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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-25 · Heft 21 (25.5.1900) · p. Seite 246

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
Seite 246 (sequence 8)
Language
German
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246 Berliner Vertrag auch dem Orient die Gleichstellung der Juden diktirt. Es ist allerdings vieles leider nur geschriebeiles Gesetz und nicht Uebnng geworden, aber ist das nicht überall ähnlich? Ist denn uns Inden nicht auch vieles Ente zlvar, Gesetz, aber noch nicht Uebnng? Dennoch seien wir zuversichtlich: Die Grundsätze des Rechtes werden mehr und mehr Geltung erlangen, die Kultur dringt nur sehr langsam von den Spitzen in die Massen. Es ist ein langer Prozeß, bis sie Gemeingut aller Menschen geworden ist. Wenn wir nun also auch wegen der Kulturrückschläge nichts zu fürchten haben, müssen wir uns doch bewußt bleiben, daß lvir unsere Rechte und unsere Stellung von Neuem stets zu erkämpfen haben, wir dürfen nicht schlafen und nicht schlummern. Aber wir müssen uns auch fragen: Was sind wir der Menschheit, den! Vaterlande und als Juden dem Judenthum schuldig? War das vergangene Jahrhundert das Jahrhundert des Ringens nach politischer Gerechtigkeit, so wird das nächste Jahrhundert das des Strebens nach sozialer Gerechtigkeit sein. Immer mehr wächst das Bewußtsein, daß lvir für einander verantwortlich sind, daß ein Jeder aufkommen muß für das Glück des Nebenmenschen. Und diese soziale Fürsorge wird mehr und mehr aus einem Ausfluß des Wohlwollens zur Pflicht der sozialen Gerechtigkeit. Mehr und mehr greift der Gedanke Platz, daß die Erde Gottes ist und Jeder ein Anrecht hat, glücklich darauf zu werden, und daß der mehr Beglückte sein Glück dem Anderen zuzntheilen hat. Das ist echt jüdisch. Diese Anschauungen sind tiu altjüdischen Gesetz zum Ausdruck gekommen. Die Sorge für den sozial Schwächeren, für den Fremdling, für die Wittwe, die Waise, für die dienende Klasse, die Beschränkung der Vertragsfreiheit im Pfandrecht, im Gesinderecht, die Pflicht des Steheulasseus der Ecken des Ackers, das Gebot, dem sinkenden Nachbar aufzuhelfen, die ausgeprägte Sabbathheiligung im Interesse der Arbeiterklasse, die Fürsorge für gesunde Wohnungen, die Auftheilung des Grundbesitzes, die Verhütung voll Ansammlung größerer Komplexe in einer Hand, alle diese ulodernen sozialen Fragen, sie sind im mosaischen Gesetz klar ulld bündig gelöst. Dies fiub die Gedanken, in bereit Geist die Zukunft sich entwickeln wird. Die Frauenfrage ist nur eine andere Bethätigung desselben Prinzips und es leitet uns derselbe Grundsatz, wenn nur Versicherungsgesetze für Arbeiter, Wohnungsgesetze für die Armen und Kleinen machen. Es ist stets derselbe leitende Gedanke sozialer Gerechtigkeit, der zur Geltung kommt. Das alles werden wir als Menschen gerne mitmachen und unserem Deutschthum zugleich damit den besten Dienst leisten, lvemr wir als Juden und Staatsbürger auch hierin unsre Pflicht thun. Werden wir uns aber abschließen urrd sageir: Nur für uns? Wollen lvir sagen: Vor unseren Thoren hört unsere Liebe ans uub an den Grenzen urrseres Vaterlandes die Gerechtigkeit? Nein! Wir werden auch wirken und streben für die unglücklichen Brüder in denjenigen Ländern, in denen weder politische noch soziale Gerechtigkeit herrscht, und werden den Blick anfs Ganze gerichtet halten. Und wenn wir uns fest