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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-25 · Heft 21 (25.5.1900) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
Seite 242 (sequence 4)
Language
German
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m mmmm \ .' ' *' '■*’ - *' .. F 242 ■ Dieses knrzgezeichnete Bild des jüdischen Mittelsta»»des kann jeder Jude, jede Jüdin in ihrer näheren oder ferneren Umgebung beobachten. Die jüdische Elternliebe und der jüdische Familiensinn haben in dieser Richtung Auswüchse geschaffen, die nur ganz allmälig, durch private Belehrung jedes Einsichtsvollen in seinem Kreise beseitigt werden können," (hier giebt der geehrte Verfasser einige Winke betreffs des Schadchonim-Unwesens, die ich hier nicht wiedergeben möchte, obgleich sie sehr zutreffend und sachlich sind), und fährt dann fort: „dies, meine Geehrte, sind Zustände und Verhältnisse, die der Lösung der Frauenfrage unter ben Jüdinnen große Hindernisse bereiten; sobald die Opferwilligkeit der jüdischen Eltern »nieder in vernünftigere Bahnen gelenkt, die Tochter entsprechend erzogen sein werden, dann erst lassen sich Heirathen auf reellerer Basis gründen, denn darin rvird, wenn rricht innrrer, doch meistens Neigung die Ehestifterin sein." So Herr Tr. S. imb so meine Rechtfertigung, zu welcher ich nochmals wiederhole, das; ich nur Erlebtes und Beobachtetes schilderte und daß Jeder, der sehen und hören rvill. fort und fort, nah und fern j dasselbe bei uns täglich wahrnehmen kann. Und nun zu meinem Schuldbekenntnis;, welches ich, wie ich jetzt beim Durchlesen dieser Zeilen mit Schrecken inne werde, eigentlich hätte vorausschieken nrüssen. nrrd nun aber errrstlich berener;d, nachholen will. ' | Eine Unterlassungssünde, ich gestehe dies gerrr, war es, das; ich der edlen Pionierinnen für Franenrechte, jener deutschen Franen jüdischen - Glauberrs, die schon Jahrzehnte lang für unsere gerechte Sache wirken, * nicht gedachte. Aber meine Angen zu der „geistigen Höhe" einer Frau Tr. Goldschmidt, einer Lina Morgenstern, einer Jenny Hirsch, der allzufrüh Heimgegangenen Jeanette Schwerin zu richten, wagte ich nicht, da ich »vohl weiß, daß das Wirken solcher Frauen nur inkonfessionell sein kann. Schwerer noch habe ich mich aber an Frau Reißer selbst vergangen, daß ich ihre vorzüglichen Aussätze von; Juli 1*93 und vorn Juli 1898 so ganz vergessen konnte; aber zugeben wird mir die geehrte Dann sicher, daß seit eben diesem letzteil Artikel in diesen» Blatte: „Ein wunder Prn»kt" schon »nieder ein nnd ein halbes Jahr in die Welt gegangen silrd, ohne daß seither von irgend welcher Seite eine »lene Anregung gekonnten wäre; denn der Artikel „Frauensrage und Frauenberuf uh Jnde^thnm" von P. Berthold stammt schon von» Oktober 1897, nnd daß achtzehn Monate eine „reichliche Kost" für die Vergeßlichkeit unserer schnelllebigen Zeit sind, »vird »vohl Niemand bestreiten. 