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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-18 · Heft 20 (18.5.1900) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
Seite 232 (sequence 6)
Language
German
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232 au dessen Spitze energische und umsichtige Männer treten sollen. Die Antisemiten sehen darin eine judenfeiridliche Tendenz; unter den russischen Juden giedt es aber welche, denen diese Organisation als ein Anfang zur Besserung erscheint. Nur die Verwaltung über die im Süden Rußlands gegründeten jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien soll noch für eine Reihe non Jahren der gemeinsamen Fürsorge des Ministeriums des Ackerbaues und des Finanzministeriums überlassen bleiben. Wir fürchten fast, daß die Antisemiten in diesem Falle Recht behalten werden. Jndeß ist in Rußland vom Plan bis zur Ausführung einer Organisation ein sehr weiter Weg. Aus Westpreußen. in kleines Bild der allgemeinen Situation in Westc Preußen infolge der Konitzer Mordaffäre, nicht aus ' Zeitungsberichten geschöpft, sondern ans persönlicher Anschauung, dürfte von Interesse sein. Die großen Unruhen haben zivar auch noch in jüngster Zeit in einzelnen Städten nicht nur in der Nähe jener zur traurigen Berühmtheit gewordenen Stadt, sondern auch in entfernten Ortschaften häßliche Auswüchse gezeitigt. Das Unkraut antisemitischer Aussaat wuchert eben üppig. Schade nur, daß die schöne Frühlingssonue auch solches bescheiut. So haben es kürzlich Leute am helllichten Tage gewagt, bei israelitischen Familien einzudringen, zu skaudaliren und Erpressungen zu versuchen. Bei dem Hotelier Prinz in Schöneck, woselbst, wie berichtet, neulich an mehreren Abenden arge Ausschreitungen stattgefunden, drang ein Mann am 27. April Nachmittags ein und verlangte ohne weiteres unentgeltlich Getränke, „da die Juden hier nichts mehr zu suchen haben;" glücklicherweise gehört der Besitzer nicht zu den Schwächlingen und gab dem Eindringling hiervon einen schlagenden Beiveis, ivelche Lektion von guter Wirkung war. Bei einem Kaufmann daselbst versuchte ein Manu Waareu auf Kredit zu entnehmen; als aber diesem Wunsche nicht stattgegebeu iverden konnte, erhob der radaulustige Bruder einen fürchterlichen Lärm und machte seinem Unmuth durch die Worte Lust: „Was, ihr wollt mir nicht geben! Gehört Euch denn dieses? Uns gehört es, ihr aber müßt hinaus", und dergleichen mehr freche Redensarten. Sogar dem Bürgermeister in diesem Städtchen — dieser ging Abends selbst durch die Straßen, um den Unruhen zu steuern (in Neustadt hat das Stadtoberhaupt sogar selbst Hand angelegt) — haben halbwüchsige irregeleitete Burschen auf die Aufforderung, sich ruhig zu Verhalten, die Worte entgegengebrüllt: „Sie haben uns gar nichts zu sagen!" Ein schönes Zeichen der Zeit. — In Dirschau war ein Krawall im Stillen vorbereitet gewesen, ist aber auf erstatteter Anzeige von der Polizei durch Festnahme des Rädelsführers im Keime erstickt worden. Derselbe war bereits ans die Schwelle eines jüdischen Ladeninhabers getreten und hatte unfläthige Worte ansgestoßen, um Händel anzufangeu. Das verhaftete vorbestrafte Subjekt erklärte dem ihn vernehmenden Polizeikommissarius offenherzig: „Wir sind llü Mann und wollten heute Abend anfangen, wir müssen ja Rache nehmen dafür, daß sie ihn abgeschlachtet haben." — Die „Danziger Allgemeine Zeitung" und ein polnisches Blättchen haben das traurige Verdienst, durch Verbreitung eines Pamphlets,' des bekannten Gedichtes „Die