Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- Seite 250 (sequence 12)
- Language
- German
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aün Art — und Zwar Arbeiten, die nie zu Ende gehen — zu allen möglichen Betrachtungen über das Elend der Welt und uieines eigenen dort, nur nicht aber zu Knnstconceptionen, Veranlassnng finde." Julius Sterll sammelte feurige Kohlen auf fein Haupt, indem er, als Wagner 1871 nach Berlin gekommen und mit ihm in persönlichen Verkehr getreten war, alles aufbot, um den Meister zu ehren. So fand z. B. am Sonntag, den 30. April 1871, in der Singakademie eine festliche Begrüßung Wagners durch den Verein Berliner Musiker statt. Unter- Sterns Direktion wurde des Tolldichters Fest-Ouverture aufgeführt. Das Orchester spielte ganz wundervoll, ulld Wagner dallkte delll Dirigellteri mit herzlichstem Händedruck. Das Konzert, welches er bald darauf im Opernhause selbst dirigirte, wurde durch die Hinzuziehung des Sterllschell Gesangvereills wesentlich verstärkt. Als Wagner 1872 ben Grundstein zum neuen Theater in Bayreuth durch die Aufführung der 0. Symphonie von Beethoven legen rvollte, wandte er sich wieder an Stern, damit dieser die Elite seilles Vereins entwickle. Es heißt in dein interesfailten Schreiben Wagllers voul 7. Februar 1872 u. a.: „lieber die vorzüglichen Leistlingen des von Ihnen geleiteten Vereins belehrt, glaube ich mich inl Voraus des besten Erfolges gesichert, lvenn ich Ihren lveiteren freundschaftlichen Bemühungen es einzig allheim gebe, die für das Ullterllehmen rröthige Theilnahme der geehrten Sänger und Sängerinnen Berlins durch die Jhllen geeignet büufenbeu Kräfte mir znzuführen." In überschlvänglicher Weise dankte Wagner bem hochverdienten und geehrten Freund nnb Genossen. Natürlich durfte Steril auch int August des Jahres 1876 nicht fehlen, als der „Rillg der Nibelungen" zllln ersten Biäl in Bayreuth aufgefuhrt wurde. Er schreibt aus jener Zeit an fetite Frau nach Berlin die charakteristischen Worte: „Ans dem Wege zu Wagner treffe ich Frair Cosima, die sehr gnädig lvar; Herr Richard war im Theater. Er war liebenswürdiger wie je llnd schien sich aufrichtig mit mir zu freuen. Er stellte mich den Anlvesenden vor als einen seiner „ältesten ulld bewährtesten Freuilde" .... Liszt wohnt bei Wagner. Das Haus ist fürstlich a la Paris eingerichtet, voll der rasfillirtesten Eleganz! Und vor 10 Jahren wollte er sich ein warmes Kleidungsstück für die Petersburger Reise borgen. Ich spreche von Waglier, dem Besitzer all dieser Pracht." Zu ben leuchtendsten Fackeln in der Musikwelt des 10. Jahrhllllderts wieder übergehend, sei hier mul) Anton Rubinsteins erwähnt, über dessen Bedeutung und Beziehungen zum Jlldellthunl ich all dieser Stelle anläßlich seines Ablebens mich eingehend geäußert habe, so daß ich die Leser auf jenen Artikel Hinweisen möchte. Dieser nissische Jude, lvelcher spater allerdings, aber mir aus ganz äußeren Gründen, deui Judenthum abtrünrrig rvnrde, bat es bekanntlich zum wirklichen Staatsrath, zur Exzellenz tmb zuui erblichen Adel gebracht. Mehr lloch aber als diese äußeren Ehren wird lilis seine Name in den Annalen der Knust dlirch seine zahlreichen unvergünglicheu Schöpfungen erhalten bleiben. In Bezug auf Vielseitigkeit seines Genies hatte er viel Aehnlichkeit mit Felix Mendelssohn-Bartholdy. Als Virtuose zeichnete er sich nicht nur durch eine fabelhafte Technik, sondern auch durch seine geniale Ausfassling nlid Wiedergabe eigener und fremder Werke von Bach bis auf Liszt aus; und als Komponist hatte er auf fast allen Gebieten der Tonklinst Bedeutendes geschaffen; ich nenne nur seine großen Sonaten mit Violine, Violin-Cello, Viola, seine Trios, Quartette, Quintette, Symphonien, Opern, Chorwerke, Klavierkonzerte mit Orchester und Orchesterwerke, Violon-Cellokonzerte, Lieder u. s. w. — alles Beweise und Zeugnisse einer erstaunlichen Fruchtbarkeit und Leistungsfähigkeit. Es dürfte wenig bekannt sein, daß Giaeoma Meyerbeer es lvar, der 1844 den damals 14 jährigen Wunderknaben veranlagte, in Berlin unter die Schüler des ausgezeichneten Musikpädagogen Dehn zu treten. Es war ganz natürlich und ist zugleich ein Beweis dafür, daß die Juden — und selbst die größten und hervorragendsten unter ihnen — sich überall mit dem Volke, unter dem sie aufgewachsen sind und dessen Sprache sie sprechen, identifizirell, daß Rubinstein ein Russe blieb und sich überall als Russe fühlte, gerade wie Mendelssohn, Meyerbeer und Goldmark sich als Deutsche, und Halövy und Felicien David sich als Franzosen fühlten; und wie diese Meister, so spiegelte auch Rubinstein in seinen Tondichtungen einen Theil des Wesens und Geistes des Landes wieder, an das sich seine Kindheit und Jugenderinnerungen knüpften und das ihm dauernd zur Heimath geworden lvar. In seinen Werken lebt nicht nur der Nationalstolz und das Selbstgefühl, die den Russen eigen sind, sondern es bricht darin zuweilen etwas von jener ungebändigten Naturkraft hervor, wie es dem der Eivilisation Europas sich zum Theil hier und da noch entgegen stemmenden Sarmatenthum am Don und Dnieper eigen ist. Treffend sagt ein Biograph von ihm: „Mitunter überkommt uns bei der Anhörung Rubinsteinscher Tondichtungen jene erhabene oder phantastisch-lvehmuthsvolle Stimmung, lvie sie sich dem Wanderer mittheilt, der die einsamen, bis au den Horizont sich ausbreitenden, grasbewachsenen oder waldbestandenen Steppen im Eentrum von Rußland durchzieht. Mit solcheli Elementen aber paart sich in höchst eigenartiger Weise die künstlerische Beherrschung, die sich der Meister in der voll ihm durchgemachten deutschen Schule über die klassische Kunstform errungen, obwohl er auch dieser nicht in allen Stellen treu bleibt, sondern auch hier durch ein gelegentlich feuriges Temperament und dämonische Phantasie, gleich wilden Rossen, mit sich fortreißt." Graf Ludwig von Zinzendorf und die Juden. Von Engen I s o l a n i. er zweihnndertjährige Gedenktag der Geburt des Grafen Ludwig von Zinzendorf, des frommen Begründers der Herrenhuter Brüder-Gemeinden, der am 26. Mai 170<> in Dresden geboren wurde, bietet Anlaß, ans die Stellung dieses Mannes den Inden gegenüber hiuzuweisen. Graf Zinzendorf, der bekanntlich in wahrhaft frommem Glaubenseifer alle Vorrechte seiner Geburt aufgab, ans dem sächsischen Staatsdienst, lvo er leicht eine hohe Stelle hätte erreichen können, austrat, um sich ganz frommen Bethätigungen hingeben zu können, und sogar evangelischer Geistlicher