Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- Seite 247 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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247 Wohlan, bleiben wir nicht auf halbem Wege stehen, nur noch einen Schritt weiter und der jüdische Geschichtsunterricht, den die besten Erfolge krönen werden, ist gesichert. Geben um' die Probeu nicht aus dem Lehrbuche, sondern aus beit Originalen! — fangen wir bei Mischna und Talmud an. Was wird das ein Anderes werden, wenn der Lehrer Mischnajot, Talmud und Midrasch seinen Schülern zeigt und ihnen aus dem Originale Theile vorliest! Die umfassendsten Erklärungen und Ercerpte können das nicht geben, ivas ein Lesen ans dem Originale bietet. — Der Lehrer spricht von Raschi, Jbu Esra, Massora, — Texte vornehmen, zeigen, lesen!! Sehen sollen die Schüler den „Mischne Tanro", die .Xitriiu", den „Schnlchan aruch". Ihren Augen vorgelegt sollen werden die Philosophen des Jndenthums, seine Dichter und Apologeten. Eingeführt sollen sie werden in die Responsenlitteratur. in die Sitten- und Moralbücher, kennen sollen sie den Sohar, wie auch einzelne Prediger des Mittelalters. Und erst die Neuzeit! Mendelssohn, Zunz, Geiger, Grätz, Güdemann, Bacher, Kaufmann, um die Besten zu nenneit, sollen die Gymnasiasten wirklich kennen, gesehen und schätzen gelernt haben. - Mit einem Worte: das Lehrmaterial, keinesfalls das Lern material, mus; erweitert werden. Allerdings legt dieser Unterricht dem Lehrer viel Mühe auf, er hat sich ordentlich, tüchtig vorznbereiten, er must einiges Wissen besitzen. Aber welche Erfolge darf er sich versprechen, darf er mit aller Bestimmtheit erwarten! Die Einimpfung der Liebe zur Religion, die immer wieder mit großer Emphase vorgenommen, den Schülern schließlich abstumpft, gelingt auf diesem Wege spielend, scherzend; unbewußt dringt der Respekt vor der Größe des jüdischen Geistes in die Herzen ltnd faßt dauernd Wurzel. Der Einwnrf, daß nicht Jeder eine derartige Bibliothek besitze, kann nicht, darf nicht gemacht werden. Ein Rabbiner, der nicht im Besitze der wichtigsten Bücher unserer Litteratur, ist ein Unding. Abgesehen davon, sind ja Obergymnasien zumeist nur in Städten, die eine größere Judengemeinde, also auch einen besser sitnirten und auch wissenschaftlich stndirten Rabbiner besitzen. Schließlich giebt es wohl keine Gemeinde, die nicht gerne zu diesem Zwecke, meint viel, lOOu Mark opfern wollte, und wenn Gemeindebibliothekeu, besonders in kleineren Gemeinden, Sinn und Werth haben, so ist es, wenn sie dem Iugendunterrichte dienen. Die Lehrbücher mit den sogenannten „Proben" vollzustopfen wäre dann überflüssig. Es ist nur eine unnütze Bertheuernng des Lehrbuches, ein Surrogat, das keiner braucht, das aber auch wenig zweckentsprechend ist. Gin GrirmernngstNatt. Von M. Z u cf e v nt a tt n in Hannover. flUl lHU* einigen Tagen an der Bahre der dahingeschiedenen hochbetagten Frau Professor Dr. Frentz- 0^ dorff stand und von berufener Seite die edlen Herzenseigenschaften und hervorragenden Geistesfähigkeiten dieser würdigen Frau gezeichnet wurden, da stiegen in meinem Geiste Bilder und Erinnerungen und Namen ans vergangenen Zeiten auf, die mit dem Leben dieser Verklärten und mit der Geschichte des Jndenthums innig verknüpft sind. An der Seite ihres Gatten, des großen Massoraforschers, hat die Lebensgefährtin ihre letzte Ruhestätte gefunden. Und iver sollte vor dem Grabeshügel eines Satomon Frensdorfs nicht an jene Zeiten und Namen in unserer Geschichte erinnert werden, die einen Markstein und Wendepunkt in dem geistigen, wissenschaftlichen und religiösen Schaffen und Streben im Judenthum in den ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts