Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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9 B. B. Dessau, 6. Mai. Am 80. v. M. verschied Hierselbst, wie bereits gemeldet, der Ehrenbürger unserer Stadt, der Wirkt. Geheime Rath Moritz Baron von Cohn, Excellenz. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einem Ehrentage für die hiesige israelitische Gemeinde, wie auch sür die Stadt. Von den höchsten Seiten liefen Kondolenzschreiben ein, die wiederum aufs neue ben Beweis lieferten, daß man an den maßgebenden Stellen verdienstvolle Männer ohne Unterschied der Konfession zu schätzen weiß. Von unserem Kaiser traf ein Telegramm ein, das etwa folgenden Inhalt hat: „Seine Majestät der Kaiser und König haben die Nachricht von dem Hinscheiden Ihres Herrn Vaters mit aufrichtiger Theilnahme empfangen und mich beauftragt. Ihnen Allerhöchst Ihr innigstes Mitgefühl anszusprechen. Se. Majestät haben in dem Dahingeschiedenen allezeit beit treu bewährten Diener Ihres verewigten Großvaters, des Kaisers Wilhelm des Großen Majestät, geschätzt. Gez. Eulenburg." Der Großherzog von Baden, der ebenfalls in einem Schreiben sein innigstes Mitgefühl ausgedrückt, hat zur Leichenfeier einen Abgesandten hergeschickt. Vom hiesigen Herzoglichen Hofe gingen Prächtige Blumeuspenden ein. der Herzog selbst war durch seinen Adjutanten, Oberst von Trotha, Vertretern Die verschiedenen Handelsgesellschaften, Korporationen und Behörden entsendeten ihre Abgeordneten. Die Leichenrede hielt Landrabbiner Dr. Freudenthal. Ausgehend von dem Vers: „Heute ist ein Fürst und Großer in Israel gefallen!" feierte er ben Verstorbenen zunächst als einen treuen Sohn seiner Religion, und er gab einen Allsspruch des Verblichenen lvieder, der ihul einst gesagt habe, er gäbe feine Religion um alle Ehren und Schätze der Welt nicht feil. Dann erlvühnte er feine unvergänglichen Verdienste um Kaiser Wilhelnl I. und sein engeres Vaterland. Mit denl alten Priestersegen, den, wie der Redner hervorhob. der Verstorbene selbst häufig über feine Gemeinde allssprach, schloß er seine tiefergreifende Rede. Hierauf hielt der hiesige Oberbürgermeister eine kurze Ansprache. „Die Stadt", sagte er, „steht tiefbetrübt an der Bahre ihres verdienstvollen Ehrenbürgers. Dieser habe dllrch feinen gefestigten Charakter und dllrch seltene Treue sich die Gllllst der Großen nicht nur erlvorbeil, sondern auch durch mehrere Iahrzehllte zu erhalten gewußt. In dem Denkmal, welches er dem großen Kaiser gesetzt und der Stadt geschenkt, habe der Verstorbelle seine patriotische Gesinnung für alle Zeiten bekundet. Die Stadt werde stets das Andellken ihres heinlgegallgellen Ehrenbürgers achten." Die Tochter des Verstorbellen, Frau Julie Oppenheim, der man Hochherzigkeit llachrühmt, ließ am Begräbnißtage 10000 Mark für die Armen unserer Stadt, wie auch je 1000 Mark für die Armen in Wörlitz und Oranienbaum vertheilen. wovon sie in der Residenz 7000 Mark sür evangelische, 2000 Mark für katholische und 1000 Mark für jüdische Arme bestilnmte. Wie sie sich ausgesprochen hat, gedenkt sie durch Wohlthätigkeit und Liebeswerke das Andenken ihres Vaters zu ehren. y. Dresden, 7. Mai. Nach dem Verwaltllllgsbericht und der