Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- Seite 230 (sequence 4)
- Language
- German
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230 ligenz, durch edlen Wetlberverb auf allen ©ebieten des dffeutlichen Lebens. Indes;, auch ohne die für die Sephirazeit vocgeschriebene Trauer 511 beachten, zählt der gebildete Jude auch heute noch, ja heute mehr als je, gleich den frommen Vorfahren die Omertage, eingedenk jener talmudischen Legende, die an die Standhaftigkeit und den endlichen Sieg eines Mannes erinnert, der stolz auf seine Abstammung geblieben und selbst im Angesicht des Todes das väterliche Erbe Pflegte. „Als Haman — so lautet die Sage — bei Mordechai erschienen war, um beu Ahnungslosen dem Befehle des Ahasveros gemäß in königliches Gewand zu kleiden und auf königlichem Roß durch die Straßen der Stadt zu führen, traf er diesen, von seinen Jüngern umringt, bei der Untersuchung des Omer. Darob ganz erstaunt, erkundigte er sich über den Inhalt des Omers, ob er Silber oder Gold sei. Als er aber vernahm, daß es sich 11m ein Maß von den Erstlingen einfacher Gerste handelte, brach er in den Ruf aus: Euer Omer Gerste überwiegt die zehntausend Centner Silber, die ich, um Euch zu vernichten, dem König angeboten hatte." Ja, das Bewußtsein von dem eigenen Werthe als Mensch und als Jude, wie es dem Mordechai eigen war. das unerschütterliche Bewußtsein, das Glied eines Stanunes zu sein, der sich stets kräftiger als seine Feinde erwiesen hat, verleiht auch dem Juden der Gegenwart Muth und Kraft, in trüben Tagen seine Menschenwürde zu vertheidigen, wenn feindliche Stürme noch so mächtig um ihn toben, nicht zu verzweifeln, und das Erbe der Väter hoch und heilig zu halten, selbst wenu es seinen Gegnern so unansehnlich als wie „ein Omer- Gerste" erscheint. Seit Jahrtausenden zählt Israel, wie die frommen Väter, und auch noch heutzutage die Omerzeit, die trüben und bitteren Schicksale, die es überlebt, die Rainen der Pharaonen, der Nachfolger Amaleks und Hainaus, die es siegreich überdauert, die mannigfachen Leiden und Drangsale, aus denen es gestählt und geläutert hervorgegangen; es gewann und gewinnt dadurch Math und Kraft, Ausdauer und Hoffnung für die Zukunft, vertrauend auf den Hort seiner Väter, den einer der Dichter der Jozrot für die Sephira-Sabbathe also sprechen läßt: „Meine Erkorene! ich brachte dich in Gefangeuschaft, in des Feindes Lande gefesselt, und du wurdest zerstreut in finsterer Nacht. Doch meine entführte Hausbewohnerin wird wieder zu ihrer Würde gelangen, denn Jakob hat sich der Herr zu seinem Erbe erwählt!" Es hält symbolisch an dem erhabenen Omer-Gedanken fest, durch den wir der Idee Ausdruck geben sollen, daß die Befreiung aus Aegypten ohne Werth geblieben wäre, hätte nicht fünfzig Tage später die Gesetzgebung auf Sinai stattgefunden. Die Freiheit ün Gesetz ist also kein moderner, sondern ein uralter Gedanke, den Israel der Welt zuerst verkündet hat. Für den modernen Juden ist dieser Gedanke das werthvollste Vermächtnis; der Sephiratage. die, von welchem Standpunkte aus man sie auch betrachten mag, immer eine bedeutungsvolle historische Erinnerung bleiben werden. Diesen geschichtlichen Erinnerungen aber Iren zu bleiben, sie in der Schule uub im Hanse zu Pflegen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des modernen Jndenthnms. Me Msche. Berlin, 15. Mai. s ist erfreulich, daß die voll