Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- Seite 244 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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244 falle auch durch Präuüirnng. besonders in der erstell Zeit dieser Arbeit und bis zu ihrer vollkommenen Erlernung anzustreben; 3. durch Unterstützung und Organisation jener Emigration, deren Triebfederil einzig und aflein auf den: Erwerbsmomeute beruhen. II. Die Repräsentanzen der israelitischen Kultnsgemeinden in Galizien haben ans dem ethischen Titel der Menschenliebe, sowie aus denl Rechtstitel der ihnell überwiesenen Armenpflege die Bekämpfnng der Erlverbslosigkeit und ihrer erschreckendeil Ausbreitung in ihr Prograrnln in weit höherem und ansgedehllterem Sinne aufzunehmen, als dies bis unnzu geschehell ist. Demnach ist es heilige Pflicht der Kultusgemeindeverwaltungen, alle im Absätze I der gegenwärtigen Resolution angeführten Hilfsmittel unausgesetzt im Auge zu behalten; zunächst aber Folgendes anzustrebeu: 1. Die Unterbringung einer möglichst großen Allzahl von Lehrlingen bei Halldwerkern, wobei das besondere Angeilmerk ans solche Handlverke 311 richten ist. welche bis illlnzn von Juden llicht betrieben wurdell. 2. Die Zuführung jüdischer Erwerbsloser mit entsprechender physischer Eignung zu allen Ziveigen produktiver, besonders auch physischer Arbeit; dies ist dllrch moralische Mittel, als Ermittlung der Arbeitsgelegenheit und Allfniullternng zur Arbeit, irn Bedarssfalle auch durch Prämurnng. jedoch nitv in der ersten Zeit dieser Arbeit nlld bis zu ihrer vollkornmenen Erlerilring. allzustreben. 3. Die Errichtnllg von Vorschnßkassen, welche den jüdischen Kleinhälldlern. Haildlverkern mld Ackerbautreibenden billigsten und langsichtigeil Kredit 311 ertheilen hätten, wobei in erster Linie solche Petenten zu berücksichtigen wären, welche dell Kredit zur Schaffling selbständiger Existenzeil in Allspruch l'.ehulen." * Sehr wichtig ist die folgende Nachricht, wenn sie authentisch ist. Der Kaimakam von Safed äußerte dem Korrespondenten der „Hazefirah" gegellüber: Se. Majestät der Sultan will den Eintritt nach Palästina und Syrien auswärtigen Juden gestatten, die sich daselbst ansiedeln wollen, wenn sie in Konstantinopel oder Beiruth die schriftliche Erklärung abgeben, daß sie ihre bisherige Nationalität aufgeben und die türkische dauernd und bedingungslos annehmen. Diese Nachricht ist, wie man sich benfen kann, für die Kolonisation Palästinas von der höchsten Wichtigkeit, und mir wünschten wohl, daß sie sich bestätigen möchte. Da wäre eine Zufluchtsstätte für die rumänischen Juden geschaffen, wie sie passender kaum gedacht lverden kann. Bekanntlich hat der Sultan gerade den Juden aus Rumänien auch in der Türkei schon gastfreundliche Aufnahme uiib Hilfe gewährt. Eine neue „Beschränkung der Judenrechte" in Rußland wird von antisemitischen Blättern mit aufrichtiger Genngthuung registrirt. Nach dein Gesetze ist es denjenigen Juden, die als Kaufleute zur ersten Gilde steuern, gestattet, allenthalben in den Reichsgrenzell sich niederznlassen. Sie sind in keiner Weise den gewöhnlichen Einschränkungell unterworfen. Nun hatte es sich allmälig herausgebildet, daß Judell, die während der Dauer von zehn Jahren zur ersten Gilde gezahlt und danach das kaufmännische Gewerbe aufgegeben hatten, die während dieser Zeit besessenen Vergünstigungen für Lebenszeit behielten. Es war mithin eine Geldfrage geworden, ob ein Jude sich frei in Rußland bewegen durste, oder aber an bestilnmte Provinzen gebunden sein sollte. Der 10jährige