Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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keine Orgel wünscht in seiner Gemeinde und die Synagoge deshalb nicht betreten will, dagegen je mehr, je lieber mit Orgel feinen Segen auswärts bei Trauungen spendet! Mit Freuden dürsten wir eine Zeit begrüben, wo jeder Jude offen und ehrlich für sein Judenthum kämpft und alle Heuchelei schwindet. Zur Ehre des Judenthums, zur Selbsterhaltuug desselben wäre es indeßuothwendig, daß die an gnteLuft gewöhntenBayern jedem Dunkelmann am Wahltage die gebührende Antwort ertheilten. Oesterreich - Ungarn. Q Wien, 14. Mai. Am 10. d. M. wurde Leopold Hilsner aus seiner Haft im Kreisgerichtsgebäude zu Kuttenberg in Begleitung zweier Gendarmen zuerst nach Sedlec und von da nach Pisek geführt, wo bekanntlich das neuerliche Gerichtsverfahren stattfiuden wird. Gott gebe, daß dieses, wenn auch nicht die völlige Unschuld dieses verkommenen Menschen — so doch die grundlose Beschuldigung darthue, unter der unsere armen Glaubensgenossen dort so viel zu erdulden hatten! — Der Vertreter der Brunner Handelskannner int Landtage, Rudolph Auspitz, hat ans Gesundheitsrücksichten sein Mandat niedergelegt. Seit bem Jahre 1871 vertrat er ununterbrochen zuerst die Stadt Gaya und daun die Brünner Kammer im Landtage. — Der Kaiser hat dem Oberingenieur Leo El bogen das Ritterkreuz des Franz-Josefs-Ordens verliehen und den Dozenten an der deutschen technischen Hochschule in Prag, Ludwig Storch, zum außerordentlichen Professor au der genannten Hochschule ernaunt. — Ein mehr als alberner Brauch scheint in jüdischen Gemeinden Oesterreichs Anklang zu finden. Sie verlangen nämlich bei der Ausschreibung einer Ra b b i n e r st e ll e von den Bewerbern — die Photographie. Unglaublich, aber wahr. Und was noch unglaublicher ist, es finden sich zahlreiche Bewerber, die dieses thörichte Verlangen erfüllen. Unser österreichisches Judenthum kommt wirklich der Gefahr, sich völlig zu veräußerlichen, immer näher.— Irr der vorigen Woche fand, wie ich Ihnen schon berichtet, in Lemberg ein Gemeindetag statt. Und wissen Sie, was das wichtigste Resultat der zweitägigen. mitunter sehr stürmischen Berathungen war? Nicht etwa ein Versuch, die großen Schäden und die ökonomische Nothlage zu beseitigen, sondern vielmehr die Annahme des Antrages, daß in allen Gemeindeangelegenheite», Galiziens — die polnische Sprache die alleinige Amtssprache werde! Don Nah und Fern. — Kommerzienrath Bernhard Loeser hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Zu Handelsrichtern sind ernannt: die Herren Berthold Lewy, der Kaufmann Ludwig Reiche in Berlin. — Dem Bankier Ernst Joachim Meyer zu Berlin wurde der Charakter als Kommerziellrath verliehen. — Der verdienstvolle Sekretär des Oest.-ungar. Hilfsvereins in Berlin, Fabrikbesitzer Jakob Gut f eld hat vom Kaiser voll Oesterreich den erblichell Adel erhalten. — Am 10. ist hierFrauDr. Emma Adelheiul, geb. Engel aus Breslall, Dame des Louisenordeils. im 71. Lebensjahre gestorben. — Der städtische Baumeister Georg Matzdorff, der in hervorragender Weise bei der Errichtllllg desTrinmphbogeus zum Empfang des Kaisers beschäftigt lvar, hat das Ritterkreilz des Franz Josef-Ordens erhalten. — In Schiv elb e i ll feierte am 10. d. das Lollis Lewin'sche Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit. Des Morgeils um 7 Uhr erschiell im Aufträge des Kriegervereins, dessen Mitglied Lewin seit der Grülldnllg ist, die städtische Musikkapelle, um dem Jubilar und der Jubilarin ein Ständchell zu bringen. Um 11 Uhr brachten verschiedene Herren der jüdtschen Genleinde, geführt voul Prediger Saul, ulld eine Deputation des Kriegervereins, an deren Spitze Hauptmann v. Breitellbach stand, denr Jubelpaare ihre Glückwünsche dar. — Der Bericht über die Jacobson-Schule in Seesen, den der Direktor Professor Dr. E. Philippson erstattet, konstatirt, daß in dem Kuratorium und Lehrerkollegium fein Wechsel eingetreten ist. Die Anstalt wurde von 133 Juden und 144 Christell besucht; davon waren 154 Hausschüler ltnb 123 Stadtschüler. Seit Ostern 1870 haben im Ganzen 588 Schüler die vorschriftsmäßige Reifeprüfung an der Allstalt bestanden. — In Hannover fand eill „deutsch-nationaler Handlungsgehilfentag" statt. Paragraph 6 seiner Satzungen lautet: „Inden und sich in einem bewußtell Gegensätze zum Deutschthurn befindliche Angehörige könllen keillerlei Milgliedsrechte erwerben." Dazu bealltragte ein