Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-25 · Heft 21 (25.5.1900) · p. Seite 243

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
Seite 243 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228387--56476-3292782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

243 Verein Berliner N o l ks sch u lle h re ri m l e n eine Petition an den damaligen Cultusminister von Bosse, mit, der Bitte um Rücknahme dieser Matzregel, ein Ersuchen, das mit einer höflichen Ablehnung beantwortet wurde. Nicht israelitische Sonderbestrebungen auf sozialem Gebiete, die, so grotzartig und fördernd sie auch sein mögen, doch tutv eine rückwirkende, nicht nach außen wirkende Kraft haben können, nicht die Taktik des „laissez faire, laissez passer“, die auch von männlicher Seite befolgt wird, kann uns einen Schritt vorwärts bringen, wohl aber der Anschluß an die Allgemeinheit, an das große Problem der sozialen Reform, die vornehmste Frage nuferer Zeit. Nur wenn die Einzelströmungen sich in den großen Strom ergießen, werden sie zur Macht, und erst, wen»» dem Iudenthum ein Ritter uon germanischer Seite ersteht, der ihm Recht um Recht erringen Hilst, der für dassekbe in die Schranken tritt, wie einst Jvanhoe für die Jüdin Rebekka, dann erst können wir hoffen, im ruhigen Verlaufe der Zeiten freie und gleichgestellte Bürgerinnen des «mächtigsten europäischen Kultnrstaates zu werden. K. Nie Woche. Berlin. 2«. Mai. <äLpin seltenes Beispiel von Selbsterkeniitniß ist heute ans den Kreisen der „reinen Antisemiten" zu verzeichnen. " In der „Antisemitischen Korrespondenz" regt ein Antisemit an, eine Berufsstatistik der Antisemiten aufzunehmen. Diese würde „Klarheit über die beinahe völlige Zersetzung vieler ullserer Partei-Vereine bringen" und die Partei selbst zur Stellungnahme in sozialen Fragen veranlassen, „sollst geht die Partei eineru unabwendbaren Siechthuill entgegen." Wir glauben nicht, daß der Mann auf frenndwilliges Entgegenkommen in seiner Partei rechnen darf. Aber wünschenswerth wäre eine solche Statistik in hohem Grade. Sie würde geradezu sensationell wirken. * In Könitz und Umgegend werden noch immer in Erlnallgelung positiver Nachrichten die abenteuerlichsten, unstnlügsten Märchen ititD nichtswürdigsten Lügen verbreitet, um harmlose und unschuldige Menschen in Verdacht zu briilgen. Ein Fleischermeister, gegen den die Hetze besonders stark geht, soll von auswärtigen Juden 20 000 Mark per Postanweisurig erhalten haben, und zwar zur Unterstützung (vielleicht von der Alliance Israelite Universelle?); das Gutachten der beidell Berliner Gerichtsphsici soll die Aussagen des Sanitätsraths Dr. Müller in allen Stücken bestätigt haben, das Material gegen einzelne Jllden soll in ben letzten Tagen erheblich vermehrt wordell sein — und was dergleichen Unwahrheiten noch mehr silld! Andere Blätter — nichtantiselnitische natürlich — lvissen dagegell zu berichten, daß sich die Verdachtslnomente in einer allderen, von den Kriminalbeamten gleichfalls ullausgesetzt im Auge behaltenen Richtullg ununterbrochen mehren, wenn auch diese Monlente nicht so schlüssiger Natur seien, daß bis jetzt zllr Verhaftung hätte geschritten lverden könlien. Ein hiesiges Blatt meldet in dieser Beziehung: „Es ist schwer, sich die Stimlnung des hiesigen Publikums vorznstellen, für den Fall, daß das ihm Unerwartete und wahrscheinlich zunächst ganz Nnfaßliche geschehen sollte. Sicher aber ist, daß für den Fall einer unanfechtbaren Ermittelung des oder der Mörder die Sicherheitsbehördeu Mühe haben werden. diesen, sei er, wer er sei, vor der Volkswuth zu schützen. — Die Bestattung der irdischen Reste des Ermordeten wird voraussichtlich im landespolizeilichen Interesse