17 Das ziveite Schreiben stammt ans Ostpreußen nnd rührt von einem jungen Mädche»» her. Der beachlenswerthe Inhalt beffeiüeu ist folgender: Der Artikel aus Rr. 1 dieses Blattes, der sich in dankenswerther Weise bannt beschäftigt, die bekannten Momente der Frauensrage und Frane»»be»vegnng noch einrnal zllsannnensassend auch jüdischen Kreisen vor Augen zu führen, hat es leider übersehen, daß diese Tagesfragen, schon für die christliche Franernvelt mit schrveren Käulpfen verbunden, für das Jndeilthum »»och eine ganz besondere Komplikation erhalte»». Der Widerstreit zlvische»» persönlichen» Wollen und dem Machteinfluß äußerer Verhältnisse endigt »licht i»»»n»er zu Gunsten des erster en; selbst der kraftvolle Widerstand der J»ldell, die sich jahrhundertelangen» Druck hindurch ihre Individualität in ihrer Reinheit zu bewahren »rußten, hht sich dieser Wahrheit, de»» beständig erschwerten Lebensbedingungen gegenüber nicht ir»»n»er verschließe»» können. Sv tritt denn 31t der Frage: wie schaffen »vir eine größere E r w er b s f ä y i g k e i t nnserer Töchter, die andere m»d »vichtigere hi»»zu: »nie schaffen »vir eine größere Er »v erbs m ögli eh keit für dieselben? Der erste Theil der Frage, der sich ans die Fähigkeit für den Erlverb bezieht, kann bei der hohen Intelligenz unseres Stammes, »licht zum Milrdestei» des weibliche»» Geschlechtes, sehr bald seine völlige Lösung finden; »nie aber gestaltet sich die Antlvort ans den zweite»» Teil: »nie schaffen wir eine größere Enverbsmöglichkeit? Wie machen »vir es. daß die erworbenen Kenntnisse des jüdische»» juilgen Mädchens im gebildeten Mittelstände auch die entsprechende praktische Verlverthmlg finde»»? Darin liegt die Schlvierigkeit. Derselbe feindliche Geist aus feiten der maßgebenden Kreise, der beu Inden seit Jahrhunderten de»» Weg in die Staatsänlter versperrt, der ihnen die Examina eröffnet, aber die staatliche Versorgung dikrch > dieselbe»» versagt, dieser Geist instiktiver Abneignng. der sie gesellschaftlich in die Enge treibt und dessen Gegenlvirkung zun» großen Theil der Zionismus ist, er übt sei»»e Macht auch irr» Leben der Frau, »mb er ist um so schwieriger anzufassen und mit offeilei» Waffe,» zn bekämpfen, als er sich geflissentlich davor hütet, sich in klare Worte zu fassen. Desto »virksamer aber ist die Praxis. Daß die überwiegende Mehrzahl Derer, welche die »vijjenschastliche Laufbahn erwählt haben, auf die sogenannten freie,» Berufe, z. B. des Arztes oder Rechtsanwalts ailgelviesen sind. daß z. B. der Rich1ersta»»d. die subalterne Gerichtskarriere, das Postfach, auch in Anbetracht des geringe»» Bevölkeru»»gssatzes des jüdischer» Elementes. versch;vinde»»d »venige Juden ausweist, ist ja hinlänglich beka»»nt. Ebenso, daß z. B. das Ghinnasinrn resp. die preußische Volksschule von jüdischen Lehrern gerne frei gehatte»» »vird. Man hat von jeher einen geheimen horror vor den» kritische»» SkeptizislNlls des sernitischen Geistes gehabt. Nun gar die Schule ,n»»ß vor dergleichen etwaige»» aufregenden Verdaimngsstörnngen bewahrt werde»». Eine u»»nütze Furcht! Der „lache»»de 'Löwe" ist schon lange zum zahmen Hausthier geworden. Wir dulden, einer alten Gewohnheit folgend, lieber stillschweigend, ehe »vir uns dazu entschließen, uns über diese Mißstände unser»» nichtjüdischen Mitbürgern gegeirüber offei» ausz»»sprechei»; »na»» fürchtet durch eine offene Anerkennung der Thatsacbe»» die Grenzlinie z»vischeu de»» „Staatsbürgern erste»»" und bene»1 „z»veiten Ranges" nur noch fester zu r»or»»»iren. Wird dasselbe Lied der E»»tsaguug, das Den Ria »in in seiner