Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1900)
- Date
- 1900-05-11
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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64. Jahrgang. Itr. 19. Dev Gemein-ebote. Lerliu, N. Mai 1900. Weitage zur „Attgerneinen Zeitung des IuöentHuins". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. g£2 Berlin, 7. Mai. Es wird für unseren Leserkreis sicher von großem Interesse fein, 311 erfahren, das; bei der Großjährigkeitserklärung des Kronprinzen der Kaiser selbst den biblischen Text allsgewählt hat, über den gepredigt werden sollte, inld die Verse ans I. Nicht. 2, 2—3, die folgenden Wortlallt haben: „Ich gehe hin dell Weg aller Welt; so sei getrost ltub sei ein Mann; und warte der Hut des Herrn, daß Dil lvandelst in seinen Wegerl. nnd haltest seine Sittell, Gebote imb Rechte und Zeugnisse, wie geschrieben steht inr Gesetz Moses, auf daß Du klug seiest in Allem, das Drr thrrst, rurd lvo Du Dich hinwendest." Vor der Predigt sang die Genreinde dell Psalm: „Lobe den Herren, deir rnächtigell König der Ehren", lvorarrs Generatsilperilltelldellt. Oberhosprediger Drparlder die Festpredigt hielt, in der er ll. A. sagte: „In solchem Ernst sieht ein David zrigleirh die höchste Weisheit: „Alls das; Dll klug seiest mit allem, was Dn thust lllld wohill Dll Dich welldest." Es nrag rurs kindlich Vorkommen, weilll die israelitische Geschichtsschreibung die Regierllllg ihrer Köllige lediglich danach benrtheilt. ob sie die Gebote Jehovahs halten oder vom lebendigen Gott abfatlen. Nnd beimoct) verkündet es alte Geschichte wie ein großes göttliches Gleichnis;: „Froilllll und wahrhaftig fein behütet dell Körrig, rmd sein Throil stehet dlirch Frömmigkeit." Als der Grosze Kllrflirst eillst die Losullg lvählte: ./Pro deo ol populo“, da war es nicht nur der Ausdruck der Frönlllligkeit nlld Treue, sonderrr auch eine staatsnlällllische Aiiffassnng, die ilniner wieder 311m Siege gelangt: Wer lvahrhaft für Gott ist, ist nie gegen des Landen Heil. Wer lvirklich zum Heil dient, gereicht allch 311 Gottes Ehre. Auch von dieser Klllgheit gilt lvieder das Wort: „Sei fest und sei ein Mann". 2^2 Berlin, 6. Mai. Am 2. d. faub im groszell Saale des geselligen Vercills der Gesellschaft der FrelUlde eine außerordentliche Mitgliederversammlung des C eil t r a l v e r e i n s d e ll t s ch e r S t a a t s - bürg er jndi schell Glaubens statt, die überaus zahlreich besucht war. Eröffnet nnd geleitet lvurde die Versammlung von dein ersten Vorsitzellden. Herrn Rechtsaulvalt Tr. Horlvitz. Zll Pllnkt 1 der Tagesordlllllig lvlirde der bisherige Vorstaild in Genläßheit der nerieu Satzullgen zwecks Eiiltragnilg des Vereills in das Vereinsregister per Acelamatioil Zllln Allsschlls; gewählt. Hierauf ertheilte der Vorsitzende Herril Professor Dr. Ludwig Geiger das Wort 31t seinem Vortrage über „Goethe 1111b die Inden". Das Allditorilllil lalischte in größter Spallnung uild Anfnlerksanlkeit dem hochinteressalltell, mit größtem Beifall anfgenommenen Vortrage, in deru der gelehrte Historiker das Verhältnis; Goethes 311 hervorragenden Juden imb dessen Anschauungen über die Jlldeil in geistvoller Weise belelichtete. In der sich hier anschließenden Diskllssion streifte der Vorsitzende die Angelegenheit betrefselld des Koilitzer Mordes. Voll Seiten des Vorstandes seien alle bisher nothwendigen Schritte gescheheil. null hält derselbe es für dringend allgethan, der eingeleiteten Unlersuchung vollständig freieil Lauf zu lassen. Zll einer Agitatioil behufs Erhöhullg der staatlich bereits ausgesetzten Belohnllilg von 20 000 Mark (bis jetzt noch nie in solcher Höhe genehmigt rvordeil) könllte sich der Vorstand ans vielfachen sehr eingehend velltilirteil Gründen keinesfalls entschließen. Es lväre dies absolut zwecklos lllld würde nur der ans dem Aussterbeetat stehenden cultisemitischell Presse Stofs zu häßlicher Agitatioil bieten. Nach Klarlegung der Sachlage werde der Vorstaild selbstverständlich lviederum all die Angelegeilheit mit allen ihm zll Gebote stehenden Mitteln herantretell. Eiile weitere Diskllssiorl hielt der Vorsitzende, nüe allch jede Klnldgebnng alls der Vcrsallllnllnlg. ans triftigen Grülidell für nicht angezeigt. Nachdem sich Nielnalld lveiter zum Worte gemeldet, lvurde die Sitzllllg geschlossen. 