Blicke der Borüberschreitenden fesseln, ist jedoch ein einziges, das ganz besonders die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Wie ein altersschwacher, gebrochener Greis unter jugendschöneu, markigen Gestalten, — also steht es da in der Reihe der imposanten Prachtbauten. Wo so viele Häuser neben ihm niedersanken, um modernen Bauten Platz zu machen, ist es selbst unberührt geblieben von dem Wechsel der Zeiten, und die vielen Jahre seines Bestehens haben es nur vermocht, in den mooszerfressenen Ziegeln ihre Spuren zurück zu lassen. Es sah Generationen kommen und gehen, seine Mauern standen sicher auf ihren Grundfesten und lvankteu nicht. Seine Erker und Nischen, seine niedrigen, viereckigen Fensterrahmen mit den kleinen Scheiben, — sie bilden noch ein sprechendes Denkmal vergangener Zeiten, die Noth und Tod, Aufruhr und Kerker, aber auch höchstes Liebesglück und zugleich unsägliches Liebesleid mit sich geführt. Wohl hat dieses Haus dem Wechsel der Zeiten Trotz geboten, seine Bewohner aber, die all jenes Glück und all jenes Leid an sich erfahren, sind längst nicht mehr, und der letzte Sproß jener einst so hochgeschätzten Familie, die seit vielen Jahrzehnten seine Räume inne hatte und von hier ans der Mitwelt so viel Liebe und Milde hatte Zuströmen lassen, ist ebenfalls vor wenigen Wochen den Weg alles Fleischlichen gegangen. — Wie gar seltsam lvar dieses Wesen gewesen, das zuletzt dieses alterthümliche Haus bewohnt hat! Wer nur den Wilhelmsplatz überschritt, der lenkte umoillkürlich seinen Blick nach dem Erkerfenster dieses Hanfes. Denn hinter den kleinen Scheiben konnte man Tag für Tag, jahraus, jahrein, ein Frauenantlitz erblicken, das starr seine Augen auf dasauf dem Wilhelmsplatze sich abwicketnde Treiben gerichtet hielt. Doch nicht in rosiger Jugendschönheit prangte das Angesicht, das man erblicken konnte. Nein, ein Gesicht mit den untrüglichen Zeichen hohen Alters starrte dem Hinschanendeu entgegen. Auf

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