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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-11 · Heft 19 (11.5.1900) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 19 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
Seite 228 (sequence 14)
Language
German
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228 „Mir setzen die Kinder auf der Straße auch genug zu", klagte Moses, „sie rufen mir nach Jud, Jnd Jtzig . . „Schämst Du Dich, wenn nmu Dich Jude nennt?" „Gott behüte, Papa, aber warum geben sie mir keine Ruhe? Was Hab' ich ihnen denn gethan?" Der Kleine senkte beii Lockeukopf und seine grasten Augen blickten zur Erde. Er schwieg eine Weile, dann sing er an mit weinerlicher Stimme schüchtern zu stammeln: „Papa . . . nimm . . . nimm mich ans der . . . Schule . . . ich mag die Schule nicht . . . nicht leiden. Ich kann das ganze . . ganze Lernen nicht ausstehen . . . nicht aussteheu . . „Welches Lernen?" „Das ganze Lernen . . . alles was sie in der Schule lernen . . ." Warum kannst Du das Lernen nicht ansstehen? Was hat Dir das Lernen gethan?" „Weil ich die Lehrer nicht mag ..." „Die Lehrer?" „Sie kranken mich . . . sie thnn inir Unrecht ... ich weiß es . . . Sie blicken mich jo an . . . Erst heute sagte mir der Lehrer ..." In seinen Zügen malte sich aufrichtiger Schmerz . . . Ich sah, iine er alle Anstrengungen machte, um nicht in Weinen ausznbrechen. „Was hat er Dir gesagt, mein Kind?" „Ich schäme mich, es zu wiederholen. Ich drängte nicht weiter in ihn. Der Kummer, der sein Gesicht beschattete, that mir weh. „Papa, Papa" unterbrach er endlich das Schweigen „weißt Du was, unterrichte Du mich . . . sei Du mein Lehrer. Schicke mich nicht mehr in die Schule . . . Dort sind die Stunden so lang. Alles ist so langweilig . . . das dauert tausend Jahre jeden Tag . . . Und die Lehrer sehen mich so au . . . Ich habe ihnen ja garniehts gethan . . . Und die Kinder auf der Straße . . . Schicke mich nicht mehr in die Schule . . . Nimm mich zu Dir . . . ich werde Dir schreiben helfen . . . ich bin stark . . . ich kann es machen . . ." „Wenn ich in . . . in die Schnu—ille komme," stammelte der Jüngste, der sich bisher schweigend verhalten hatte, „wenn ich in die Schule komme und der Lehrer mich beleidigt, gebe ich ihm eine Qrseige . . . „Was? Den Lehrer willst Du schlagen? Was sagst Du, das ist ja Sünde, auch nur wenn man davon spricht, nicht wahr, Papa?" rief Rebekka erstaunt, und eine leichte Röthe überzog ihr Gesicht. Moses streichelte indeß mit seinen iveichen urtb zarten Händen meine Wangen und fragte: „Papa, giebt es Schulen, wo alle Schüler und Lehrer Inden sind." „Jawohl." „Wo giebt es solche Schulen?" fragten alle meine kleinen Hörer einstimmig. „In dem Laude unserer Vorfahren, in Palästina." „Ach, Papa, schicke uns in eine solche Schule", baten Rebekka und Moses. „Ach, wie schön muß es dort sein. Dort würde uns Niemand was zu Leide thnn." „In meiner Schule giebt es nur zwei jüdische Schülerinnen," sagte Mirjam, „sonst sind alle Christen." „Auch ich habe nnr einen jüdischeil Mitschüler, aber auch er schimpft mich Jude," bemerkte Moses traurig. Ich verspürte, daß ein böser Wind in der Kinderstube rvehte, welcher die reinen Seelen vergiftete . . . Einige Minuten später hatte meine Kinderstube ein ganz anderes Aussehen; das älteste Mädchen hatte sich als eine blinde, alte Frau vermummt lind der jüngste Knabe machte ihren Führer. Rebekka spielte eine Schwerkranke, lag da und ächzte, und Moses untersuchte ihren Puls und verordnete