8. Berlin, 6. Mai. Das in dem freundlichen cm der Nordbahn belegenen Vororte Lehnitz neu erbaute G e ll e s u ll g s h e i nt, welches dem Verein „Jüdisches Genesungsheiln" von den Begründern geschenkweise überlasseil ist. ist am 1. d. Mts. feinev Vestiilllnullg übergeben nild mit 31 Personell eröffnet worden. Das stattliche, geschniackvoll voll den Architekten Höniger und Sedellileier im Landhausstil ausgeführke Gebällde ist auf einem Zllr Anstalt gehörigen, 7 Morgen großeil Terrain belegen, welches voll meilenweitem fiskalischen Wald umschlossen ist. Die vor eiilem Ziergarteil belegene Vorderfront gelvährt ei n eil lv ei teil Blick über den voll der Hasel durchflosseneil ausgedehnten Lehnitzsee; die Lage ist überaus gesund lllld lllateriscb. Küche lind Wirthschastsräume, Zimmer für das .Küchen- und Hanspersolial sind in den Sonterraillräunlen untergebracht, woselbst sich allch die Eentralheiznng, Weinlllld Vorrathskeller, sowie ein Vadesaal init Wanliell. Brause- und Dollchebäder befinbeit; auch sind für liledizinische Bäder Vorkehrlingell getrofiell. Im Parterregeschos; befindet sich die WohlllNlg der Vorsteherin, das Bureau. ein Speisesaal für 60 Persollen und ein großes Unterhaltnngszimmer, alls lvelchem man in eine weite Glashalle getallgt, voll der eiile Treppe in beit Garten nnd zum Wald hinabführt, auch befinden sich hier eine Anzahl Räume für die Insassen. Im ersten Stocke befinden sich ausschließlich Räume für dieselben nnd für die Schwestern, -während im zweiten Stock neben einer Anzahl solcher Zimmer eine große Waschküche, Rollkammer nnd Wäschemagazin eingerichtet sind. Im Ganzen bietet das Heim bequem Ranm für 60 Erholungsbedürftige. Die Zimmer sind für eine oder zwei nur wenige für drei Personen bestimmt, zeichnen sich durch Geräumigkeit nnd Helligkeit ans und sind zum größten Theil mit Balkons versehen; außerdem ist von allen Seiten für geräumige Hallen Sorge getragen, welche den Erholnngsbedürstigen auch bei ungünstiger Witterung den Anfeuthatt in freier Lust gestatten. Ein Gemüsegarten soll den Insassen der Allstalt Gelegenheit zur Gartenarbeit schaffen. Das Haus ist mit Wasserleitung, elektrischem Licht und Telephon versehen nnd wird den weitgehendsten modernen Forderungen gerecht, so daß es voranssichtlich eine Zufluchtsstätte vieler durch Krankheit und anstrengende Arbeit körperlich herabgekommener Personell lverden und diesen znm Segen gereichen wird. Anmeldungen sind an das Bnrean, Große Präsidentenstr. 2, zu richten. Berlin, 6. Mai. Tie für gestern in der Synagoge in der Kaiserstraße angeknndigte Sabbathpredigt des jüngst in sein Amt hier eingeführten Rabbiners Dr. Eschelbach er mußte ansfallen, da derselbe um diese Stunde zur Audienz bei dern hier aus Anlaß der Großjährigkeits-Feierlichkeiten anlvesendeu Großherzog von Baden befohlen war. L. Stettin, 4. Mai. Der B r ü derverein. der nun schon bald 40 Jahre besteht, ist in hiesiger Gemeinde wohl der größte, gehören ihm doch ca. 500 Mitglieder an. Wie segensreich er nürkt, ersehen wir ans dem soeben erstatteten Jahresbericht: an Krankenpflege wurden 1461,60 Mark nnd für Unterstützungen *00 Mark verausgabt. Er wird hauptsächlich voll jungen Leuten in Allspruch genommen, in Krankheitssä lleu steht denselben Arzt und Apotheke gratis zur Verfügung und sind zu diesem Zlveek vom Verein zloei Aerzte engagirt. In besonderen! Fällen lverden solche auch in den hiesigen Krankenhäusern nutergebracht und ans Verlangen auch eine Beihilfe zu einer etwa nöthigen Badereise gelvährt. Aber der Verein pflegt auch Wissenschaft und Geselligkeit, er veranstaltet tvährend des Winters Vorträge, die sich in hiesiger Stadt eines lvohlbegri'nldeten Rufes erfreuen und scheut keine Kosten, um die bestell Redner zu gewilmeu. So sprach in der letzten Saison auch der durch seine lauge Gefangenschaft bekannt gewordene Nenfeld, dessen Vortrag allseitigen Beifall fand. Der Geselligkeit bienen die Konzerte, die im Sommer und Winter veranstaltet werden, dvch scheint uns die dafür verausgabte Summe von 2150 Mark etwas hoch. Das Vermögen des Vereins beträgt ca. 26,400 Mark, welches in Effekten und bei der Sparkasse Hierselbst sicher nild zinstragend angelegt ist. — Dieser Tage fand die ordentliche General - Versammlung statt, die etlvas stürmisch verlief und sich dadurch bis gegen zlvölf Uhr Nachts ausdehnte; die zeitigen Vorsteher lvnrden bis ans den Schriftführer, Herrn Dr. Landsberg, wieder gewählt, an feine Stelle kam Dr. Zade.