Herrn v. Hertzberg-Lottin imHerrenhause vorbereitete Interpellation wegen der angeblichen Geheinlschriften über Ritualmorde am Widerstande der Mehrheit der konservativen Fraktion des Herrenhauses gescheitert ist. Die Einbringung der Interpellation wird daher unterbleiben. Es ist das die beste Kritik des Antrages Hertzberg. Die Antisemiten werden natürlich die günstige Gelegenheit nicht vorübergeheu lassen, ohne der konservativen Partei etwas am Zeuge zu flicken. Aber solch häuslicher Zwist hat wenig zu bedeuten. In jedem Falle war es gut, daß das Kapitel der „Geheimschriften" wieder eimual in der Presse fachgemäß erörtert wurde. * Der Graf P ückle r aus Klein-Tschirne hat in letzter Zeit wieder einmal von sich reden gelllacht. Der Kreisausschnß zu Glogau hat nämlich in bem gegen den Grafen Pückler von der Regierung wegen seiner agitatorischell Thütigkeit eingeleiteten Diszipliliarverfahren auf Dienstentlassung aus dem Anlte als Alntsvorsteher des Amtsbezirks Klein-Tschirne erkannt. Der edle Graf hatte sich nach Kräften bemüht, an diesen! Urtheil mitznarbeiten. Er hielt vor der Entscheidung noch eine, seinen Geisteszllstand und seine Befähigung, ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden, scharf charakterisirende Rede an den Ansschuß, in der es zum Schluffe hieß: „Ich bin ferner angeklagt, durch meine antisemitischen Reden die Würde des Amtsvorstehers verletzt zu haben; ich wünschte nur, meine Herren, daß jeder Amtsvorsteher seine Pflicht so erfüllen würde wie ich und überall so energisch für Deutschthnm, Christenthum und Vaterland einträte, dann lvürdeu wir bald bessere soziale Zllstände im Lande haben als jetzt, und brauchten uns nicht herumzucirgern mit einem frernden hergelaufenen Volk. Ich habe mir durch meine politische Thütigkeit schon die größten Unannehmlichkeiten zngezogen; ich habe zweimal vor Gericht gestanden. ich bin zweimal angeklagt und zweimal freigesprochen worden. Nehmen Sie sich ein Beispiel, meine Herren, an jenen schneidigen Richterko llegien; das lvaren Männer, die das Herz auf dem richtigen Flecke hatten und die ihre Volksgenossen nicht im Stiche ließen in schwerer Stunde. Aber auch von Ihnen erwarte ich heute, daß Sie sich als rechte Männer, als wahre Christen, als lvackere Patrioten zeigen und ein freisprechendes Urtheil fällen loerden; denn Sie sind ja Menschen, die menschlich fühlen und ein Gewissen in der Brust haben, das Ihnen laut und vernehmlich sagen wird, daß diese ganze Anklage haltlos und ungerechtfertigt ist. Sollten Sie jedoch dennoch zu einen! vernrtheilenden Erkenntmß gelangen, dann werden Sie es an sich selbst erfahren, was es heißt, unschuldige Leute zu vernrtheilen." Das freisprechende Urtheil zweier Gerichtshöfe wird fast erklärlich, wenn der Geisteszustand des Grafen vor den Richtern in ähnlicher Weise zu Tage getreten ist tine in seiner Rede vor dem Kreisausschuß. Bor Könitz nichts Neues, außer daß jetzt auch das Gutachten des Berliner Gerichtschemikers Dr. Bischoff dort eiugetroffen ist. Es geht dahin, daß durch die chemische Untersuchung der Mundhöhle und Speiseröhre des Ermordeten festgestellt sei, daß Spuren von Chloroform oder anderer die Narkose herbeiführenden Mittel nicht nachzinveisen seien. Der Kriminalkonnuisfar Wehn hat nach einer Konferenz im hiesigen Polizeipräsidium um Unterstützung durch einen Amtsgenossen gebeten. Das Prüsidilun wird daraufhin noch