bilden! Da lebte und studirte ein kleiner Kreis junger, ernststrebender und schaffensfreudiger Männer in Bonn. Und unter diesen ragten schon in ihren jungen Jahren durch ihre glänzenden Geistesfähigkeiten vornehmlich hervor: Abr. Geiger, S. R. Hirsch und Salomon Frensdorff. Ein inniges Freundschaftsband — wie man es sich herzlicher nicht denken kann — umschlang zur damaligen Zeit diese drei strebsamen Jünglinge. Vor mir liegen noch ungedruckte Briefe Geigers an Frensdorff ans dem Anfänge der dreißiger Jahre. Geiger lebte damals schon als Rabbiner in Wiesbaden, während Frensdorff, Derenbnrg und andere Freunde noch in Bonn stndirten. Ein reger, inniger und ausführlicher Briefwechsel hält die Freunde noch zusammen. Alles bespricht Geiger in demselben mit seinem lieben Freunde Frensdorff. Was Geiger liest, wird seinem „liebsten" Freunde mitgetheilt, jedes wissenschaftliche Unternehmen wird auffs sorgfältigste mit den Bonner Freunden besprochen, und jede wissenschaftliche Arbeit schickt Geiger seinem lieben Frensdorff zunächst zur Beurtheilung. Geiger liest Spinoza, Plato, Biaimonides und andere, lieber alles spricht sich der Freund dem Freunde gegenüber aus. Und wenn die Bürden des geistlichen Berufes den jungen Theologen Geiger zuweilen etwas hart drücken, wenn innerer Zwiespalt und Zweifel ihn beschleichen, da greift der junge Geiger zur Feder und theilt alles, was ihn bedrückt, seinem liebsten Frensdorff mit. Hier hat er einen Freund gefunden und den will er sich nicht rauben lassen. Er hat dessen „liebevolle Briefe" nöthig, denn sie bieten ihm Anregung für den Geist und „herzlichen Trost für die Seele." So schreibt er am 27. September 1833: Mein lieber Frensdorff! Dein sehr liebes Schreibett, das mir ward, beeile ich mich diesntal recht sehr zu beatttwortett, weil es tttich so sehr lebendig anregte. Dieselbe Bemerkung, lieber Freund, die Tu am Anfänge Deines Briefes machtest, hat sich nur eittige Zeit vorher, als ich alle von Dir erhaltenen Briefe 31t meiner großen Erquickung durchlas, mit einer gewissen Wehmuth aufgedrängt. Wie, dachte ich bei mir, solltest Du detu lieben Freunde nicht mehr der innig geliebte Freund seitt, sollte sein gefühlvolles, offenes Herz nicht mehr mit dieser Wärme Dich in sich aufnehmen, sollte die Freundschaft, die sich ehedem ja wohl ganz ttnwillkürlich in einem jeden Worte ansprägte, die eine jede selbst ganz dent Bodett der Freuttdschaft tticht angehörige Mittheilung iu ein so anziehendes liebestrahlendes Gewand hüllte, sollte diese in eine Bekanntschaft zweier sich bloß achtender Personen versunken sein, sollte gegenseitig auch diese belebende Wonne Deittem Lebett entschwinden, sollte det^ kalte Hauch, der so manches Deitter schönen und Dich begeisternden Ideale angeweht und es gewaltsam zerstoben hat, sollte er auch das unauflöslich geglaubte Band gewaltsam verzerrt haben! iSchäme Dich, Geiger, ich glaube die Thräueu stehen Dir im Auge.» Nein! Dieser Anker wird mir doch wahrlich nicht brechen, so unfreundlich werde ich doch tticht in das Lebeusmeer gestoßen werden, nein, mein Frensdorff toird mir seilte Fretutdschafl bewahren, er tvird wissen, daff ich, wetttt früher seiner Freundschaft ivürdig, auch jeht tticht ihrer unwürdig sein kann, nein! eilte solche Veränderung kann tticht in mir iuus gegangen sein, ich kann vielleicht aus dem schotten Lebett in der Idee etwas herausgekommeu seitt, aber der Frettttd wird doch noch eilt ideales Streben in mir erkennen . . Ich dachte, sollte vielleicht die offene Aenßermtg über meitte gänzliche Meinungsverschiedenheit in Bezug auf religiöse Dinge eitte Kälte hervorgerufen haben? Aber nein! dazu kenne ich meinen Frensdorff zu gttt, er lveiß den Kern von der