Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 befriedigend und ihr Betragen gut. Die finanzielle Lage hat sich erfreulicherweise recht günstig gestaltet. Das Vermögen hat sich um rund 5000 Mark vermehrt, außer eineul Legat des Herrn I. Samuel von 3000 Mark, die erst im laufenden Jahre ausbezahlt worden sind. Das Gesammtvermögen beläuft sich auf Mark 153 853,15. Die Ausgaben betrugen in diesem Jahre Mark 9086,86, die Einuahmen Mark 9784,25. Von den der Anstalt gemachten Zuwendungen nennen wir folgende größere Beträge: 1500 Mark Legat der Frau Pach, verwittwete Lisser, Berlin; 1000 Mark Legat des Herrn Gustav Kocheini, hier; 1000 Mark Legal des Herrn Hermann Nitzewoller, Stargard i. P.; •')00 Mark von Herrn Leopold Inda, hier; 300 Mark von Herrn Rechtsanwalt Pinner und Frau Direktor Landesmann, Berlin; 100 Mark von Geschwister Samuel, hier. Der Vorstand des Israelitischen Waisenhauses besieht alls den Herren: Gotthold Lewh, Moritz Moses, Sigismund Braun, Sanitätsrath Dr. Freher, Rechtsanwalt Lurje. — Lisser i. P., 13. Mai. Der Verein j ü d. Lehrer der Ostprovinzen wird seine 12. Jahresversammlung den 5. Juni d. I. hierselbst in Ottos Hotel abhalten. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Begrüßung und Berichterstattung, 2. Kassenbericht, 3. Vortrag über das Verbandsthema: „Soll die shsteinatische Neligionslehre in der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichtsgegenstaud behandelt werden?" von Hamel - Rawitsch und Lachmann - Flatow, l. Vortrag: „Aus der Vergangenheit der Inden des Landes Posen^ 5. Anträge aus der Mitte der Versammlung. 6. Bestimmung des Tages und Ortes der nächsten Versammlung. Anmeldung von Vorträgen für dieselbe. L. Hannover, 14. Mai. Das Andenken des schon vor vielen Zähren verstorbenen Professors Frensdorff wird lvohl nie dein Gedächtnisse derer entschwinden, die die hohen Geistesgaben imb Charaktereigenschaften des Heimgegangenen faunteu. In der verflossenen Woche jedoch wurde die Erinnerung an den verstorbenen Gelehrten durch den Tod seiner Lebensgefährtin, der Frau Professor Ro falle F re Ilsdorfs. wieder von neuem angeregt. Die Verstorbene war dem berühmten Gelehrten eine verständnisvolle Gefährtin, dem herzensguten Manne eine liebevolle Gattin, den Armen und Bedürftigen eine Trösterin. Bis in ihr hohes Alter bewahrte sie ihre Geistesfrische und für alles Hohe und Edle zeigte sie stets das regste Interesse. Der Leichenzug bewies, welcher Achtung und Liebe sich die Verblichene erfreute. Das Lehrerkollegium und die Schüler der hiesigen jüdischen Lehrerbildungsanstalt folgten in corpore der sterblichen Hülle der Gattin des ersten Leiters und Mitbegründers ihrer Anstalt. Herr Landrabbiner Dr. Gronemann und Herr Seminardirektor Dr. Kualler beleuchteten in ihren Reden den Lebensgang einer hochherzigen, frommen, geistreichen Frau. — Für Herril S. Neuberg, der zum zweiten Vorsteher gewählt wurde, ist Herr Senator Fischer zum Vorstandsmitgliede erwählt worden. Derselbe war seiner Zeit Vorsteher der Gemeinde Linden bei Hannover, lange Zeit Repräsentant und Synagogenvorsteher der hiesigen Gemeinde und ist Vorstandsmitglied einer großen Zahl von Wohlthätigkeitsvereinen. Er hat stets Interesse für ms allgemeine Wohl gezeigt, und die Wahl des verdienstvollen Mannes wurde in allen Schichten der jüdischen Bevölkerluig freudig begrüßt.— Tür den jüngst verstorbenen Justizrath Benfey ist Herr Bankier Emil Meyer zuni Schatzmeister des hiesigen jüdischen Lehrerseminars mannt worden. Herr Enlil Meyer zeigt ein warmes Herz für alle leiftigeu Bestrebungen der hiesigen Gemeinde und wirkt Gutes, wie s von jeher in dieser Familie Tradition war. W Paderborn, 15. Mai. Heute Morgen begaben sich der Vorstand der hiesigen Synagogengeuieinde, die Herren H. Kaß, 3. Stein und A. Hesse, und deren Prediger Herr Weiler in die lüohnu ng des nenerwählten Bischofs vonPaderbo r n, Herrn Oomprobst, Professor A. Wilhelm Schneider, um denl hochwürdigen gerrn die Glückwünsche der Gemeinde zu seiner am 10. d. M. erfolgtet! Vahl als Bischof von Paderborn zu überbringen. Die Deputation vurde in znvorkomnlenster. leutseligster Weise empfangen. Nachdem )err Kaß in wenigen Worten dein hochlvürdigen Bischof den Glückwunsch der Gemeinde ausgesprochen, erwiderte der hohe Herr ungefähr uit folgenden Worten: „Meine Herren! Es freut mich außerordentlich 5ie bei mir zu sehen und danke ihnen herzlich für Ihre große Aufmerksamkeit. die Sie mir durch ihren Besuch erwiesen und mich hierdurch erfreuten. Ich werde Ihrer Gemeinde jederzeit wohlgesinnt bleiben." Herr