machen in diesem Geiste der sozialen Gerechtigkeit, danll werden lvir ein großes Stück uns selbst und der Welt genützt haben! Uild darlllll: Israel sei gerecht! Nie jüdische Geschichte im Religionsunterricht. Von Dr. I. Ziegler in Karlsbad. fie trüben Erfahrungen vergangener Jahrzehnte auf diesen! Gebiete haben dem jüngeren Rabbinergeschlechte die Augen geöffnet. Die Erkenntniß, daß im Religionsunterrichte nur das gelehrt werden darf, was den Zweck dieses Unterrichtes, die Liebe und die Hingebung zur Religion, zu fördern geeignet ist, kann heute eine allgemeine genannt werden. Ebenso anerkannt ist daher auch das Prinzip, daß die jüdische Geschichte so gelehrt werden llluß, daß die Schüler aus ihr Begeisterung für das Judenthum schöpfen, indem man weniger auf das Material als auf den Geist der Geschichte die Hauptaufmerksamkeit lvendet. Aber caveant consules! Man hüte sich auch hierin vor einen! zu viel! Ter Lehrer verfällt gewöhnlich in den Jrrthnm, seine Liebe für sein Fach in dem Schüler voraus zu setzen, statt sie in ihn hineinzutragen. Das Gebiet, auf welchem sich der Religionslehrer bewegt, ist ein engumfriedetes, er nehme sich in Acht vor allzu öfter Wiederholung, er wird uninteressant. Wer da meint, nicht häufig genug den Schülern es in die Ohren blasen zu lnüssen, lvie nur die Religion und die Beschäftigung mit ihr die Judenheit geistig und inoralisch erhalten hat, der lvird bald betrübt eingestehen, daß er zwar seinen! Zwecke ein klein wenig näher gekommen ist, das Ideal, das ihn! vorgeschwebt war, jedoch nicht erreicht habe. Zudem dürfen lvir nicht vergessen, daß bei den! Lehrer eine gewisse oratorische Begabung vorausgesetzt werden ninß, soll er Begeisterung einflößen können. Soll nun der Lehrer, dein eine solche nicht zu Gebote steht, auf ein günstiges Resultat seines Unterrichtes verzweifelt verzichten rnüssen? Meine unmaßgebliche Ansicht ist aber, daß zlvar die Hingebung für die Religion das Endziel des Unterrichtes, keineswegs aber der Weg desselben sei: nur was lvir erreichen wollen, sei die Religion, nicht wie wir es erlangen. - Interesse erwecken, das ist die Bahn, auf der nur uns bewegen müssen, wollen lvir mit Litteratur und Naturwissenschaften in erfolgreiche Konkurrenz treten. Leben müssen lvir dem jüdischen Geschichtsunterrichte eiuhauchen, ein kräftig pulsirendes Leben, das den Schüler anzieht, ihn fesselt, ihm die Stunde lieb und werth macht. Und wir sind auf dem richtigen Wege. Das Prinzip des Anschauungsunterrichtes hat sich sowohl an Volksschulen wie an Universitäten als das einzig richtige bewährt. Das ausgezeichneteste, populärste Buch über Anatomie ist nicht imstande den Sezirsaäl auch nur anrlähernd zu ersetzen. — Der Anschauungsunterricht ist es, den auch lvir in der Geschieht s stunde einführen müssen. Um dieser Forderung nachzukonunen, haben lnehrere Lehrbücher der jüdischen Geschichte „Proben" aus den bedeutendsten Werken des jüdischen Geistes in ihre Bücher eingeflochteu. Was soll nun mit diesen „Proben" geschehen? Bilden sie den Anschauungsunterricht, von dem das Heil ausgehen soll? Was sängt der Lehrer, was der Schüler damit an? Sollen die „Proben" nur gelesen, oder auch gelernt werden? Ich hoffe, daß kein Religionslehrer den Plan haben lvird, von seinen Hörern ein Auswendiglernen der Excerpte zu verlangen. Sie sollen also gelesen werden.

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