Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-18 · Heft 20 (18.5.1900) · p. Seite 236

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
Seite 236 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228386--56460-3292765
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

236 Aas Iudenthum in der Musik im 19. Jahrhundert. V»» Dr. Adolph « o h i> t. . I. y ls im Jahre 1852 Richard Warner seine berüchtigten Artikel unter obigem Titel schrieb, lvelche später auch als Separatabbruck erschienen und in seinen sännntlichen Werken gleichfalls zu finden sind, ging mit Recht ein Schrei der Entrüstung durch die Welt; denn es gehörte in der That eine krankhafte Phantasie und eine geradezu boshafte Seele dazu, gegen die jüdischen Tonkünstler die Beschuldigung zu erheben, daß sie die Musik gleichsam verjlldeteu, und daß ihre Leistungen nur deshalb, weil sie nicht als Christen geboren wurden, nünderwerthiger seien als diejenigen der Vollblut-Arier. Wenn ich also hier vom „Judenthnm in der Musik" spreche, so ist das, was ja eigentlich selbstverständlich ist, keineswegs im Sinne Richard Wagners gemeint,, sondern ich will hier hauptsächlich Nachweisen, welchen Antheil das Judeuthum unseres Jahrhunderts an der Musik genommen, namentlich aber die hervorragendsten Vertreter der Tonkunst in der Gegenwart unter unseren Glaubensgenossen näher zu charakterisiren suchen. Eine solche Untersuchung soll aufs Reue den Beweis führen, daß der jüdische Stamm zu der Kulturarbeit der Menschheit auch ans dem Gebiete der Musik fein geringes Scherfleiu beigetragen hat und noch beiträgt. Sie soll beweisen, daß das von den Antisemiten zuweilen ausgeheckte Märchen, als lvenn die jüdischen Künstler und Künstlerinnen es ans dem Gebiete der Tonkunst mit ihren christlichen Rivalen nicht aufnehmen könnten, jeglicher Begründung entbehrt; denn nichts kann abscheulicher sein als die Beschuldigung, welche von Wagner und seinen Satteliten vorgebracht worden ist, daß die Juden dem germanischen Staatswesen und unserer modernen Kultur in vieler Beziehung entfremdet und deshalb nicht im Stande seien, in jener Sprache, lvelche wie keine zweite eine universale ist und zu den Herzen Aller spricht, sich ebenso korrekt nnb ebenso harmonisch und empfiudungsreich auszudrücken wie ihre christlichen Nebenmenschen. Die Fanatiker des Arierthmns wollen mir die nationale deutsche Kunst anerkennen, als ob fremde Völker nicht gleichfalls große Tonheroen hervorgebracht hätten, und als ob gerade der Deutsche die Prärogative für sich in Anspruch nehmen könnte, ausschließlich das Gebiet der Musik mit bahnbrechenden Genies bereichert zu haben! Niemand wird z. B. den Franzosen, Russen, Tschechen, Ungarn und anderen Nationalitäten das Zeugniß vorenthalten können, daß auch sie einzelne Musiker hervorgebracht haben, welche zu den größten Meistern aller Zeiten und aller Völker gehören; gerade im Reiche der Frau Musika und der Frau Polyhhmnia hören die Nationalunterscheidllngen auf; hier, in der Weltrepublik der schaffenden Geister herrschen keine künstlich errichteten religiösen und Rassenzollschranken. Gehen wir nun zuvörderst auf die großen Komponisten unseres Jahrhunderts näher ein, so können wir nicht umhin, Giacvmo Meyerbeer unsere vollste Allerkennung zu zollen. Er hat bekanntlich durch sein nulsikälisches Genie es so weit gebracht, daß er Jahrzehllte hindurch das Opernrepertoir nicht nur in Deutschlarrd und in Frankreich, sondern auch in der ganzen gebildeten Welt beherrschte, und daß feilte hauptsächlichsten