Jahres-Rechnung unserer Israelitischen Religionsgemeinde für 1899 zählte dieselbe 502 (485) stimmberechtigte Mitglieder. Ausgenommen wurden 1899: 41 (19) Mitglieder. Ausgeschieden sind 1899 24 (23). davon 9 (7) infolge Ablebens, 14 (16) infolge Wegzugs, 1 wegen Steuerrestes. Die Religionsschule besuchten 1899 299 (269) Schüler: 155 (143) Knaben und 144 (126) Mädchell. Die Religionsschllle hat 6 Kllabennlld 6 Mädchenklassen mit je zweijährigem Kursus für die unterste und die oberste Klasse. An ihr ullterrichten Herr Rabbiner Dr. Winter als Direktor, die Herren Auerbach, Wolfsohn. Levi und Frau Wolssohn. Nach ben Ergebnissen der letzten Volkszählung vom 3. Dezember 1895 befanden sich von überhaupt 9902 Juden in Sachsen: 2547 in Dresden, 4872 in Leipzig, 995 in Chemnitz, 147 in Zittau, 146 in Plauen, 90 in Annaberg. Der Gemeinderath bestand im Jahre 1899 aus den: a) Vorstehern: 1. Adolph Salzburg, 2. Gustav Meyer, 3. Dr. Felix Bondi. b) Deputirten: 4. Max Arnhold, 5. Max Elb, 6. Carl Samuel Glückmann, 7. Julius Guttentag, 8. Oskar Lesser, 9. Edmund Salomon, 10. Adolph Schleich. 11. Heinrich Schlesillger, 12. Moritz Zobel. Die im Vorjahre noch nicht zu erzielen gewesene Feststellung des Statuts der Emil Lehmann-Stiftung ist nun in einer, dem Wunsche der Emil Lehnrann'schen Familie entsprechenden Weise am 25. Mai 1899 erfolgt. Nach Inhalt diese- Statutes hat die Stiftung den Zweck, Personen, die durch schriftstellerische oder Lehrthätigkeit irgend welcher Art zur Aufklärung über Judenthum — dessen Religion und Geschichte — oder zur Hebung des geistigen, insbesondere religiösen Lebens im Judenthum beigetragen haben oder im Begriffe stehen beizutragen, sofern sie dessen in Hinsicht auf diese Thätigkeit bedürfen, durch Bewilligung von Ehrengaben in ihrem Unternehmen zu fördern bez. für solches auszuzeichnen. Jni Sinne Emil Lehmaun's soll für die Zubilligung solcher Ehrengaben die Konfession nicht ausschlaggebend sein. Ueber die. in der Regel alljährlich erfolgende, Verwendung der Stiftungserträgnisse hat ein Ausschuß zu bestimmen, der ans einem der Vorsteher als Vorsitzenden, dem Radbiner, einem Gemeinderathsdeputirten, einem Vertreter der Emil Lehmann'schen Familie und einem Gemeindemitgliede besteht. In den Ausschuß sind zur Zeit gewählt Herr Deputirter Glückmann und das Gemeindemitglied Herr Albert Wolf, während die Lehmann'sche Familie durch Herrn Rechtsanwalt Johalnies Lehmann repräsentirt wird. Alljährlich ist am 25. Februar, dem Todestage Emil Lehmanus, in öffentlicher Sitzung dieses Ausschusses die Jahresrechnung der Stiftung festzustellen und hierbei eine würdige, aber einfache Gedächtnißfeier zum Andenken all Emil Lehmann zu veranstalten. Diese Feier hat erstmalig am 25. Februar 1900 stattgefunden. Herr Rabbiner Dr. Winter hielt die Festrede über „Das Ethische in der nachbiblischen Litteratnr". Die Ehrengaben sind, der Bestimmullg des Ausschusses entsprechend, für 1898 99 dem bisherigen Direktor der israelitischen Bürgerschule in Fürth. Herrn Direktor Moritz Stern, zlrr Zeit in Berlin, in Anerkennung seiner hervorragenden wissenschaftlichell Thätigkeit, insbesondere auf dem Gebiete der Geschichte der Juden, mld denl, unserer Gemeinde