Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 2t. Allgemeine Berlin, 25. Mai 180V. ettung des Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Ludwig Phitippson-Konn. Verlags-Grpe-ition: Lcrlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Leitartikel: Unsere Frallenfrage. — Die Woche. — Politische und soziale Gerechtigkeit. Von Julius Plotke. — Die jüdische Geschichte im Religionsunterricht. Bon Dr. I. Ziegler. — Ein Erinnerungsblatt. Von M. Zuckermann. — Das Judenthnm in der Musik im 19. Jahrhundert. II. Von Dr. Adolph Kohnt. — Graf Ludwig von Zinzendors und die Itiden. Von Eugen Isolani. — Feuilletonr Die Tscherkessenbraut. I. Von I. Herzberg. Der Gemeindedote. Korrespondenren und Nachrichten: Berlin. Königsberg, Dirschau, Stettin, Aus der Provinz Posen, Hannover. Hamburg, Nürnberg, Wien, Budapest, Odessa, Konstantinopel, New-Pork. — Bon Nay und Fern. — Sprechsaal. Unsere Frauenfrage. Berlin, 22. Mai. ist wahrlich Fein Zeichen von Partiknlarisnms auf 'ty religiösem Gebiete ober von einer Neigung 311 unnöthiger Separation, wenn wir anch von einer besonderen jüdischen Frallenfrage wiederholt zu sprechen veranlagt werden. Nicht lvir waren es, die solche Zustände herbeigeführt, welche zur Anflverfnng dieser Frage nöthigen; nicht an lins liegt es, ob unsere Frauen llnd Mädchen auch im Erwerbsleben anderen Bedingungen gegenüberstehen als die nichtjüdischen. Wie ernst und bedeutungsvoll aber diese Frauenfrage ist, das nlögeu die beiden folgenden Zllschriften lehren, von denen die erste aus delll Süden, die zweite ans dem Osten Deutschlands stamnlt, so daß beide Aufsätze zugleich charakteristisch sind für die verschiedenartigen Bestrebungen ans diesem Gebiete innerhalb Deutschlands. Die erste Zuschrift einer verehrten Mitarbeiterin ails Süddentschland lautet folgendermaßen: Vier Exemplare der „Allgenieillen Zeitullg des Jndenthums" liegen auf meinem kleinen Arbeitstisch — vier Wochen war ich durch Abwesenheit voll Hullse verhindert, die Lektüre des iniv lieb gewordenen Blattes zll gelließell, itnb als ich hellte bei Nnnlliier 1 desselben begann, lvar es natürlich der Aussatz „Die Frallenfrage an der Wende des Jahrhunderts" von Regina Neißer. welcher liieiit Interesse lebhaft erregte. Und ein Wunder ist dies lvahrlich »lieht; bin ich doch die Verfasserin des Artikels „Noch etlvas über die Franeilsrage" in Nnnlmer 50 des vvrigeil Jahres dieser Zeitung, lvelcher Frau Neißer veranlaßte. obigen Aufsatz zu schreiben. Warlnn soll ich es lelignen, das; mein erster Impuls eine gewisse Verlegenheit, ja Beschämung lvar, mit lvelcher ich mir sagte: geschieht Dir scholl recht, diese Abkailzlnug, warnnl glaubtest Du anch ohne jene weitgehendste Sachkelllltniß, welche uöthig ist, um in der Oeffentlichkeit zu wirken, einzig aus Liebe zu teil Frauen und Mädchen Deines Stammes, um Hilfe dllrch Aufklärung für dieselben lverbeu zll könneil. Schnell jedoch schlvand dieses peinliebe Empfinden, denn sofort lvurde mir klar, daß die iu so sachlich überzengell der Weise gegebenell Schildernll geil der Dame dem Denken lmd Streben der Fralien ihrer Heilnath. des deutschen Nordens und besonders der „Kreise", in denen sie lebt, so zienllich nahe kollimen mögen; was aber n»eine Heimath, den Süden des delltscheil Reiches betrifft, so kalm ich von dein, lvas ich über die oziale Lage nilserer Glallbellsgenossiullen in demselben gesagt habe. nach keiil Iota zurücknehlnen linb jeder „KlNldige" 00m Mail» bis 3uv Jsaar tvird solches „voll und garrz" unterschreiben