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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-25 · Heft 21 (25.5.1900) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
Seite 245 (sequence 7)
Language
German
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-2l land, als Hort der Gerechtigkeit, der Kultur, das sich nicht dünkelhaft abschlieszt, sondern im Wettstreit mit anderen Nationen die höchsten Ziele der Menschlichkeit erstrebt! Das hat unser Kaiser Friedrich in seiner Königsberger Rede als Ziel hingestellt, demselben Gedanken huldigt Kaiser Wilhelm, wenn er für Deutschland das Programm anfstellt, daß es im Zeichen des Verkehrs stehe, also mit den anderen Völkern und für sie, sich entfaltend und selbst gedeihend auch sie gedeihen lassen soll. Irr dieser Auffassung deutschen Wesens haben wir Juden nicht abseits gestanden. Als Gelehrte und Forscher, als Dichter unb Künstler, in der Stube des Deukers, im Saale des Gesetzgebers, im Sessel des Richters und Anwaltes, im Berufe des Arztes haben nuu für Deutschland empfunden, gelebt und gearbeitet; im Kampf für die Freiheit haben jüdische Söhne des Vaterlands gelitten und ihr Leben ausgehaucht für Freiheit mtb für das Vaterland; nicht aber im Sinne fanatischer Chauvinisten; unsere Vaterlandsliebe schließt das Weltbürgerthum, das Menschenthum nicht aus, wir lieben unser Vaterland wie unsere Geistesheroen, wie Kant, Schiller, Goethe, Lessiug Deutschland geliebt, wir arbeiten für seine Aufgaben, wie diese Vorbilder es gethan. Und was haben wir Juden als Juden erreicht? Wir sind mit der allgemeinen Weltkultur vorwärts geschritten, haben als treue Söhne des Vaterlandes an seiner eigenen Entwickelung Theil genommen, aber sind auch treu geblieben unserer Glaubens-Gemeinschaft, die unsere Ideale erfüllt, und die uns ben Sinn giebt und die Grundlage für das Höchste, was nur erstreben. Wenn nur dieser Treue auch in verschiedenen Formen Ausdruck geben, wir vereinigen uns immer in dem Grundenipfinden, welches das Jndenthnm ausmacht: Gutes und Rechtes allüberall zu schaffen und ein Segen zu fein für Alle! Freilich der Kampf, den wir für unsere Menschenrechte, für unsere Anerkennung als vollberechtigte Deutsche anszufechten hatten, hat lauge unsere Kräfte derart absorbirt, daß das Gefühl für unser Judenthum in unserer Gesammtheit zu schlummern schien. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts hat das Jndenthnm wohl deshalb nicht die Entwickelung genommen, die es hätte nehmen können und nehmen müssen, weil es eben erwacht, das Helle Licht der Freiheit nicht ertragen konnte. Wir sehen einen begabten Inden, Friedländer, und eine Anzahl gleichgesinnter Anhänger eine direkte Aufnahme in die Gemeinschaft der Christen erbitten, um das Jndenthnm und Christenthnm zu verbinden, um ganz aufzugehen in die Volksgemeinschaft. Eine Verirrung der Begriffe! Als ob die Mutter Germania nicht Kinder verschiedenen Blutes, verschiedenen Glaubens gleich lieben könnte! Wir sehen geistig hervorragende Jünglinge: Heine, Börne, Gans sich vom Jndenthnm lossagen, lvährend sie innerlich mit ihm verwachsen waren und verwachsen blieben! Es war alles in Gährnug! Unfruchtbare Kämpfe zwischen Orthodoxie und Reform füllten die erste Hälfte des Jahrhunderts aus. Später, als man gelernt hatte, daß man zugleich Jude und treuer Bürger des Staates sein könne, sing man an, dem Judenthum naher zu treten, es genauer kennen zu lernen und größeren Kreisen näher zu bringen. Immer mehr verstand mau es dahin, daß es eine Lehre der Tugend und der Uebung der Menschenliebe ist. Di'se Thätigkeit, die Verbreitung des Bewußtseins für diese Aufgaben, ist