Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- Seite 249 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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149 schuf er auch zahlreiche Konzertouvertnren, Symphonien, Klavierkonzerte, Kaunnermusikwerke, Duos, Trios, Variationen, Salonklavierstücke — darunter „Lieder ohne Worte" (und gilt er als Schöpfer dieser Gattung), Orgelstücke, Lieder, Männergnartette und sogar eine unvollendete Oper „Loreley". Ueberdies war er auch nicht nnr als Komponist einer der größten, sondern er excellirte auch Jahre lang als ausübender Pianist, der mit bedeutenden technischen Mitteln einen geistreichere, seeleuvollen Vortrag verband. Ebenso bedeutend war er als Orgelspieler. Auf seinen Jahre langen Konzertreisen als Virtuose wurde er überall vom Publikum und beit Mächtigen dieser Erde in begeisterter und oft überschwänglichster Weise gefeiert. Es muß ihm zum Ruhme nachgesagt werden, daß er das Bestreben einiger Mitglieder feiner Familie, die ihre Religion „chaugirt" hatten, ihn als Vollblutchristen hiuzustellen, nie theitte, daß er int Gegentheil nicht allein mit Vorliebe biblische Texte 31t seinen Kompositionen wählte, sondern stets bemüht war, durch Akte der Humanität und der Wohlthätigkeit seine Glaubensgenossen, lvo er nur konnte, aufs wärmste zu unterstützen. Mit zahlreicher! Komponisten bezrv. Tonkünstlern jüdischen Glaubens stand Felix Mendelssohn-Bartholdy in sehr regem brieflichen und persönlichen Verkehr. All diesen Kollegen gegenüber zeigte er sich von der liebenswürdigsten und herzlichster! Seite, roie inan es von diesen! wahrhaft vornehrn denkenden, vorurtheilslosen Meister freilich gar nicht anders erwarten konnte. Ich nenne nur aus der Fülle der Persönlichkeiten diejenige Julius Sterns, des späteren bekannten Begründers des Berliner Stern'schen Konservatoriums. Als sich dieser einst von Paris aus an ihn rvandte und ihn tun die Uebersendung der Partitur der Chöre der „Antigone" für das Pariser Odeon-Theater bat, schrieb er an den damals noch wenig bekannten jungen Musiker aus Berlin einen vom 9. März 1844 datirten sehr eingehenden Brief, worin sich die ganze Noblesse der Denkungsart Mendelssohns in erfreulicher Weise offenbart. Es heißt darin u. a.: „Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank für die Theilnahme, die Sie meiner Musik schenken, und daß Sie ihrer selbst in der Fremde noch gedenken und mir Freunde verschaffen, lvo ich sie gar nicht verinnthet hätte. Die Theilnahme eines Musikers, der es so recht ernstlich mit der Musik meint, ist doch der beste Erfolg, der einen! im Leben werden kann. . . . Was Sie mir von dort, dem Musiktreiben und Ihren Arbeiten schreiben, hat mich sehr interessirt; ich möchte nur, daß es mehr gelvesen wäre; nun, hoffentlich höre ich bald wieder und Ausführlicheres von Ihnen über all diese Dinge; und für heut nur noch einmal meinen herzlichsten Dank für diese Freundlichkeit und Güte und die aufrichtigen Wünsche für Ihr Wohlergehen, sei es in der Fremde oder in! Vaterlande." Sogleich nach der Aufführung der „Antigone" in Paris schrieb Stern an Mendelssohn einen begeisterten Brief, in dein er ihn! die großen Erfolge der Komposition mittheilte. Mendelssohn antwortete wieder in einen! erschöpfenden und überaus herzlichen Schreiben, dem nur nur die nachstehende Stelle entnehmen wollen. „Und nun lassen Sie intet) noch ein paar Worte des Dankes für die sehr große Freude, die Sie mir durch Ihren Brief gemacht