ihr Medizin. Ein Weile spater verwandelte sich die blinde Alte in einen Prediger, der auf der Kanzel oratorische Gesten allsführte und den audächtigeu Zuhörern den Segen ertheilte, dann wurde aus dem Prediger plötzlich ein allsgelassener Straßenjunge, der tolle Streiche vollführte, wahrend der Jüngste. Josef, einen Kapellmeister agirte, der mit großem Geschick das Dirigentenstübchen schwang. Rebekka verließ bald, gründlich kurirt, ihr Krankenlager und ward Blumenverkäuferin, während Moses in kurzen Zeiträumen nacheinander Lastträger, Schreiber mib Hirte war. Das Zimmer widerhallte vonJauchzeu und Frendenrufeu. Niemand philosophirte. Niemand klagte und Nieinand beschlverte sich. Die Lehrer ilnd die Lehrerinuen mitsammt ihreul Haß ilnd ihren Ungerechtigkeitell nild ihrern Unterricht waren vergessen llnd verschollen. Aber in einem Moment ward die allgeineille Harmonie zerstört. Irgend eine Kleinigkeit hatte hingereicht, nm Unfrieden und Zank zu ftiften. Das Spiel war verdorben, und nun karnen sie alle herbei, um mir ihre großen, kleinen Leiden zll klagen, ein Jedes wälzte die Schuld auf das Andere ab llnd suchte mich voll seiner absoluten Gerechtigkeit zu überzeugen. Doch das dauerte llicht lange. Im Nll war der Friede lvieder hergestellt, die frohe Laune kehrte lvieder ein. Als ich das Zimmer verließ, folgte mir ein donnerndes „Hurrah!" aus vier kindlicheu Kehlen. „Hurrah!" Hurrah!" Hurrah? (Schluß folgt.) Fitterarische Mitteilungen. — Einige Beiträge zur Geschichte der Juden dürfen auf allgemeines Interesse rechnen. Dr. A. E ck st e i n hat „N a ch t räg e zur G e s ch i ch t e d e r I u d e u i m e h e malige n F ii r st bisthu m B n m berg" (Bamberg 1899. Ha n dels-Drnckerei) geliefert, in denen er die Untersuchungen des jüdischen Gerichts von Bamberg im Jahre 1793 94 nach neu anfgefnndenen Akten schildert,und einem Ehrenmann wieder seiugutes -stecht zukoulmen läßt. Auch sonst findet sich in der Schrift noch manches Interessante zll der neueren Geschichte der Juden in Bayern. —Zum ersten Mal schildert 21. Fried m a nn die „Geschichte der Juden i n I n g o l st a d t" (Ingolstadt 1900) auf Grund eingehender Forschungen vom Jahre 1300 an bis ans die Gegenwart. Die Schrift ist eine sehr tüchtige nub zuverlässige Arbeit, die einen wertvollen Beitrag zur Geschichte einer alten und noch heute blühenden Gemeinde bietet. — Nach Bayern führt uns auch eine Arbeit von Dr. Max Süß hei um „Die p a r l a m e u t a r i s che T h ä t i g k e i t D r. j n r. David M o x g e n st e v ns" (Kempten 1900), in der ein Nachkomme des bekannten bayrischen Abgordueten dessen Thätigkeit von 1849—1855 schildert. Innerhalb dieses Zeitraums hatte Morgenstern wiederholt Veranlassung für die Inden und ihre Rechte einzntreten. Er that dies stets m ebenso geistvoller wie wirksamer Weise, und darum ist dieses Erinnernngsblatt mit Dank ^nfznnehmen. — Ein Vortrag von Leon S ch e i ii h a n s (Berlin 1890 21. Sebolem) schildert „Die alte Geschichte der r ii s s i s ch e u und P o l n i s ch eit Jude u" auf Grund des einschlägigen Quellenmaterials in sehr interessanter Weise. Schade, daß das hübsche Büchlein durch Druckfehler entstellt ist. Es ist zu wünschen, daß der Autor seine Studien nach dieser Richtung hin weiter ausdehnt, um so mehr, da er schon durch die kleine Schrift seine entschiedene Begabung für derartige historische Arbeiten erwiesen hat. — Druck und von Verlag Rudolf Blosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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