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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-18 · Heft 20 (18.5.1900) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
Seite 234 (sequence 8)
Language
German
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284 - Millionen bewilligt, und nur nebenbei nnvb von dem eitlen oder anderen Delegirtell die Judenfrage gestreift, z. B. wenn es ihm auffüllt, daß zu wenig Judetl in der Armee seiet! u. s. w. Ich möchte Sie mit der Sache nicht weiter behelligen, ich habe es erst jüngst gethan. Leruisch heißt der Gewaltige, dem der Judenmangel in unserer Armee auffiel. Daß kein Jude Militär-Auditor werden kann, ist den naiven Seelen noch niemals aufgefallen. Ja Jude, - das ist etwas anderes. — Gewiß, die Juden find nie für Krieg gelvesen, sie sind ein friedliches, ent lammfrommes Volk. Sie schließen rasch Frieden mit ihren Feinden und beeilen sich, deren Mäuler zu stopfen. Auch in Holleschau herrscht wieder Friederl. Die Sache ist nämlich die: die jüdischen Geschäftsleute werden weiter boycotiirt. Was aber thuu die jüdischen Fabrikanten? Das sind Friedensleute. Darum eilen sie und geben denen zrl verdienen, welche bei den jüngsten Exzessen ben Pöbel gegen die Jtlden gereizt und zum Blutvergießen gehetzt haben. Das muß man sagen: wir haben wirklich gesinnungsstarke, selbstbelvußte jüdische Bürger unter uns, sie fördern das Wohl der Antiserniten, denll bei ihren; Wohl ist auch ihnen wohl. Es ist lvirklich herrlich schötl, in dieser Welt zu leben. Wie viele schölle Predigterr mögen anr vergangenen Passahfeste über jüdisches Selbstbelvußtsein, Freiheit, die wir meinen, Gesinnungstüchtigkeit und andere Tüchtigkeit gehalten worden sein? Die Antiserniten nlögen lachen; den vielen Worten"entsprechen desto geringere Thaten. Inzwischen breitet Lueger seine Herrschaft inurrer weiter aus. Er lacht der Noskes rrnd Ostlers und der Sozialdemokraten. dieser nlächtigen Schreier. Jhrn leilchter; die Soilnen, urrd mau erzählt, daß sich gar viele Inden auch mit seinem Regimente abgefrmdeu haben. Was sollen diese Wiener Inden auch heute thnn? Sollen sie mit denr grirrrmelr Hagerr — genarlut Wolf dem getreuen Jünger Schönerers gehen? Sollen sie mit den Großjnden die Gerneinbürgschaft aller Terltvllen verkünden? Oder sollen sie mit Dr. Victor Adler gehen? Mit jener Sozialdemokratie, welche nach den; Kanonensiltter der jüdischen Stimmeil schreit, unl bei Passender Gelegenheit derr Inder; einen Fußtritt zll versetzen? Was Wuirder, welln sich dieser Juden die Verzlveiflung bemächtigt, und sie das riicht mehr zu verhindern versrlcherr, was sie doch llicht verhindert; können. So zieht denn das Luegersche Regiment immer weitere Kreise, ulld die nächsten Wochen schon lverden es in seinem voller; Glanze zeige;;. Dann werden sich die Pforte;; des Parlarnents wieder öffnen, man wird von der 'virthschaftlichen Roth der Völker Oesterreichs sprechet!, von der Verarmung ganzer Bevölkerungsschichteu, vom Riedergange des Bauernstandes, vorn Sinken der Industrie, die Sozialisten werden heulen, die Christlich-Sozialen heimlich jubeln, die Deutschen schölle Reden halten r;nd die Tschechen werden abstiniren itiib der Schluß wird sein: Schluß des Parlamerlts. Soweit haben es unsere Staatsrnärlner gebracht. — Bon uns Inden kann man aber gegenwärtig lvirklich sage;;: „Wir wissen nicht, was wir thur; sollen." Aerger kann die Zerfahrenheit, welche unsere Reihen allflöst, nicht mehr werden. Von; starrsten Festhalten an den; vermoderter; Alten