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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-18 · Heft 20 (18.5.1900) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
Seite 239 (sequence 13)
Language
German
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239 Wie die vorzügliche Vertretung Skandi nuvieu s in der Abtheilung „Gemälde" den Lichtpunkt bildet, so bilden auch für unseren Rundgallg die Werke eines Glaubensgellossen alls Stockholm, G. Salomon, in dieselll Jahre den „clou", lvenn eine derartige Bezeichuullg der schlichterl Art dieses greisen Künstlers, dessen Selbstbildniß wir in Saal 17 sehen, überhaupt sympathisch ist. Eine tiefgehende Erregllng über Sittlichkeit itnb Ullsittlichkeit in der Kllllst, veranlaßt durch einen abgeschulackt eigenartigen, unser Parlament lmd die bestell Köpfe der Natioll beschäftigendell Gesetzentwurf, geht zur Zeit durch lveite Kreise des deutschen Volkes. Wie das Judenthlnn über Sittlichkeit denkt, lvie unsere Propheten gegen den Dienst der Astarte und gegen alle sinnlichen Allsschreitungen, die das Reille nlld Ideale des jüdischen Gottesgedankens ersticken könnten, geeifert habell, ist bekannt. Witt mall ein typisches Vorbild dafür haben, wie gerade denl mitten: im modernen Leben schaffendell jüdischell Künstler das Phantastische und das auf den Sinnenkitzel Berechnete in tiefster Seele fremd und zuwider sind, so betrachte Ulan außer deul Selbstbildniß Salolnons im Saal 17 sein schönes Genrebild „Einsegnung der Sabbathlichte" in denl benachbarten Saal 19. Der ruhig beobachtende Blick dieses alten Manlies mit dem weißen Bart und der feillgeflügelten Nase kennt bei aller denr Künstler nothwendigen sinnlichen Anschallungsgabe doch keinen Hauch voll Frivolität, — diese rllhige Würde niacht in unserer zerfahrenen Zeit einen geradezu erhebenden Eindruck. Eill solcher echterKüllstler, dem alle gemachte Genialität frellld ist und der denWerth desWortes kellnt„Genie ist Fleiß", lvar der rechte Mnllll für die Darstettllllg dieses jedem jüdischell Killde ullausloschlich in die Erinnerung geprägten Vorganges, des Lichtbellschens beim Sabbatheingaug. So mancher Beschauer, der beni Judenthunl halb entfremdet ist, lvird sich in der Erinnerlmg an das Elterllhaus einer tiefen Rührung nicht erwehren fönnen, loeiut er hier cm dem festlich zum Sabbath gedeckten Tische eine junge Frair mit inbrüllstig llach oben gekehrtem Blick segllend die Hällde über den Sabbathleuchter breiten sieht, lvährend die ältere Frau an der anderell Seite des Tisches, auf deill wir die Barches unter dein üblichen Deckchen, den Kidduschwein und einen Blumelistranst benierken, ebenfalls segnend die Hände emporhebt. Die männlichen Glieder der Familie silld wohl noch im Gotteshause; an etwas Anderes wagell wir bei der ehrlich froillmen Stinumlng, welche das Bild athmet, nicht zu denken. Die gepolsterten Stühle um den von fünf Lichterll bestrahlten Tisch benten auf eine gewisse Wohlhabenheit des Milieus. Das Bild des Mannes mit dem Käppchen auf dem Kopfe an der linken Seitenlvand interessirt ulls. Wir wissell nichts über die Familienverhältnisse dieses Hauses, mit dem wir noch einulal die herrliche Erhebung des eben einziehenden Sabbathfriedens mit genießen, wir wissell nicht, in welchem verwalldtschaftlichen Verhältnisse die alte Frau mit der Haube zu der jllngen Frau mit beu sehr schönen frischen Zügen steht, die ebenfalls ein kokettes Häubchen umrahnlt, — aber, wir ahnen, ja wir wissen, daß dieses ein echt jüdisches Halls ist, in das jetzt die Heiligkeit des herannahendell Sabbaths eingekehrt ist Der Vergleich mit den bekannten Oppenheimschen Bildern ails dem jüdischen Familienleben liegt nahe. Das Salomouffche