unter bestinnnten Modalitäten in Prechlau, dem Heimatsort des Todten (nicht in Konitzj stattfinden. Die Eltern beabsichtigten die Beerdigung in Könitz vorznnehmen. Die Erregung der Einwohnerschaft darüber, daß dieser Wunsch unberücksichtigt bleiben soll, kommt ziemlich allgemein zum Ausdruck'. Es ist nicht unbemerkt geblieben, daß die Ettern des ermordeten Winter ganz in den Händen der Antisemiten sind, und ungescheut berichtet einer derselben, daß auf seine Veranlassung der Vater Winters an den Jnstizminister einen Protest gegen ein heimliches Begräbnis; der Ueberreste seines Sohnes abgeschickt habe. Ein großes öffentliches Begräbnis;, das die Volkesleidenschaften von neuem entfesseln könnte, wäre den Inspiratoren dieses Protestes natürlich viel lieber! In Lemberg hat kürzlich, wie mir bereits gemeldet, ein galizisch-jüdischer Gemein de tag stattgefunden. Wie es heißt befand sich unter den Angelegenheiten, welche den Gegenstand vertraulicher Berathullgeu bildeten, auch das Projekt der Massenauswandernng von Juden aus Rumänien und Bulgarien nach Galizien. Die Lage der Juden in den Balkanstaaten wird immer unerträglicher, und deshalb wollen sie sich neue Wohnsitze aussuchen. Nun sollen die Führer der galizischen Juden energisch dagegen opponirt haben. Das Alles theilen antisemitische Blätter mit, die bei dieser Gelegenheit schon in höchst komischer Weise dem Wurische Ausdruck geben, Deutschland sollte Vorsorge treffen, daß „den Balkanjuden die Grenze gesperrt lverde." Im Uebrigen entbehrt selbstverständlich die ganze Nachricht der Begründung. Die rumänischen Juden wollen weder nach Galizien oder Deutschland, noch war eine eventuelle Masseueinwanderung derselben Gegenstand „vertraulicher Besprechungen" auf dem galizischen Gemeindetag. * Nachstehend die thatsächlichen Beschlüsse jenes galizischen Gemeindetags, die nach vielen Richtungen hin Werth und Interesse haben: „Es verwahrt sich der II. Tag der galizischen israelitischen Kultusgemeinden gegen jene Tendenzen unb Organisationen, sowie deren offene oder bemäntelte Patronanzen. welche auf die Ausschließung oder Abdrängung jüdischer Bürger von mancherlei Erwerbszweigen und dem ehrlichen Wettbewerbe im harten Kampfe ums Dasein gerichtet sind, und beschließt überdies: I. Die Erwerbslosigkeit, sowie die Noth und das Elend der galizischen Juden sind durch folgende Mittel zu bekämpfen: 1. Durch Hebung der Kultur. lvoruuter in erster Linie die Verwirklichung der bestehenden allgemeinen Schulpflicht begriffen ist: 2. Durch Hebung und Kräftigung bestehender, sowie durch Schaffung neuer Ecwerbsarten und Arbeitsgelegenheiten. a) durch gründliche fachliche Vorbildung der Karlfleute und Handwerker, b) durch Stipendien für jüdische Handwerkslehrlinge, wobei auch das besondere Augeunierk aus solche Handwerke richten ist, welche bis nunzu von Juden nicht betrieben lvurden, <•) durch ausgedehntere Betreibung des Ackerballes, <1) durch Organisation von Vorschußkassen, welche den jüdischen Kleinhändlern, Handwerkern und Ackerbautreibellden billigsten und langsichtigen Kredit zu ertheilen hätten, wobei in erster Linie solche Petenten zu berücksichtigen silld, welche den Kredit zlir Schassuilg selbständiger Existenzen iu Allspruch nehmen, e) durch Förderung jeder Art Industrie, besonders aber der Hausindustrie, thnnlichst unter Anlehnung all bestehende Allfällge. Hierher gehörerl allch Reisestipendien, solvie die Gewitmung voll Wanderlehrern; 0 durch Zuführung solcher jüdischer Erwerbsloser, welche physische Eignung besitzen, zu allell Zweigen von produktiver, besonders auch physischer Arbeit. Dies ist durch nloralische Mittel nild im Bedarfs-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.