müssen. Ja. ich wiederhole, trotz dem ersten deutschen Mädchenghllmasiuill iir Karlsruhe, der Hallptstadt nieiiles engeren Vaterlandes, trotzdem Heidelberg als erste deutsche Universität den Fraueil ihre Pforten erschlossen, sieht es iri unserelll Mittelstände, in dem besseren wie dem nuteren Mittelstände, in der „bewußten Sache" noch genau so traurig aus. lvie ich dies schilderte. Ueberhaupt liegt die Frauenbewegung im Allgemeinen, besonders irr Württemberg noch zie,nlich im „Argen"; das ersllhr ich bei cinein vierwöchentlichen Aufellthalt in einer größeren Stadt dieses Lalldes. lvv ich die Ehre hatte (es loar dies ganz kürzlich) mit der ersten Vorstalldsdalne des Vereins „Franenwohl" in persöllliehe Berührlmg zu kommen. Dieselbe sagte mir, daß der Verein trotz jahrelaligem Bestehell es erst bis zu 42 Mitgliedern gebracht habe (bci über 60000 Einwohnern). Befragt über die Theilliahme von Jüdinnen, erfuhr ich, daß wohl eillige der besseren S)amen Mitglieder wären, ihr Interesse hierfür aber nur einzig und allein in dem Bezahlen der kleinenVereinsgelder bestände. Natürlich: wieessichchriüelt, so jüdelt essich. Ob aber in dem, lvie ich gern zligebe, fortgeschritteneren Norden die Sache der Frauen, besollders der jüdischen Fraueil des Mittelstaildes lvirklich so glatt liegt nnb solche Erfolge zu verzeichnen hat, wie Frau Neißer sie so begeistert schildert, lllöchte ich doch dahingestellt seili lassen; denn unter anderem erhielt ich betreffs des belvllßtell Artikels von einem Herrn Dr. S. aus Berliil eine Zuschrift, in welcher derselbe meine Klage in der besprocheuen Misere durchaus nicht widerlegte, solldern, sie bestätigend, mir einige Willke gab, u>ie derselben vielleicht 31t steuern wäre, mit der Bitte, sie meinem Bekanntenkreise möglichst eiuzniulpfen. Der geehrte Herr lvird mir gütigst verzeihcll, wenn ich einige seiner vorzüglichen Ausführungen hier lnörtlich lviedergebe. Herr Dr. S. schreibt: „Ich glaube, daß die Lösullg der Fraucnsrage, solveit solche die Jüdinnen betrifft, noch viel komplizliter ist als diejenige im Attgemeinell. weil bei den jüdischen Eltcrli. besollders jüdischen Müttern der Gedailke zu sehr eingelvurzett ist, daß ein Mädchen unter allen Umständeil heirathen müsse. — Dieser Gedanke, dieses Streben, Töchter nur jitu Ehe zu erziehen, die Fllrcht, daß eine Ausbildung für einen bestimmten Erlverbszlveig die Lllst zum Heirathen verulindern fonnte, sind die größten Hindernisse für die Lösung der Franeilsrage in Ihrem Sinne, geehlte Fron. Währelld christliche Eltern es dem Zufall überlassen, ob ihre Tochter einen männlichen Gefährten für das Leben finden oder nicht, setzen jüdische alle Hebel in Bewegung, einen Schwiegersohn zu erhalten. Sie opfern die Ersparllisse einer gailzen langen Lebensarbeit, um ihre Töchter mit Mitgift auszustatten, und tuenu feine eigenen Mittel vorhandeil sind. > lverdell bessersitnirte Verlvalldte in Belvegung gesetzt, um solche zu schaffen und die Verheirathlmg der Töchter unter allen Umständen zu ermöglichen. Selbst lveiln mit einem oder dem anderen Schlviegersohn schon schlimlne Erfahrllllgell gelnacht lunvbeu, werdell doch nocli bei einer jüngeren Tochter die letztell Groschen zusamlllengesllcbt, nm dieselbe aus die gleiche Weise an deil Mann zll bringen. Die alten Eltern gebeli oft genug das letzte, sauer ersparte Verulögen dahin, quälen sieb bis zu ihrelli Tode, wobei ihnen noch die ewige Sorge um diese Töchter, welche mit ihren Männern Nahrnngssorgen theilen, bei 1 Lebensabend trübt."