Bild bietet nicht soviel kulturhistorisch Interessantes wie das effektvoll von Professor Oppenheim gemalte Seiteustück, aber es ist stimmungsvoller ulld erhebender. Als nur das dritte Bild G. Salomon's, „Bildnis; der Frau W.", das im Saale 27 hängt, allfsuchtell, konnten wir nicht ahlleli, daß es llns Gelegellheit bieten lverde, die Portraitkilnst des Bialers ailch in dem Punkte der Naturwahrheit und Treffähnlichkeit zu bewundern. Diese Darne - Frau Gerieralkonslll W. - hatten wir illdeß in Berlin gesehen und fennen gelernt; sie hat jetzt kurz nach denl Tode des Mannes, eines tüchtigell, ans kaufillämlischem Gebiet hervorragenden Glaubensgenossell, der allch lallge Jahre der jüdischen Gemeinde in Gothenburg vorgestalldeil hat, allch ben erlvachseueil Sohil verloren, den sie danlals der Heilkrulst der deutschen Aerzte anvertraute. Jil Trauer hat sie der Küllstler gemalt. Nebell den gllt getroffenell Zügen hat Saloillon allch den mit schwarzem Pelz besetzten Mantel solvie Details, loie die Granatbroche und die rothell Korallell, vorzüglich lviedergegebell. Die Zahl unserer Glaubensgenossen in Schlveden ist geringer als ihre geistige Bedeutung; Salomou nmd)t ihnen in küllstlerischer Beziehung in Berlill große Ehre. Da dem jüdischell Maler für die Behaildlullg jüdischer Stoffe keine staatlicheil Aufträge lvillken, die Zahl der Mäeene, loelche ein Bild, das einen jüdischen Stoff verkörpert, zll kaufeil geneigt silld, allch nur höchst gerillg ist, so ist der Muth zu belvnudern, mit dem Leopold Pilichowski (Lodz) an ieinem Stoff „Die Ernlüdetell" herangetreten ist. Allerdings, der leichte Hallch von Satire, den der Maler über diese beiben armen Juden, die ernlüdet auf der Freitreppe eitles vornehmen Hallses eingeschlafeil sind, ausgebreitet hat, wird vielleicht das Glück des Bildes lllachen, lveiln er lllls auch nicht syulpathisch ist. Ist doch das Loos eines lvallderndeil Juden so tragisch, das; ilns das Lächeln auf ben Lippen erstirbt, wenn wir ihn von Müdigkeit überwältigt auf der Rast vor eillem fremden Hause niedersillken sehen! Pilicholvski hat mehr den Humor herausgekehrt, loie scholl die übermäßige Länge der beiden nlagerell, in ebenso lauge Kaftane gehüllten Gestaltell — der eine mit Stock, der andere mit Regellschirnl bewaffnet — andeutet. Beide tragen Samnletillützen. Der eine schläft, den Kopf ganz tief auf ben linkeil Arm gestützt, der andere hat inx Schlaf den Kops leicht auf die Hand gelehrrt. Hoffelltlich willkt ihnerr beim Erlvachell die Wahrheit des Satzes.- Mesuko sclimis haobed „Süß ist der Schlaf des Arbeiters". - Hprechsaut. Geehrter Herr Redakteur! ^7tn Ihrer Zeitllllg voll! 4. Mai d. I. bringen Sie einen Artikel über eigenartige Schnlverhältnisse in der Stadt Hannover. illsbesondere eine ergangene Entscheidmig der Königl. Regierung ans Veraillassnng des Herrn Landrabbiners Dr. Gronemallll. Da nlln in der hiesigen Gemeinde sich unter ähnlichen Uinftänben solche Fälle abgespielt haben, so must eine Gesetzeslücke vorliegen, oder aber es solltell entsprechende Verordnungen von hoher Stelle begehrt werden. Wie damals hier, so ist auch, ilachdenl die „Denunziation" in Hannover geschehell, als „natürliche Folge" der Austritt alls dem Judenthmn erfolgt! Hierbei ist allerdings der Genleillde ihr gutes Recht gelvorden, aber der Ausgetretene hat endlich einen „wahrhaftigen Grund" gefunden, sich feinen gesetzlichen Pflichten zu entziehen, itnb kann nun sein Killd ohne die ihm wohl ohne Zweifel verhaßte jüdische Beeinflussung erziehen. Ist es schon tief zll beklagen, daß jüdische Eltern überhaupt die Halld dazu bieten, ihre Kinder dem christlichen Religionsunterrichte zu- *

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