Inden haben einen Christ geschlacht' re.", den Pöbel ausgehetzt und geistig vergiftet zu haben. Es kehrt jedoch allmälig wieder Ruhe ein; hoffentlirz dauernd. Was aber zurückgeblieben ist, ist sehr bedauerlü, und von großer Tragiveite. Die Folgen jener traurigen Ereignisse sind, wenn auch nur stellenweise, Geschästsstockunge; in einzelnen Orten, und haben namentlich Diejenigen, denen e. nicht beschieden ist, ein Hausgeschäft zu betreiben, die vielmehr auf dem platten Lande ihr Brod suchen müssen, darunter sehr z i leiden. „Wir brauchen jetzt keine Juden", ist das Lofungswor Die allgemeine Ansicht geht dahin, wir gehen hier bösen Zeiten entgegen; man fragt sich, was soll hieraus werden, und ha. das peinigende Gefühl der Unsicherheit und den Wunsch ir: Herzen, Gott möge es bessern. Der Haß gegen unsere Glaubens genossen äußert sich überall und bei jeder Gelegenheit; e'u, Blick, eine Geberde, ein mißverstandenes Wort — von beide: Seiten — wird ängstlich beobachtet, erschreckt und ruft, wenn auch, wie sich später herausstellt, falsche Vorstellungen nn> damit eine Verstimmung der Gemüther hervor. Das Verkehren und Unterhalten ist nur künstlich, ober slächlich, mit unsicherem Gefühl, nagenden: Zweifel und peinlich Selbst solche christliche Personen, von denen man es vermag ihres bisherigen Verhaltens am wenigsten erwartet, machei beim geringsten Anlaß ihrer inneren, bisher verborgen gehaltene'. Stimmung durch gehässige Aeußerungen Luft, die autisemitiscl riechen und wenig Charakter verratheu. so daß mau verblüff dasteht, es nicht zu fassen vermag und nicht mehr weiß, wessen man sich zu versehen hat; solches erfahren auch Eisenbahn reisende und selbst unschuldige Schulkinder Nüssen ein Liedcher hiervon zu singen. Hier einige Beispiele zur Charakteristik der allgemeinen Situation. Da kommen zivei Schulkinder zun Produkteuhändler. um das mühsam Zusammeugesnchte in baar-. Münze umzusetzen; die Schwester schickt den sich „tapfer" zeigen den Bruder zum Laden hinein, bleibt aber selbst draußen vm der Thüre stehen. Auf die freundliche Frage des Händlers ivarum sie nicht auch hereinkomme, antwortete das Schul Mädchen dem Ahnungslosen: „Wollen Sie mich auch ab schlachten?" Hier hat ein phantastisches Dienstmädchen manche wollen aus Angst „beim Juden sich nicht Vermietheu — einen Gegenstand an eine jüdische Familie abzuliefern statt denselben ins Zimmer zu tragen, stellt das Mädchen da Abzuliefernde vor die Thür und antwortet auf eine diesbezüg tiche Frage: „Nein, ich gehe nicht hinein, sie könnten mich uoci abschlachteu." Dort will ein Fleischermeister dem bei einen; jüdischen Fleischer arbeitenden Fleischergeselleu zum Verlasse! des Dienstes unter dem Vorioande rathen: „Willst Du nocl weiter bei dem Juden arbeiten, hast Du nicht Angst, daß e Dir etwas authut?" — Die Feder sträubt sich, solches nieder zuschreiben; traurig, aber wahr sind diese Thatsachen, di Bände sprechen. Ist es da zu verwundern, daß diese Kreise für das anti semitische Gift empfänglich sind und dies seine Wirkung thnl daß hier ein durch Aberglauben und Fanatismus asfizirte Feld für antisemitische Reaktion vorhanden ist? Unsere Glaubensgenossen sind jedoch vernünftigerweise immer mehr dahinter gekommen, alle beleidigenden Aeuße rungen und schmähenden Rufe zu iguoriren, weil dieses Jgnv riren das beste und wirksamste Mittel ist. Wir wollen dennoch keine Vorwürfe, aber auch kein Klage geschrei erheben; in Zeiten allgemeiner Verwirrung, in welcher

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