bis zur frivolsten Abtrüllnigkeit, also trete;; uns die extrelnen Erseheillurrgen im Judenlhum entgegen. Eine Versumpfung, ein „laßt es geschehen, laßt es gehen," das ist das erschreckliche Bild, welches uns eutgegerlstarrt. Dabei ein kleinliches Gezällke in phgmäenhaften Gemeindearlgelegenheiten, welches die bester; Kräfte aufzehrt und nns unfähig macht für die großen Kämpfe der Zeit. Ein Beispiel Ist es nicht jämmerlich anzusehen, wie in einer Zeit, die so große Fragen geschaffen, in Wien, der Großgemeinde Oesterreichs man höre, die Kantorenfrage seit Monaten die Jrldenschaft i; Athen; hält? Lieb Lueger magst ruhig sein, solange nichtjüdische Experten herangezogen werden, um zr; beurtheilen, wn russische, polnische, magyarische Kantoren das Schema ode; Lecho dvdi singen, ob Bariton oder Tenor derr Sieg davor tragen sollen, ob der Pollakei oder Magyarien der Vorrang gegeben werde, ob der Chasen oder der Opernsänger den Principal verdient — solange, sage ich, die Wiener Judenschaf: mit solchen „Kunstsragen" sich beschäftigt, magst du ruhig, d; und deine Genossen weiter arbeiten; diese Wiener Juden werde; dir keine Hindernisse in den Weg legen. Die Juden lverden sich ineiter aus den; Papier entrüsten sie werden flammende Proteste erlassen, ihre Rabbiner werden „geistreichelnd" ihre Bemerkungen dazu machen, gelegentlich wirk man sogar auf die Antisemiten schi;npfen, aber dabei wird Lueger groß, Gregorig dick und Strobach noch dicker. Ist ed nicht lächerlich, zu hören, daß vor nicht langer Zeit der Fabrik besitzer Auspitz zürn Ministerpräsidenten berufen wurde, ltm aus dessen Munde zu hören, die Rechte der Jrlden würden von Niemand ungestraft verletzt werden dürfen. Als läge den: Fabrikbesitzer, Millionär und Abgeordneten Auspitz etwas an den Rechten der Juden! Wissen denn die Geldmächtigen in der Residenz überhaupt etwas davon, daß solche Rechte jemals verletzt wurden? Sie überlassen es Noske und dem „Sozialpolitiker" Ofner unsere Rechte zrr vertheidigen. Darob großes Gelächter bei Schneider und Korrsorten. Es hat einmal Jemand gesagt: „Ich möchte auch lachen, rverm der Narr nicht n;ein wäre." Wir würden auch lachen, wenn wir nicht sähen, in welchen Händen unsere Verteidigung liegt, und aus unseren Rechten und unseren; Rechte täglich mehr und urehr emporwächst das häßlichste Unrecht. Iwri. Konsistorialrath, hilf! Line zeitgeschichtliche Betrachtung aus Amerika Von Professor Dr. G. Deutsch. ^M^n nreiner Heimath, einem kleinen, mährischen Städtchen, lebte vor etwa zwanzig Jahren ein jüdischer Veteran, der seine vierzehn Jahre in dem vormärzlichen Heere abgedient hatte und begreiflicherlveise in der Gesellschaft der aus den niedrigsten Elementen gebildeten Soldateska nicht verfeinert worden war. Natürlich hatten die vierzehrr Jahre des Kasernenlebens auch seine religiösen Anschauungen beeinflußt. Ein Kapitel der religiösen Gebräuche lvar ihm aber unverbrüchlich heilig, nämlich alles, was mit der Todtenbestattung zusammenhing. Von einen; bösartigen Gichtleiden heimgesucht, war er fortwährend von der Angst geplagt, daß er sterben körmte, ohne daß man an seinem Bette die üblichen Gebete verrichten würde. Kam es einmal schlimmer, so riß er das Fenster auf rrnd bat einen gerade Vorübergehenden zu ihm zu kommen. „Bruderleben" schluchzte er, „laß nrich nicht ohne Leut sterben!" Diese Geschichte fällt nur immer wieder ein, rvenn ich den Angstrnf nach einen; Konststoriun;, einer Synode oder einer

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