haben, hinzusetzen. Möchte mir's nur gelingen, durch die That ein solch schönes, ehrenvolles Zutrauen zu verdienen, wie Sie es mir schon auf Glauben schenken. Haben Sie Dank für die Mühe, die Sie sich mit meiner „Antigone" gegeben, Dank für die Belästigung, die Sie sich überhaupt schon damit gemacht haben, vor allein aber Dank für die guten Nachrichten, die Sie mir über Ihr eigenes Fortarbeiten und Schaffen in der großen babylonischen Stadt geben. Möge Ihnen alles im Leben und in der Kunst gelingen, lnögen Sie aus der Fremde glücklich und gesund wieder in Ihr Vaterland zurückkehren, mit vielen, schönen, neuen Werken, zur Freude aller Ihrigen, zum Fronunen unserer ganzen Kunst." Da wir hier einmal Julius Sterns erwähnt haben, so wollen nur es nicht unterlassen, über diesen Tonkünstler, obzlvar er nicht zu den ragenden Gipfeln der Musikgeschichte gehört, gleichfalls einige Worte zu sagen. Ich habe schon angeführt, daß er, und zwar in! Jahre 1850 mit Theodor Kutlak und A. B. Marx das Sternffche Kouservatorinm in Berlin gründete; aus demselben gingen eine Anzahl hervorragender Künstler hervor, welche der Tonkunst zur Zierde gereichten, und von denen wir nur die Nachstehenden jüdischen Glaubens hervorheben möchten: Professor Emil Breslanr, auf den ich noch zurückkvmmen lverde, William Wolf, Fabian Rehfeld, Fräulein Jenny Meyer, Frau Niclas-Kempner u. v. A. Er veröffentlichte sehr interessante Gesangskompositionen und Klavierbearbeitnngen Bach'scher und Häudel'scher Oratorien. Ans das inusikalische t:nd gesangliche Leben Berlins übte er Jahrzehnte lang einen mächtigen Einfluß auch als erster Chordirigent der Reformgemeiude aus. Ein rühriger und fortwährend strebender Tonkünstler, stand er durch seine Stellung mit den hervorragendsten, berühmtesten Meistern der Zeit in enger Verbindung, so z. B. außer mit Felix Mendelssohn-Bartholdy noch mit Franz Liszt, Giacomo Meyerbeer, Robert Schumann, Adolph Jensen, Friedrich Kid, Richard Wagner, Hektar Berlioz u. A. Bezeichnend für Richard Wagner war es, daß er es nicht verschmähte, die Gunst des Inden Julius Stern sich zu erringen, weil er sich von dessen Unterstützung seiner Mnsikdramen viele Vvrtheite versprach. Wo es für den Znkunftslnusiker galt, seine Ideale, Interessen und Zwecke zu verfolgen, druckte er nicht blos ein Auge, sondern sogar zwei Augen zu; da hatte Plötzlich „das Judenthum in der Musik" für ihn einen guten Klang. Schon iin Jahre 1859 stand Richard Wagner mit Julius Stern in schriftlichen! Verkehr. In einen! sehr interessanten Brief aus Paris, 30. Oktober 1859, schildert der darnalS in der Hauptstadt Frankreichs lebende Komponist des „Tannhänser", des „Lohengrin" und des „Fliegenden Holländer" seine ganze ziemlich verzweifelte Lage, zugleich auch seinen festen Entschluß kundgebend, sich dauernd in Paris niederzulassen. Es heißt darin u. a. : „Dank der Huld des Königs von Sachsen und des politischen Einheitskartells Deutschlands sehe ich lnich jetzt genöthigt alle Hoffnung, endlich in Deutschland mich uiederlasseu zu können, vollständig aufzugeben und eine definitive Ansiedlung in Paris zu bewerkstelligen. Ilm ungehindert und ruhig wohnen zu können, mußte ich inir ein kleines Häuschen miethen, was in Paris zu finden eine große Seltenheit ist, da solches ich daher unter der Bedingung übernehmen mußte, es innerlich ganz neu Herrichten zu lassen. Ich bin hierdurch in eine soche Unruhe und peinigende Lage versetzt, daß ich nun schon die vierte Woche mit den Vorarbeiten