Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- Seite 235 (sequence 9)
- Language
- German
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Wer hätte nicht wie er bemerkt, baß praktisches und ideales Jubenthum weit vifferireu! In meinem kleinen Heimathsstädtchen hat man bis zum Jahre 1867 noch „Kabboles Schabbes" gerufen. Dann ivnrden die Läden gesperrt, und die wenigen Kaufleute, die aas Gebot mißachteten, thaten bas bei verschlossenen Thüren. Jetzt ist wohl seit zivanzig Jahren in demselben Städtchen kein einziger Laben mehr amSabbath geschlossen. In Orten, welche erst seit dem Anbruch der modernen Aera den Juden geöffnet lvnrben, hat der Sabbath niemals im geschäftlichen Leben sich Geltung verschafft. In westeuropäischen Großstädten gehört ein amSabbath geschlossenes Geschäft zu den Kuriositäten. In Prag mit seiner neunhnndertjährigen jüdischen Tradition sind selbst die koscheren Fleischerläden am Sabbath geöffnet. In Frankfurt und in Hamburg wird der Sabbath wohl nur in Kontoren gehalten, au geschlossenen Läden erkennt mau ihn nicht. In Berlin, Wien, Paris, London, selbst in Lemberg und Preßburg, solvie in Amerika beschränkt sich die geschäftliche Sabbathfeier mit loenigen Ausnahmen auf das koschere Fleischnnd Wurstgeschäft und auf kleine Kramläden. Nur in Amsterdam, und auch da nur im jüdischen Viertel, sieht man die Sabbathstille mitten im Getümmel des großstädtischen Lebens. Ihr Korrespondent bemerkt mit Recht, baß es so gut wie unmöglich ist, einem jüdischen Handwerkslehrlinge einen Platz zu verschaffen, wo es ihm gestattet wäre, Sabbath-und Speisegesetze zu beobachten. Vor etwa zwanzig Jahren wollte ich einen Lehrling beim jüdischen Handwerksvereine in Wien nuterbringen. Herr Gemeinderath Simon, damals an der Spitze des Vereins, kam mir auf das Liebenswürdigste entgegen. Dadurch ermuthigt, rückte ich damit heraus, daß der Vater des Knaben wünsche, ihn den Sabbath halten zu lassen. Herr Simon mahnte eindringlich: „Lassen Sie den Gedanken fallen. Diese Wünsche kommen uns oft genug vor, sind aber fast unausführbar, und wenn es einmal gelingt, einem Knaben einen freien Sabbath zu verschaffen, so wird er dadurch nur in üble Gesellschaft gebracht und an Müßiggang gewöhnt." Die Verhältnisse haben sich seither leider nicht gebessert. Auch die Klage über das Unzeitgemäße des Ritus ist gewiß begründet. Sie ist ja auch schon seit einem Jahrhundert auf der Tagesordnung. Die Liturgie entspricht häufig weder unserem Gefühle noch unserem Geschmacke. Wir lasen am gestrigen Sabbath (24. März) den Abschnitt Para, der die Sühnvorschriften bei Verunreinigungen enthält. Diesem Ritus liegt der Gedanke zu Grunde, daß eines schönen Tages diese Vorschriften reaktivirt werden würden. Nehmen wir an, daß im Laufe eines Jahres hunderttausend Menschen mit einer Leiche unter einem Dache geweilt hätten, die jetzt, um das Pessachfest feiern zu können, die Sühneeremonien durchmachen müßten. Könnten wir uns daran erbauen, wenn ein Priester mit einem Wedel in der Hand alle Tage Tausende mit dem Sühuwasser besprengen würde? Schwerlich. Trotzdem prätendiren wir es in unserem Ritus. Soweit bin ich mit Ihrem Korrespondenten eines Sinnes. Hingegen ist sein Rath zur Abhilfe so aussichtslos, daß ich ihn nach Bismarcks bekanntem Worte das Unrechte Wanzenpulver nennen möchte. Ein Konsistorium müßte Macht haben. Die könnte es doch lvieder nur durch staatliche Unterstützung erhalten. Ist es möglich, daß die Geschichte der letzten hundert Jahre so spurlos an uns vorübergegangen sei? Hat uns die Komödie der französischen Notabelnversammlung mit dem aus ihr hervorgegaugeneu Synhedriou nicht eines Besseren belehrt? Beinahe ein Jahrhundert ist seither verflossen, aber Drumonts schmähliche Pamphlete finden reißenden Absatz. Dabei hat sich eine günstige Wirkung ans das innere Leben nicht gezeigt. Arthur Meyer und Madame Porges sind durch das Konsistorium nicht zu besserem Selbstbewußtsein erzogen lvorden. Man will ja auch in Berlin staatlichen Zwang für! den jüdischen Religionsunterricht erreichen. Erwartet man } davon eine bessere Stellung des Judenthums? Der Raub der 1 kleinen Michälina Araten ist ungesühut geblieben, obwohl der! österreichische Minister einigen jüdischen Religionslehrern eine; systemisirte Stelle verliehen hat. Envartet mau eine bessere - Wirksamkeit nach innen? Wie kommt es, daß in Wien in einem Jahre sich über 500 Juden taufen ließen, von denen der größte Theil zur gebildeten Klasse gehörte, daher 10—15 Jahre lang staatlich geschützten obligatorischen Religionsunterricht genossen hat? Der Ausgleich zwischen Ritus und moderner Anschauung hat trotz staatlicher Anerkennung iveder in Wien noch in Paris sich, auch nur aus das Niveau Berlins erhoben. Allerdings hat Ihr Korrespondent nicht geradezu von staatlich organisirten Konsistorien gesprochen. Hat er aber solche nicht gemeint, dann kann ihm ja alle Tage geholfen werden. Wer hindert denn die Gemeinden, sich zu freiwilligen Verbänden zusammenznschließen? Nur muß auch da jeder j Zwang vermieden werden. Beispiel und Belehrung allein j können Abhilfe bringen. Israel Jakobsohn hat mit seinem! konsistorialen Erlaß, das Verbot der Hülsenfrüchte am Pessach! aufzuheben, einen Schlag ins Wasser geführt. Die Rabbiner-! Versammlungen der vierziger Jahre, die Leipziger und Angsi burger Synoden, haben mit ihren Beschlüssen über das Gestatten der Benutzung von Straßenbahnen am Sabbath und dergl. kein einziges Genüssen beschwichtigt. Im Uebrigen werden derartige Organisationen immer mehr zur geistigen Tyrannei als zur geistigen Befreiung geneigt sein. Die Wahrheit dieses Ausspruches zeigt sich nicht nur in der katholischen Kirche, die das disziplinarische System zur höchsten Virtuosität ausgebildet hat, sondern selbst in der protestantischen Kirche. Der Oberkircheurath ist gegen Harnacks Bestätigung als Professor der Kircheugeschichte Sturm gelaufen, und jede Weile hören wir von Entlassung eines Pfarrers wegen ketzerischer Anschauungen. Bei der Errichtung des ersten Reformtempels hat sich nur e i n Rabbiner, Aron Ehoriu, gefunden, der die Reformen guthieß, und selbst er hat widerrufen. Damals ihat ein ungarischer Rabbiner bedauert, daß Ungarn kein Konsistorium habe, welches derartigen Neuerern die Flügel stutzen könnte. Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie ewig neu. Und wenn sie just passirte, Es kam' nichts heraus dabei.