Mitglied i die Einsügung des Wortes „Sozialdemokraten" hinter „Inden".! Der Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. — Jll Köln lvurde laut Beschluß der Stadtverordneten - Versammlung die Gesammtkosten des jüdischen Religionsunterrichts in ben höheren Lehranstalten auf die Stadt übernommen, wie dies bereits ill anbeven rheinischen Städten der Fall ist. Bisher wurden die Kosten zur Hälfte von der Stadt, zur andereil Hälfte von der jüdischell ' Genleinde getragen. Dieselben beliefeil sich auf 1350 Mark. — Jll Memmingeil wnrdell, nachdem erst vor kurzem all verschiedenen Straßelleckell der Stadt Pamphlete augeklebt waren, um Mitternacht ein Attentat gegell die Häuser verschiedeller jüdischer Familien unterilonlmen. iildenl judenseindlich gesinnte Personen die Fenster der Schlafzinlmer mit Steinen bombardirten. Die israelitische Genleinde setzt eine Belohnung von 50 Mark für Ermittelung der Thäter ails. — In München ist anl 13. d. der pellsionirte Generalmusikdirektor Hermanll Levi im 61. Lebensjahre gestorbell. Um allen Glorifikationen dieses berühmten Mllsikers in der jüdischen Presse vorzllbeligen, .bemerke»! tvir, daß derselbe vor einigen Jahrell — anläßlich seiner Verheirathnng — aus dem Jndenthnnl ausgetreten ist. — In dem Jahrzehnt voll 1871—1880 heiratheten in W ü rtte Nl b erg 822 jüdische Mällner jüdische Frauen. 11 evangelische und 3 katholische Frauen. 4 jüdische Frauel» heiratheten evangelische urld 2 katholische Männer. In dem Jahrzehnt von 1881—1890 heiratheten 799 jüdische Männer jüdische Frauen. Dagegen schlossen 23 jüdische Männer Mischehen. Von 1891—1896 heiratheten 500 jüdische Frauen, währelld 18 Mischehell schlossen. Bezüglich der Frauen, welche Mischehell schlosserl, fehlen die Allgabeil seit 1881. In» Ganzen ergiebt sich doch eine erhebliche Steigerllng der Mischehen. — In Baden existirten am 1. Dezember 1890 4448 jüdische Ehen und 69 jüdisch-christliche Mischehen. Dallach scheiilt in Baden die Mischehe noch nicht sehr häufig vorzllkolnlnell. — Moses Lnzzatto in Triest wurde zun» Vizepräsidenten des dortigen Stadtraths gewählt. — Von dem Congres international d'histoire des religions, der in Paris vom 3.—9. September tagt, ist mit zwei all deren schwedischen Gelehrten Rabbiner Professor Dr. G. Klein ill Stockholm zum korrespondirendell Mitglied ernannt worden. Er wird einen Vortrag über den Eiilfluß des Essäismus auf das Vorchristenthum halten. — Jll Rom wurde am 12. d. der Abgeordnete Attilio Lnzzatto, der Direktor und Begrüllder der „Tribllna", vonl Schlage getroffell und war sofort todt. Lnzzatto war nicht nur einer oer hervorragendsten Pllblizisten Italiens, sondern auch ein großer Philantrop. — Der in Lodz verstorbelle Großindustrielle Israel Posnanski vermachte 500 000 Rubel zu verschiedellell Wohlthätigkeitszweckell. Unabhängig davoll stifteteil die Erben des Verstorbenen zu gleichen Zweckell 600 000 Rubel. — In Odessa lvnrden 8 Bauern wegen der Judenexzesse in Nikolajew zn je 1 Monat Arrest verurtheilt. — Bei der Dankandienz, »velche der neue Großrabbiner von Bul garien, Dr. Ehrenpreis beim Fürstell Ferdinand nahm, erklärte dieser, sein sehnlichster Wunsch sei die Gleichberechtigung der ill seinem Lallde wohllendell Juden mit den anderen /tonfeffionen, ulld beauftragte den Großrabbiner mit der Unterbreitung von Vorschlägen zur Hebung der Kultur der bulgarischen Inden und Organisation ihrer Gemeinden. — Fräulein S. Unger, Leiterill der Mädchenschule der Alliance israelite universelle in Adrianopel, eine geborene Bonnerill, hat dell Schafakat-Ordell III. Klasse erhalten. — Das Mount- Sinai-Hospital ill New-Iork, welches jetzt einen großartigen Neubau errichtet, der auf 1 500 000 Dollars veranschlagt wird, hat von den Kindern des Herrn» M eyer- G n ggenh eim ein Geschenk voll 200 000 Dollars und voll Herrn Henry L. Ei n st ein 125 000Dollars erhalten. — Zllm Grobpräsidenten des Benai-Berith-Ordens ist ill der Logenkonvention zu Chikago der Advokat Leo N. Levi gewählt lvorden, der sich durch feine Rede in der letzten Sitzung des amerikanischen Gemeindebundes bekanllt gemacht hat. — Interessant ist tot THatsache, daß auch unter den Buschmänneril ans Australien bekaillltlich eine Elitetruppe, die sich durch besonders gutes Reitel und Sclneßen auszeichnet. sich einige Juden befinden, in dem Kontillgent von Westaustralien unter 125 Mann zwei Juden: Solomon und Saunders. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.