Betrag der ©teuer erster Gilde macht etwa 6—10 000 Rubel aus. Die Behörden haben sich wiederholt init dieser Angelegenheit beschäftigt, konnten aber nicht zur Einigung gelangen. Man wandte sich vom Senate ans schließlich ans Jnstizministerium, welches eilt Gutachten über die Frage ausgearbeitet und dem Senate zur Entscheidung zugestellt hat. Auf Grund dieses Gutachtens hat nun die allgemeine Versammlung des Senats dieser Tage folgenden Beschluß gefaßt: „Judell, welche 10 Jahre lang die Gebühren zur ersten Gilde gezählt, erhalten nur insofern eine größere Bewegungsfreiheit, als sie auch in der Stadt, in der sie bisher als Kaufleute lebten, sich niederlassen dürfen. Die übrigen, für Juden gesperrten Reichstheile bleiben ihnen nach wie vor geschlossen." Da die antisemitischen Blätter prinzipiell nur die Senatsentscheidungen bringen, die für die Juden ungünstig sind, so ist es kein Wunder, daß sie schließlich zu dem falschen Resultat kommen, daß eseimJrrthum sei, von einer „judenfrenndlichen Strömung innerhalb der russischen Negierung" zu sprechen. Politische und soziale Gerechtigkeit. Voll Rechtsanwalt Julius Plotke in Frankfurt a. M. as hat uns das abgetaufeue Jahrhundert gebracht, zunächst uns als Menschen? Alles in allem kann lnail das Jahrhundert als dasjenige bezeichnen, in lvelchem politische Freiheit unb Gerechtigkeit erstrebt, erkämpft nlld in den Knlturstaaten erstritten wurde. Im Anfänge des Jahrhunderts herrschte der vollständigste Absolutismus der Regierenden; es beftaub kein Mitbestiminungsrecht des Volkes, ja der Fürst konnte sogar sein Volk au alldere Staaten verkaufen, das Volk hatte nicht das Recht mitzurathen, die Rechtspflege lag bei Patrimonialgerichten. Die Folteruiib Prügelstrafe war in Hebung. Voll Frankreich ging der Stllrm alts, der mit diesen Verhältnissen aufränmte. llub wenn wir fragen, wie sind wir Judell hierbei betheiligt? so können wir mit Freuden und Gellugthuullg darauf Hinweisen, daß im Allfang dieser Umgestaltungsarbeit bei uns auch Mendelssohn steht, ein eben so guter Deutscher als Jude, der zuill Allsdruek brachte, daß Delltschlaild einig nlld freiheitlich sich entwickelll müsse. Dallll illl Allfange des Jahrhunderts Jungdeutschland: Heine, Börne, Moser, Zunz. Der Letztere hat für die Elltlvickelnllg des Jlldellthllms llnd feine Wissenschaft Enormes geleistet, aber ebellso für politische Freiheit init Wort und Lehre gestrittell. Danil ist 31t gedenken solcher Männer wie Gabriel Riesser, Joh. Jaeoby. später Eduard Laster, Ludwig Bamberger nlld ihres Eifers für Eutlvickellrng der Freiheit lUld der Rechte des Volkes. Und ähnlich gestalten sich dieDillge iit anderenLändern,— lluter den Källlpfern für die Freiheit, für die Volksrechte stallden in Oesterreich-Ungarn, in Ellgland, tu Frankreich, in Italien Jlldell mit ill beu vorderstell Reihen. „Lasset frei mein Volk", war scholl ein Rllf. der alls benx Munde Moses an Pharao erging; er lebte ill der Brust der Juden, in der Nacht des Mittelalters, und ertönte lallt, als die Morgenröthe einer nuten Zeit für alle Völker hervorbrach. Unsere Gellleinschaft, rlllser Stanlm hat ellergisch mitgearbeitet an dem, lvas das Leben dieses Jahrhunderts ausfüllt, all der Entlvickelmlg der politischen Gerechtigkeit. Was habeil wir als Deutsche gewonnell ill diesem Jahrhulldert? Ter Anfang des Jahrhunderts sah Deutschland zerdrückt llnd zertrümnlert, beherrscht voll manchell Fürstell, die keine Deutschen waren. Und null steht Deutschlalld groß uild einig da! Ulld doch frei von Chauvinisnlns! Ein einiges freies Deutsch-