Ent- »vickeln»»g geheu»n»t oder z»» hen»men versucht hat. nicht auch den» jüdischen Mädche»» des gebildete»» Mittelstandes gesungen? Das Bahnschalter nnd Postfach z. B.. das Hlmderten von christlichen Töchtern zum Versorgnngsinittel »vird, ist ihnen verschlossen, non den öffentliche»», theilweije a»»ch den Privatschulen »verden sie mit »venigen Ausnahmen fern gehalten: eine jüdische Erzieherin oder Gesellschafterin »vird sch»ver h» einen» christliche»» Hanse Stellung erhalten; dagegen findet ma»» hä»»sig gen»»g den Passus »1» den Zeitungen: „Ei»»e israelitische Familie sucht eine christliche Gouvernante." Welche Berussarten bleiben für die gebildete Jüdin übrig? Das ka»»smä»»»»ische Fach in de»» verschiedener» Schattirrnrgen. das Studium der Medizin n»»d — die Knust. Nicht die bildende Kunst, — dafür scheiirt in» Judenthum »»vch verhältuißmäßig »venig Neigung vorhairdei»; »vohl aber die darstellenden Künste, die Büh»»e, der Konzertsaal und die Malerei. Hier ist es vielleicht z»»m ersten Male, »vo der alte Fluch des Borurtheils zum Segen, z»» ei»»er Art empfehlender Neklarue »vird. Ei»»e Jüdin auf der Bühne! Scho»» die Thatsache genügt, un» bei de»»» Theater nnd Konzert besuchenden Publik»»»»» eine Reihe lockender Vorstellungen zu erzeugen: den eige»»artigen Reiz einer erotische»» Erscheinung, dunkle, ansdruckssähige Auge»», Feinheit der Anempsi»»dm»g, Leide»»schaft n»»d Größe der Darstellung, hohe »»»»»sikalische Begabrnrg. Da aber Kü»»stlereriste»»ze»» doch naturgemäß zu den Ausnahmen gehöre»». so hat ar»ch diese Bernfsart als sozialer Faktor kam»» irgend »ve lche Beden tu »»g. So ist die jüdische Fra»» gestellt in eitler Gesellschaft, als deren vollgewichtjge Angehörige »vir uns inimev daun zu fühlen die Ehre haben, wem» es gilt, unieten Verpflichtungen gegen dieselbe uachzukommen, »veniger, »venn es sich dar»»»»» handelt, das Aeguivalent dafür in Forn» vor» Rechten in Empfang zu nehmen. I»» dieser Erkenntnis; haben denn jüdische Eltern bis jetzt der Frauensrage verhältnißmäßig kühl gegenüber gestände»» »md das ihuei» als das einzig richtig erscheinende Ziel der Verheirathuug ihrer Töchter häufig »litt »uehr Eifer verfolgt, als es sich mit den Gesetzen des Rechts »»»»bedingt oevet»»en läßt. Wohl si»»d bedeutende Kümpserinuen für Fra»»enrechte ans dem J»»der»thum hervorgegangen. aber weder Fra»» Jeanette Schlverin noch Frau Henriette Goldschmidt noch Fra»» Lina Morgenstern sind für die Fra»»enrechte ihres eigene»» Stammes jemals in bedentlingsvoller Weise eingetveten; und sie hätten es können, i»»dem sie ihren ga»»zen führenden Einfluß anfboten, die Fvrder»n,ge»» der gesellschaftlich Schwachen dem große»» Zwecke der soziale»» Hilfsarbeit anzugliederu, die ja das Ha»»ptziel der moderne»» Frane»»be»vegn»»g ist, indem sie die a»»s der herrschenden Partei hervorgegangenen Leiterinnen der Bewegung zu Worts»»hrerinue»» der »mterdrückte»» Gesellschaftsklasse ge- »vaune»», aus der sie selbst hervorgegarlgei». Nur einmal »ft Don seiten der deutschen Franei» etlvas Wirksa»nes i»»» Sinne der jüdische»» Mitbürgerinnen weingstens angestrebt »vorden: Als i»u Jahre 1898 den jüdische»» Lehrerinnen das Ordi»»ariat entzogen »vurde, faubte der

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