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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-18 · Heft 20 (18.5.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 20. Berlin, 18. Mai 1800. Allgemeine eitung oes Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nadblner El*. Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Grpe-ition: Kerün, Zerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, I Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. I Redncteur: Gustav Karpeles. l Ällhttlk. Leitartikel: Die Sephiratage. — Die Woche. — Aus Westoreußen. — Brief aus Oesterreich. — Konsistorialrath, hilf! Von Professor! Dr. G. Deutsch. — Das Iudenthum in der Musik im 19. Jahrhundert. I. i Bon Dr. Adolph Kohut. — Feuilleton: In der Kinderstube. III. Von R. Braini n. — Der Salon 1900. I. Von AL. Friedeberg. — Sprechsaal.! Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Rach richten: Berlin, i Danzig, Stettin, Lissa i. P., Hannover. Paderborn, Cassel, Aus Bayern, > Wien. — Bon Rah und Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen. Me Sephiratage. Berlin, 15. Mai.; fie Omerzeit, oder lvie man sie gewöhnlich nennt, die! Sephiratage haben bei dem größten Theil der westeuropäischen Juden ihre ehemalige Bedeutung ein* gebüßt. Die stille Trauer, die einft an diesen Tagen in Israels Häusern herrschte, ist längst einer helleren Lebensauffassung gewichen. Wer denkt noch jetzt daran, daß es einst eine Zeit gab, - und die ist noch gar rlicht lange her — wo man das Baden, Haarschneiden, das Anhören musikalischer Aufführungen, insbesondere aber die Veranstaltung von Hochzeiten an diesen Tagen als religionsgesetzlich verboten betrachtetes Nur noch in von der Kultur wellig beeinflußten Ländern, oder in Kreisen, lvo man absichtlich die Augen verschließt, um in alter Gewohnheit auch in der neuen Zeit fortträumen Zu können, werden die Sephiratage noch als Trauertage angesehen, an denen Israels Kinder ein Stillleben führen itub allen öffentlichen Vergnügungen entsagen müssen. So denkt heute auch noch die Altorthodoxie. Die Neuorthodoxie dagegen hat wohl keine Ahnuilg mehr davon, daß ein derartiges Verbot überhaupt je existierte. Die Gründe für diese stille Trauer, für loelche weder in der Bibel noch im Talmud ein nennenswerther Anhaltspunkt zu finden ist, werden von den Rabbinen mehr errathen als positiv angegeben. Joseph Karo führt als Grund die talmndische Ueberliefernng an, daß in der Zeit zwischen Pessach und Schabnoth die Jünger des Rabbi Akiba von einer fürchterlichen Pest hingerafft worden seien. Ullsere Nationalisten glauben daß diese Trauer zum Andenken an den Bar Kochbaffchen Ausstand, dem die 24 000 Jünger Rabbi Akibas zum Opfer gesalleli sein sollen, eingesetzt wurde. Die Kabbalisten, die sich mehr mit himmlischen als mit irdischen Dingen befaßten, betrachteten die sieben Sephirawochen als eine Zeit der Reinigung und Läuterung, zur Erinnerung an den Auszug aus dem unreinen Aegypten und die nothwendig gewesene Reinigung und Vorbereitung für die Entgegennahme der Gesetzesverkündigung am Sinai. Indes; hatten sie noch andere Gründe für ihre Trauer. Erstens behaupteten sie, daß die dahingeschiedenen Sünder eben um diese Zeit in der Hölle bestraft wurden. Für die, welche sich aber vor dieser Strafe nicht fürchteten, hatten sie noch einen zweiten Grund für die Trauer, weil nämlich um diese Zeit über die Feldfrüchte Gericht gehalten würde, also eine Art agrarischer Landestrauer? Manche halten freilich in neuerer Zeit den ganzen Gebrauch für heidnischen Ursprungs. Andere wieder wollen die im Schulchan Aruch für die Sephiratage vvrgeschriebene Trauer zum Andenken an die Leiden der Inden in Deutschland während der Kreuzzüge eingesetzt wissen. Für letztere Ansicht sprachen allerdings die Jozrot für die Sabbathe zwischen Pessach und Schabnoth, die noch jetzt in vielen Synagogen vorgetragen werden. Ein wehuiüthiger Hauch lagert über diesen Gebeten, und das jüdische Herz empfindet es auch heute noch, ja vielleicht gerade heute wieder sehr tief, wenn es den vom Vorbeter vorgetragenen Dialog zwischen Gott und Israel vernimmt. „Du Verwaiste, Verzehrte, warum weinest Du? Verzweifelt Dein Herz an dem, was Du einst gehofft?" „Mein Ziel verschwindet in der Ferne, die Jinsterniß hält an." „Hoffe, Arme! Gott regiert, er hat regiert und wird regieren." „Gott, mein Gott! Wie lange noch soll ich hoffen, wie lange noch das schwere Leid tragen? Rahels Kinder werden lvie Lämmer geschoren, und ich soll immer noch hoffen und hoffen!" „Hoffe, Arme, zu Deinem Schutze und Deiner Zuflucht!" Wie dem aber auch sei, was auch ursprünglich der Grund für diese Trauer gewesen sein mag, der gebildete Jude der Gegenwart hat keine Veranlassung mehr, diese Sephiratage in stiller Zurückgezogenheil zu verleben. Für ihn ist das Leben kein bloßes Hoffen, sondern ein schwerer Kamps ums Dasein und um das ihm und den Seinigen schnöde vorenthaltene Menschenrecht. Er spricht nicht mehr wie einst seine eingeschüchterten frommen Väter im inbrünstigen Gebet: „Gott, mein Gott, lvie lange noch soll ich hoffen," sondern: „Gott, mein Gott, gieb mir Kraft für mein Recht zu kämpfen und — zu siegen." Was ihm zukommt, was ihm gebührt, worauf er als Mensch, als Staatsbürger gerechten Anspruch hat, das will er nicht erflehen, nicht erbetteln durch Thränen, Bitten und Gebete, sondern erftveiten, erringen durch Bildung, Wissen und Intel-

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