Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- Seite 238 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Gemüthern Gedanken, Phantasie und Schönheitssinn zu ertödten. Sobald meine Kinder meiner ansichtig wurden, liehen sie ihre Schularbeiten liegen und stürmten auf mich zu. „Papa! Papa! Was hast ®n uns gebracht?" „Was soll ich euch denn brillgell, meine Lieben?" „Etwas Gutes, etlvas sehr, sehr Schölles." „Was soll ich euch schellkerl, ihr Heben Kleinen? Am liebsten schenkte ich ihnen einen köstlichen und höheren Gedallkell, eine fruchtbare ltub kräftigende Idee, die sie das ganze Leben lallg enlportragell ilnd arrfrecht erhalten solle. Doch ist es vergeblich, eine große Idee Allderen, selbst lUlseren ebenen Kindern, übertragen zu lvollen. Große Ideell vererbell sich nicht voll Persoll zll Persoll oder voll Geschlecht 31t Geschlecht. Eine Idee ist fein Gegenstand, kein äußerliches Ding. welches mall Anderen übertrageil oder von Anderen in Empfang nehmen könnte. Ideen, die lvir Allderen übertragen oder schenken, sind ihnell eine Bürde und hemmen den Gang ihrer natürlichen Entlvickelllng. Eine Idee muß das Prodllkt, die Ansstrahkllllg mlseres eigenpersölllichen Geisteslebens fein, aller ililserer moralischen und seelischen Kräfte. Sie lllnß innerlich mit einwachsen ltnb sich entfalten. Was nlan voll Anderen nnb sei es allch von beu eigenen Vorfahren, enrpfängt, wirft man wie einen zerbrochenen Scherbell voll sich, sobald er überflüssig lvird. Nur das, lvas ihr euch selbst in schwerem Ringell an Ideen und Gedanken erwerbell lverdet, lvird euch stets heilig ulld theller sein, wird euch als Wegweiser und Leitsterll im Drange des Lebens dienen. Was soll ich euch llun bringell, meine Kinderchen? Die unreifell Früchte, mit denen ich mich selber gellährt habe — Schade, damit eure gesunden, jungen Zähne stulllpf zll machen. Während ich uleinen Gedallkeu nachhing, hatten die Kinder ihre Schreibübmlgell beelldet und schritten all die Allsarbeitllllg ihrer anderen Anfgabell. Ich saß schweigend da und hörte zu — nnb es ward mir wulldersam traurig zll Mllthe dabei. Wie fremdartig ulntheten mich all die Sagen llnd Legenden all, mit welchen mall die jungell Kopfe vollstopft, Sagen voll thörichten Aberglaubens nnb unsittlicher Geschichten. . All das hindert die Entfaltung der geistigen nnb moralischen Triebkräfte in den Kindern, während ihnen Natur und Leben fremb bleibell. All dies entführt meine Kinder unendlich weit Hillweg von der Welt des Judenthums, Ulld versetzt sie in fremde Regionen, in dellen sie lliemals heimisch werdell köllnen . . . 10 Kislew. Heute betrat ich das Zimmer lneiner Kinder, während sie die hebräischen ßeftionen durchnahmen. „Papa," beklagte sich die Aelteste, das Hebräische ist so schlvierig. Schon seit einer Stunde lerne ich und kanll lloch gar llichts. Das Hebräische ist so ganz nnb gar nicht ähnlich dem Deutschen oder Frallzosischen." „Papa," fragte Rebekka, „wozu brauchen wir Hebräisch zu können? Kein Mellsch spricht ja diese Sprache .... Das Hebräische stört mich mtr im Studium der Musik llnd des Gesanges." „Hebräisch ist die Sprache deilles Volkes, die Sprache unserer Prophetell und Dichter der Bergallgenheit," wandte ich ein. „Aber", erwiederte Mirjam, „unser Volk spricht ja deutsch, russisch oder polilisch. Warum sagtest Du also, daß das Hebräische die Sprache nleines Volkes ist? Ich habe noch nie einen Juden gesehen, der Hebräisch spräche. Wozu müssen wir gerade Hebräisch lernen? Die Bücher ullserer Prophetell können wir ja auch in einer allderen Sprache lesell?" „Und die Schriften eures Vaters?" „Papa," sagte Rebekka, „warunl schreibst Du in einer Sprache, die nur Wellige verstehen? Schreib doch lieber so, daß Alle es lesen konnten." Und Moses nahm in einer bedächtigen Meise das Wort: „Papa, warum schreibst Dll Bücher nur für Große? Und noch dazu in einer Sprache, die wir llicht verstehen? Schreib doch kteille Büchlein für uns, damit wir auch lesen komleil, Papa." „Schreib, schreib, Papa, Heine Büchelchen für uns und alle anderell Kinder," riefen alle unter gros.em Lärm, und in meinen Ohren tonten die Verse:l) Die Jugend, die llils folgt auf unfern Bahnen. Wie ist sie fremd geworden ihren Ahnen! Sie eilt dahin, stets neue Pläne webend, . Stets rastlos drängend, unaufhaltsanl strebend. Wie weit? Wohin? Vielleicht in jenes Land. Alls dem uns eine Rückkehr nie bekannt! Eill schrecklicher Gedallke, der mich lvie ein Dolch durchbohrt. Ich arbeite an der Wiederbelebmlg der hebräischell Sprache, und meine eigellen Kinder .... Werden sie meine Lehren befolgen? Ich bemühe mich, sie durch meille Erziehung nach der eitlen Seite 311 ziehen, und das ßeben und die Umgebung ziehen sie nach der elltgegengesetztell Richtllng. Zwei Mächte stehen einander gegenüber. Wer wird bcn andern besiegen? . . . -Xk- Der Salon 1900. Von M. Fri edel> erg. I. ie diesjährige Kunstausstellung in, Ausstellungspark überragt namentlich an Reichhaltigkeit, zum Theil auch an innerem Werth erheblich die Mehrzahl der früheren akademischen Ausstellungen, unter denen sich naturgeinäß auch manches Mittelgut befinden muß und soll. Sollen doch auch strebende Anfänger — nicht Alle können Genies sein — hier aufgemuntert werden. Man braucht indeß nicht alle Bizarrerien in den Vordergrund zn hängen. Da man diese Lehre dieses Mal beherzigt hat, treten unter den 2236 Nummern des Katalogs ersichtlich weniger Nieten und Absonderlichkeiten als sonst Herbor, und man empfängt gleich bei einem ersten Rundgang einen vorzüglichen Eindruck. Auch Werke jüdischer und nichtjüdischer Künstler, deren Vorwurf direkt ans dem Stoffgebiet des Judenthums stamint oder an dasselbe angrenzt sind in erheblicher Anzahl vorhanden, und auch hier ragen mehrere Treffer besonders hervor. Zu diesem Erfolg des diesjährigen Salons hat eine große Zahl auswärtiger und ausländischer Künstler beigetragen, welche die Ausstellung mit guten und effektvollen Werken beschickt haben.? imnx «an nnn? iwai roirr onniwo an nw rw .nanp D’aSin Din nix nr .'nvnv ^mn irr ' izrz" i6 cwa .aipa nr ^ix