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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-18 · Heft 20 (18.5.1900) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
Seite 237 (sequence 11)
Language
German
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237 Bühnen und Konzertsäle der Welt machten, sondern auch, daß er einer der Erwecker und Neugestalter der modernen Jnstrumentirungskunst war und dadurch eine überaus bedeutende Wirkung auf seine Zeitgenossen und die kommenden Geschlechter ausübte. Ich habe bereits des Komponisten der „Jüdin", Halevh, Erwähnung gethan. Er muß hier gleich neben Meherbeer genannt werden, denn diese Oper, welche einen tragischen Stoff ans der Geschichte des Judenthums behandelt, schließt sich würdig den besten Werken des deutschen Komponisten an. Bon ihm kann man eigentlich eher behaupten, daß er das Judenthum in der Musik repräsentirte, denn nicht allein wählte er mit Vorliebe seine Stoffe aus jüdischen Kreisen, sondern er benutzte auch die jüdische Melodien in viel reicherem Maße wie je ein Opernkomponist vor oder nach ihrn. Für beu unvergleichlich hohen Werth namentlich der „Jüdin" spricht schon allein die Thatsache, daß diese Oper sich seit mehr als einem halben Jahrhundert — sie wurde zum ersten mal im Jahre 1835 aufgeführt — mit ungeschwächtem Erfolge auf allen größeren europäischen Bühnen erhalten hat. Im vorigen Jahre waren es 100 Jahre, seitdem Jaques Frommenthal Eli Halevy in Paris geboren wurde und man hat ihn arl seinem Säkulartage vielfach geehrt; und mit Recht, denn es gebührt ihm das Verdienst, daß er die Tragik des jüdischen Volksstanunes auch in der Musik verewigt hat, gerade wie Oppenheim in seinen Bildern die Schauer des religiösen Fanatismus in erschütternder Weise den Zeitgenossen zum Bewußtsein brachte. Aber auch sonst ist diese Oper aus echt jüdischen: Geiste hervorgegangell. Ich erinnere nur in dieser Beziehung an die dem 2. Akt angehörende Sabbathszeue, sowie an all die Momente von großer Innigkeit lmd Herzenswärme, an welchen die „Jüdin" so reich ist, die aus dem jüdischen Gemüth des Komponisten hervorquellen. Meyerbeer und Halovy haben in den „Hugenotten" und der „Jüdin" ein und denselben Gedanken verfolgt, llämlich „der Umnachtung des Geistes und der Verstockung des Herzens, die ein zum Fanatismus und Ausrottung Andersgläubiger entarteter und verkrüppelter Glaube zur Folge hat, in dessen roher, alle Baude der Menschheit zerreißenden Verthieruug einen erschütternden und bleiberlden Ausdruck in der Tonkunst zu geben." Währelid jedoch ersterer die Folgen religiöser Um duldsamkeit sich ausschließlich zwischen Christen, die überdies Angehörige ein und derselbell Nation sind, entwickeln läßt lind so den schreienden Gegensatz zwischen dem theoretischen und praktischen Christenthum uns vor die Seele führt, hat Halevy ohne Scheu direkt die sogenannte Judenfrage angeschnittell. Auch in einer anderen Oper „Le juif errant“, behandelt er diese musikalisch-soziale Frage. Außerordelltlich ist die Wirkung, welche Halevy nicht allein auf das französische Volk, sollderu auf die musikalisch Gebildetell aller Nationen ansgeübt hat; in der französischen großen Oper steht er fast unvergleichlich da, wie bedeutend auch ein Auber, ein Massellet und Gounod in ihrer Art sein mögen. Während das genannte berühmte Dioskurenpaar der großen Oper längst ins Schattenreich hinübergeschlummert, lebt noch unser Glaubensgenosse Karl Goldmark, der Konlponist der „Königill von Saba", in voller Rüstigkeit und Schaffensfreude. Der biblische Stoff zog ihn mächtig an; er bearbeitete ihn musikalisch mit der ganzen Gluth seiner Leidenschaft und seiner Liebe für die Geschichte und die Vergangenheit des jüdischen Volkes, nur daß darin keine Spur von irgend einer Tendenz zu finden ist. Obzwar er ein romantischer Musiker rst, hatte er doch von jeher schon durch seine Abstammung seille Vorliebe für die Phantastik und die Poesie des Orients bekulldet; gerade wie der letzte Romantiker der deutschen Dichtkunst, Heinrich Heine, der vom „Gallges" und der „Lotosblume" träumt, sich nach den „Rosen voll Schiras" sehllt und ironisch für einen, unglücklicher Weise in Deutschland geborenell persischen Dichter erklärt, oder wie Friedrich Schlegel, der Gatte der Dorothea Mendelssohn, der Tochter Moses Mendelssohns, welcher laut verkündete: „Im Orient müssen wir das höchste Romalltische suchen" lrnd ein Buch über die Sprache Ulld Weisheit der Inder schrieb. Unter den Lebenden giebt es keinen zweitell Tonkünstler, der es so wie er verstanden hätte, die Fremdartigkeit lind die „Fata Morgana" des Orients lind der Tobten, die Schlvüle und die Einwirkung ihres verzehrende Leidenschaften erregenden Grimnles, so wie die Seltsamkeit und besondere Natur ihrer Bewohner in gleich bezeichnenden und glühenden Tonfarben zu malen. Daß ihm aber auch das jüdische Gemüthslebeu eigen ist, hat er anr besten in seinem neuesten Werke „Das Heimchen ani Herd" bewiesen, einer Oper voll Duft, Poesie und herrlicher Herzenseiufalt. All den Ungar Karl Goldmark schließt sich der Oesterreicher Ignaz Brüll an; als ausgezeichneter und geschmackvoll Vortragender Pianist beginnend, als welcher er ein Klavierkonzert schrieb, machte er sich zuvörderst durch eine Orchesterserenade bekannt. Berühmt lvurde er aber erst durch seine reizende, im Jahre 1874 zum ersten Mal aufgeführte Couversatiousoper „Das goldene Kreuz" — zu der den Text ein jüdischer Dichter, S. H. v. Moseuthal, der Verfasser der „Deborah", geschrieben, — die sich bis heute auf dem Nepertoir aller deutschell Bühnen erhaltell hat. Während die bisher genannten großen Opernkonlponisten zumeist durch das stürmische Feuerihrer luusikalischen Leidenschaft ulld ihren großen Stil grandiose Wirkungen erzielten, that sich Ignaz Brüll mehr im Kammernlusikstil hervor, in welchem er in sehr wohlthuender Weise den Einfluß Schumanns und Melldelssohns erkennen läßt. EUILLETON In der Kinderstube. Ans den Erinnerungen eines hebräischen Schriftstellers. Mitgetheilt von R. Brainin. III. 3. Kislew. SS eute kam ich zu meinen Kindern. Sie faßen um den Tisch herum und schrieben ihre Aufgaben. Auch der Kleinste saß unter ihnen, hielt eine Feder in der Hand und zog mit großem Ernste sonderbare Striche und Arabeskenüberdas Papier. Ich war des Schreibens überdrüssig, wahrend meine Kleinen dasaßen und mit großem Bemühen ihre zarten Finger anstrengten, um eine feine, säuberliche Schrift herauszubringen. Irr der Schule überbürdet man sie mit mechanischer Schularbeit und mit Auswelldiglernen, dagen lvird die selbstthätige Arbeit des Geistes und des Herzens so wenig als möglich angeregt. Zum Glück gelingt es nicht ganz, in ben kindlichen

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