Opern, wie „Der Prophet", „Die Hugenotten" und „Die Afcikanerin" trotz der von Richard Wagner und seinen Gesinnungsgenossen gegen ihn Jahrzehnte hindurch systematisch betriebenen Hetze noch immer fleißig gegeben werden und uns durch ihren melodiösen Reichthum entzücken. Er hat hohe Aemter in Preußen eingenommen und sich des Vertrauens der Könige von Preußen in besonders reichem Maße erfreut, ohne daß er es nöthig hatte, durch die Taufe den Makel seiner Geburt zu tilgen. Es ist unleugbar, daß er. ein trefflicher Kenner der alten Musik, die alten jüdischen Melodien in einigen seiner Werke benutzt hat, was aber keineswegs ein Vorwurf sein soll, denn es geschah dies nicht etwa alls religiösen Beweggründen. solldern er hatte eben die Eigentümlichkeit, das Gute llnd das Schöne in der Musik überall zu nehmen, wo er es fand; man nennt dies gewöhnlich „Anlehnung", und selbst der originellste und geistreichste Tonkünstler ist direkt oder indirekt von dem Vorwurf einer solchen Anlehnung nicht ganz frei zu sprechen. Solche Melodien, besonders wenn man an sie aus der Jugendzeit noch gewöhnt ist, schleichen sich unwillkürlich in das Herz und die Seele und dadurch auch in die Partitur. Selbst sein großer Antipode Richard Wagner hat in seinen Mnsikdramen seine Vorgänger in ausgiebiger Weise benutzt, ohne daß von einem Plagiat hier die Rede sein könnte. Die syuagogaten Gesänge wurden übrigens auch von nichtdeutschen Komponisten jüdischer Abstammung vielfach verwerthet, so z. B. von dem Franzosen Halövy in seiner „Jüdin". Wie wenig sich der Maestro übrigens ausschließlich als nationaler Jude fühlte, beweist auch der Umstand, daß er es nicht verschmäht hat, einzelne Texte zu kompouiren, lvelche nichts welüger als einen Philosemitischen Stoff behandeln, so z. B. den „Propheten" und „Die Hugenotten", in welch letzterer Oper bekanntlich uns alle Schrecken der Bartolomäusnacht vorgeführt werden; ebenso ist in „Dinoräh" die fromme Wallfahrt nach Ploörmel musikalisch illustrirt. Durchaus auf deni Boden des traditionellen Judenthums stehend, war er in seinem Stil ein Kosmopolit, ein Bürger zweier Welten, und bewies, daß man nicht einseitig deutsch sein muß, um glänzende Schöpfungen Hervorbringen zu können. Ich möchte gerade im Gegelltheil behaupten.- in dieser eigenthümlichen Mischung deutscher, italienischer und französischer Elemente lag der besondere Reiz, welcher allen Musikwerken dieses Tonhelden eigenthümlich war. Höchstens kann man in seiner Komposition der Psalmen erkennen, daß Meyerbeer ein Sohn Israels war, denn dieselben sind mit den vollen Gluth und Innigkeit des wahren Gottesglaubens geschrieben. Trotz alledem verleugnet sich die deutsche Herkunft und die Schule des Tondichters selten; so ist z. B. die von Rambaut im ersten Akt von „Robert der Teufel" gesungene C.-ckm-Romanze so urdeutsch. daß man sie ebenso gut Meyerbeer als seinem Mitschüler und Freund Karl Maria v. Weber zuschreiben könnte; haucht uns doch auch ans ihr, lvie aus ähnlichen Weisen Webers, frische, deutsche Waldluft an, deren Wehen man überdies in der treuherzig deutschen Melodie dieses Stückes mit seiner duftigen Hörnerbegleitung und in seinem charakteristischen Rhythmus zu hören glaubt. Als Deutscher zeigt er sich ferner in dem Terzett des letzten Aktes von „Robert" sowie in dem Duett des zweiten Akts: „O welche Großmnth". Für die siegreiche Macht dieses musikalischen Genies spricht nicht alleili der Umstand, daß seine Werke die Runde durch die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.