Prediger Weiler ergriff hierauf das Wort zu folgender Erwiderung: Hochwürdigster Herr Bischof! Nachdem Ew. Bischöfliche Gnade die Glückwünsche unserer Gemeinde durch deren Vorstand so wohlwollend entgegengenommen und so huldvoll erwidert, gestatten Ew. Hochwürden auch mir nochmals, als deni geistlichen Vertreter, der Synagogengemeinde, meine herzinnigsten Glück-und Segenswünsche zu deren Erwählung als Bischof von Paderborn entgegenzubringen. Ich glaube auch sicher im Sinne aller meiner Glaubensgenossen der großen, weitverzweigter! Diöcese Paderborns zu sprechen, wenn ich Ew. Hochwnrden auch in deren Namen beglückwünsche. Möge Ew. Hochwnrden es vergönnt sein, als Bischof von Paderborn, den Hirtenstab der Diözese allezeit zu sichren zum Segen, Heil und Frieden Aller, ml multos, multos unnos!“ Sichtlich ergriffen, reichte der hochwürdige Herr dem Sprecher dankend die Hand und sprach dann noch in erhebender Weise über die Lehren der heiligen Religion, über die göttliche Offenbarung, über Israel, dem Träger und Erhalter des Monotheismus, dabei replizirend auf die traurige Erscheinung des modernen Heidenthums. Nebenbei erwähnte er auch das Werk eines geschätzten jüdischen Gelehrten, der aber in diesem Buche leider „die Göttlichkeit der Offenbarung am Sinai" wegphilosophire. In einem seiner Werke hatte er auch als Professor der Moraltheologie im hiesigen Priesterseminar daher gegen diese Auffassung des betreffenden Verfassers scharfe Stellung genommen. — Derselbe schloß alsdann mit den Worten „Beobachte!; unv stets Alle die zehn Gebote, die Gesetze der Moral und Sittlichkeit, suchen wir die vielen gemeinschaftlichen Berührungspunkte unserer Religionen hochznhalten, dann können lvir. meine Herren, in Frieden und friedlich mit- und nebeneinander bestehen." — Nach kurzer Zeit verabschiedete sich alsdann die Deputation mit dem erfreuenden Bewußtsein der gemachten Wahrnehmung, daß die Diözese Paderborn zu dem nenerwählten Oberhirten sich beglückwünschen kann. m, 11. Mai. Die israelitische 'Lehrerkonferenz Hessens wird ihre 32. Jahresversammlung am 6. Juni zu Marburg abhalteu. Zu den wichtigsten Gegenständen der Tagesordnung gehört wohl die Vorbereitung einer neuen Auflage des in den hessischen Schulen allgemein eingeführteu Dr. Stein'schen Lesebuches. Zu diesem Zwecke hatte die 31. Jahresversammlung eine Kommission eingesetzt, welche vor kurzem ihre Arbeit begonnen hat. Mit die schwierigste Aufgabe wird wohl die Vermehrung des religiösen und jüdisch-nationalen Stoffes sein. Gerade die klassischen Darstellungen aus diesen Gebieten sind spärlich vorhanden, und die vorhandenen sind zudem meist unbekannt. Die Kommission erbittet daher hiermit die Unterstützung jüdischer Gelehrter, Schulmänner und Schriftsteller, sei es durch Zusendung oder auch nur Angabe solcher Stoffe und ihrer Quellen, sei es durch eigene Darstellung solcher Stoffe. Etlvaige gefl. Zusendungen erbittet die Kommission zu Händen des Lehrers Amzam in Borken (Reg.- Bez. Cassel). 8. Alts Bayern, im Mai. Heute kann ich den geschätzten Lesern dieser Zeitung von dem Anstauchen einer vierten Richtung im Judenthum berichten; eine ganz neue Art von Dunkelmännern hat sich breit gemacht und sucht ihr Judenthum als das einzig richtige zur Erlangung der Seligkeit zu verkünde«. In einen! bekannten bayrischen Badeort soll ein Rabbiner gewählt werden. Schon seit längerer Zeit pilgern dorthin ohne jede Vergütung viele sehr fromme Herren, um in erbaulichen Predigten dem „ganzen Volke" ihr Können zu zeigen. Bei Reichsnni> Landtagswahlen ist es nun bei den Junkern gebräuchlich, den Bauern Getränke rc. zu verabreichen; auch in unserem lieblichen Badeort hat ein jeder etwas bekommen, und zlvar nichts weiter als ein Flugblatt eines entweder auffällig beschränkten oder dem Begriff des wahren, bescheidenen Israeliten sehr fern stehenden Mannes. Wie wohl vielen Leser bekannt, besteht in unserer Gegend eine Rabbirierdynastie, wo der Säugling schon zum Rabbiner bestimmt wird, selbst lveun der Jüngling noch so unfähig ist. Dr. Israel Hildesheimer hat umsonst gewirkt; seine Schüler sind Reformer, also erklärt der fromme Herr, der sich jedenfalls von den Orthodoxen durch eine andere Art des Umbiudens des Taschentuches unterscheidet, seinen Lesern! — Unser heimisches Jndenthum scheint indes; nicht zu erschlaffen, wir gehen nur schrittlveise rückwärts. Liberale Rabbiner, denen es iu Orgelsynagogen bisher ganz gut paßte, stört plötzlich das Instrument. Ganz besonders interessant dürfte auch die Erklärung des Rabbiners einer Großgenieinde sein, der