das Ziel, nach ivelchem wir noch heute streben. Sie hat in den letzten Jahrzehnten zur Gründung dreier großer Verbände geführt, der Alliance israelite univer- 5seile, der Jewish Colonization Association und dem B’nei B’riss- Ordeii. Diese sind eigentlich das schönste Zeichen jüdischen Sinnes im vergangenen Jahrhundert. Jede Vereinigung hat ihre getrennte Aufgabe, aber alle sind berufen, die universelle Bedeutung des Judenthnms zu bewähren. Die Alliance israelit» sucht ihre Hauptaufgabe darin, Bildung zu verbreiten, besonders in denjenigen Ländern, wo Bildung noch als dem Jndenthnm gefährlich betrachtet wird. Sie will die Jugend für die Erkenntniß des heiligen und erhabenen Wesens des Jndeuthums gewinnen. Die Jewisli Colonization Association sucht weite Kreise dem von Alters her dem Jndenthnm eigenen Ackerbau wieder zuführen, um sie zu echten Bauern und Bürgern des Heimathlandes zu machen, die das Land lieben, weil sie es bebauen. In den Ländern, lvo sie Politisch und sozial geknechtet sind, sollen die Unglücklichen geführt und geleitet werden, um sich mit eigener Kraft zu entwickeln zu selbständigem Erwerb. Der B'iioi-B'iiss-Orden will feine Mitglieder veredeln, sie zur Höhe menschlicher und sittlicher Auffassung erziehen, ihnen ihre Pflicht als Juden und Menschen zum Bewußtsein bringen. Diese drei Institutionen nehmen einen mächtigen Aufschwung in ihren idealen Erstrebungen, die in die Hebung des allgemeinen Kulturniveaus ausmünden. Sie verbreiten einen wahren, echten Segen durch Erziehung der Jugend, durch Bildung der Erwachsenen und ihre Heranziehung zu thätigen Mitgliedern in der Gesellschaft und durch Selbstzucht. Daneben wirken in den einzelnen Ländern Vereinigungen mit verwandten Bestrebungen, ich nenne von Landesverbünden nur: den Deutsch-Israelitischen Gemeindebnnd, die Anglo- Jelvish-Association, die Wiener Allianz; sie alle erstreben die Entwickelung der humanen Ideen des Judenthums, die soziale und sittliche Kräftigung. Wenn nur nun in die Zukunft zu schauen versuchen? Wir sind als Inden von der unverwüstlichen Zuversicht erfüllt, daß alles sich gut weiter entlvickeln wird. Es geht vorwärts. Trotz alledem, was uns hindert. Zwar hat es Mendelssohn schon vor 120 Jahren für unmöglich gehalten, daß man fürder noch von Blntbeschuldignngen gegen das Jndenthnm sprechen werde — und das Ende dieses Jahrhunderts sieht die Blutlüge kühn voll Neuem auftauchen. Wenn nur aber dem gegenüber halten, daß das zu einer Zeit geschieht, lvo in anderen Gemeinschaften die wunderlichsten Dinge geschehen, lvo wildester Aberglaube und Mystizismus ihr Haupt kühn hervorstrecken, wo Dunkelmänner, Fanatiker, Feinde der Freiheit, der Wissenschaft gegen die Entwickelung der Wissenschaft, gegcm die Freiheit der Gedankeli einen Damm anfznrichten suchen — müssen wir uns tröstend sagen: das sind natürliche allgemeine Rückschläge in der Eutwickelnlig jeder Kultur; jede große Epoche weist solche Schwankungen auf, man muß große Zeitlünse rniteinander vergleichen, um des Fortschrittes inne zu werden. Friedrich der Große hatte zwar stolz und feierlich ausgesprochen, in seinem Lande könne Jeder lrach seiner Fa^on selig werden, doch wurden den Juden weder Freiheiten lwch Rechte gewährt. Seine Erkenntniß war die des Denkers und dem Bolk gegenüber lvurde sie nicht zur That. Heute aber erkennen alle Parlalliente ulisere Gleichberechtigung an und stellen sie gesetzlich fest. Die Gleichberechtigung als sittliche Forderurig dringt in das Volksbewnßtsein immer mehr ein; sie wird Gemeingut der Kultur. Und so sehr ist dies der Fall, daß man im

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