entstammten. Herrll Alphons Levy in Berlin, der nach verschiedenen Richtungen hin eine verdienstvolle schriftstellerische Thätigkeit im Jllteresse des Judenthunls eutlvickelt hat, verliehen worden. Der Besteuerungskommission wurde nach dem Haushaltplan für 1900 die Beschaffung von 35 700 Mark aufgegeben. Sämmtliche Wohlthätigkeitsvereine (11) hatten 37220,55 Mark Einnahmell und 33 792 Mark Ausgabell. Die Einnahmen der Gemeinde betrugen 63 975,60 Mark, die Ausgaben 50841,72 Mark. U. Hamburg, 6. Mai. Herr Rabbiner R. Fink, eine ill ben Kreisen der deutsch-israelitischen Gemeinde hoch geachtete Persönlichkeit, ist nach längerer Krankheit im 81. Lebensjahre verschiedell. Der Verblichene, der früher in Lantellburg in Westpreußen das Amt eitles Rabbiners versah, folgte Ellde der 70er Jahre einem Rufe nach Hanlburg, wo er nlehr als 20 Jahre als Klansrabbiner fungirte. Er war einer der bedeutendsten Talmudgelehrten Deutschlands; seine Gutachten in lvichtigen Religiollsfragell wurdeli oft auch von auswärtigen Gemeindell eingeholt. Von großer Bedeutung lvar feine Schrift Chesed Weemeß (Wohlthätige Wahrheit), wo er in der bekanntell Hamburger Friedhofsfrage mit seiner ganzen Autorität für den Ohlsdorfer Friedhof Stellung nahm mld sich in Gegensatz 311 unserm Oberrabiner A. Stern s. A. setzte; diese seilte Schrift lvar in dem Friedhofsstreit voll elltscheidender Wirklttlg. Das Hiilscheidetl des sromnien, aber auch außerordetltlich toleranten Maltnes, der sich auch durch seinen Wohlthätigkeitssinn auszeichilete erregt weit über seinen Wirkungskreis hinaus atlfrichtige Theilnahme. Die Beerdigutig fand Freitag Nachmittag utlter großer Betheiliguttg lveiterer Kreise statt; außer ben Amtskollegen von hier und Altona hatten sich Vorstandsmitglieder der verschiedenen Gemeittdeitlstitute sowie eine große Anzahl Leidtragender eingefurldeit. Die Trauerrede hielt Herr Oberrabbiner M. Hirsch, der in berebten Worten ein Lebensbild des Verblichenen entlvickelte. Ein Sohn des Verstorbenen ist der hier rühmlichst bekannte Arzt Dr. E. Fink, der auch in vielen gemeinnützigen Institutionen in der Verwalttlng thätig ist. — Am letztelt Solttttag wurde hier das älteste Mitglied des Tempelverbandes, Herr Joses Lieber mann, der ein Alter von 97 Jahrett erreicht hatte und der seit Jahrzehltten im Vorstand des Tempels thätig war, nach eigenem Wunsch still beerdigt. L. war eines der wohlthätigsten und besten Mitglieder unserer Gemeinde. Im Trauerhause sprach Dr. Marburg im Namen der Freunde, aus denl Friedhof Ballkier Joseph aus Halberstadt im Namen der Heimathgenleinde des Verblichenen, dessen Andenken hier stets in Ehren fortleben wird. Or. Essen, 8. Mai. Der Vorstand des V e r e i n s israelitischer Elemelltarlehrer für Rheinland und Westfalen hat die Petition, die diesmalige Jahresversammlung in Köln abzuhalten, um gleichzeitig mit der allgemeinen deutschen Lehrerversammlung zu tagen, mit Majorität abgelehnt. Die Jahresversannnlung des Vereins soll voraussichtlich im Herbst in Minden stattfinden. Nähere Bekanntmachung wird später erfolgen. F. Düsseldorf, 4. Mai. Anläßlich der zu Ostern nach vollendeter Schulpflichtigkeit aus der Schule entlassenen Knaben dürfte man bei